Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 70
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leuten und Wissenschaftlern auf Wunsch die Be-
nutzung bereits gestattet.

Das Architektur-Archiv enthält die Bestände, die
die Technische Hochschule bisher unter dem
Namen „Architekturmuseum" in ihrem eigenen
Gebäude untergebracht hatte. Es umfaßt etwa
10 000 Blätter, Entwürfe vornehmlich aus der
zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Die
Sammlung ist 1886 von Raschdorff angelegt wor-
den. Sie besitzt unter anderem die Nachlässe der
beiden Langhans, von Ludwig Persius, Stüler,
Strack, Quast, Lucae usw. Bestände ähnlicher
Art besitzt die Hochbauabteilung des Preußi-
schen Finanzministeriums in ihrer Plansamm-
lung. Diese enthält die behördlichen Entwürfe
seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts. In dem
Hochschularchiv befinden sich hauptsächlich
Arbeiten von Privatarchitekten; von Baubeam-
ten in der Regel nur, soweit es sich um deren
Privatarbeiten handelt, die allerdings, wie z. B.
bei Stüler, erstaunlich zahlreich sein können.
Die gegenwärtige Ausstellung enthält, da sie die
preußische Staatsbaukunst veranschaulichen soll,
größtenteils Gegenstände des Ministeriums; je-
doch sind eine Reihe der bedeutendsten Arbeiten
(z. B. das Modell der Münze von Gentz, der
Entwurf zum Friedrichsdenkmal von Friedrich
Gilly, die Entwürfe von Persius) dem Hoch-
schularchiv entnommen. Das dritte in diesem
Rahmen wichtige Archiv ist das des Schinkel-
museums. In der gegenwärtigen Ausstellung sind
die Ergebnisse der ersten vorläufigen Nach-
forschungen in diesen drei Archiven vereinigt.
Die Einrichtung der Studienräume soll weitere
Arbeiten auf diesem Gebiet ermöglichen.
Die Pläne zur Begründung dieses Instituts sind
gemeinsam von Ministerialrat Behrendt vom
Preußischen Finanzministerium und Professor
Krencker von der Technischen Hochschule ge-
macht worden. Das Institut hat die Aufgabe, den
Forschungen auf dem Gebiet der Baukunst des
19. Jahrhunderts zu dienen. Seine Bedeutung
besteht also darin, derjenigen Epoche zu gelten,
die die Verbindung mit der ferneren Vergangen-
heit herstellt und deren Bearbeitung die wich-
tigste baugeschichtliche Aufgabe unserer Zeit ist.
Für die Klarstellung der Baukunst des 19. Jahr-
hunderts ist noch so gut wie nichts getan. Möge
die Technische Hochschule als die zuständige
Stelle für die Untersuchung und Formulierung
der Prinzipien der modernen Baukunst in den
Stand gesetzt werden, die Studienräume in der
für die wissenschaftliche Arbeit wünschens-
werten Weise einzurichten. Denn deren Er-
gebnisse würden für die praktische Entwurfs-
arbeit der Gegenwart von entscheidender Be-
deutung sein. Jahn

BEMERKUNGEN ZUM „SYSTEM EINER
HISTORISCHEN ARCHITEKTURLEHRE"
VON G. A. PLATZ IN HEFT 1 DER ARCHI-
TECTURA. Es ist sehr dankenswert, daß einmal
eine Klärung in den Begriffsbestimmungen des
Systems einer „historischen Architekturlehre",
wie Platz die Summa von Stillehre und Bauge-
schichte bezeichnet, versucht worden ist, wenn
auch der Sache nach seit längerem schon Einig-
keit über das „Was" herrscht, ungeachtet dessen,
ob die drei Grundfaktoren des Gebietes nun „Ge-
schichte, Anschauungslehre und Gestaltungs-
lehre" oder „Geschichte, Ästhetik und Stillehre"
heißen, oder ob, wie ich vor etwa zehn Jahren
vorgeschlagen hatte, man nach der Bauaufgabe
und den ästhetischen und technischen Lösungs-
arten fragen sollte.

Nun kommt es auf das „Wie" an, und hier
möchte ich Herrn Platz vor allem fragen, ob er
die bewußten drei Faktoren hintereinander leh-
ren und die Bauwerke sozusagen als Illustra-
tionen dafür bringen, oder ob er das Bauwerk in
den Mittelpunkt der Betrachtung rücken und an
ihm die Wirkung der Faktoren exemplifizieren
will. Meiner Meinung nach müßte der Lehrer
den letztgenannten Weg gehen, denn erst, wenn
beispielsweise beim Pantheon in Rom die kultu-
rellen Gegebenheiten, sodann die ästhetische
Struktur und endlich die Art und Weise, wie der
Bau in Raum und Form seine Wirklichkeit er-
hielt, besprochen und erklärt werden, bekommt
der Schüler das rechte Bild vom Objekt.

Auch die Art und Weise, wie die drei Faktoren
in den Dienst der Aufgabe gestellt werden sol-
len, ist einleuchtend, nur eine kleine Erwide-
rung sei gestattet, die die Frage der ästhetischen
Funktion betrifft. Herr Platz spricht da mit
Entschiedenheit gegen die „starren Gesetze".
Er denkt dabei wohl an die Regeln im Mauch
oder beiVignola u.a. Aber es gibt m.E. doch noch
Gesetze, die nicht an der Oberfläche liegen, die
aber von ganz gewaltigem Einfluß auf die Bau-
form in ihrer Ganzheit gewesen sind und eben
darum nicht gewissenhaft genug gelehrt und ge-
pflegt werden können. Ich möchte hier auf die
Mössel'sche Morphologie1)verweisen, die sehr
viel Anregungen bietet und deren Sinn ein tie-
ferer ist als nur geometrische Deduktion. Mit
diesem Hinweis komme ich zugleich auf einen
weiteren Passus im Platz'schen Aufsatz, der sich
gegen das „präzise technische Zeichnen" wen-
det. Wer einmal in praxi erlebt hat, wie der
Schüler oder Student eine Wandtafelzeichnung
in sein Heft abzeichnet, und wie in dieser Ab-
zeichnung gerade das A und O der Form, näm-

') E. Mössel, Urformeil des Raumes als Grundlagen der
Formgestaltung (München 1931).

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