Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 72
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ziert, und zwar möglichst vielerlei, wobei der
Nachdruck auf die Entwurfsidee zu legen ist,
nicht aber auf die Einzelheiten. Ich stimme in
dieser Beziehung völlig Auguste Perret bei, der
einmal gesagt hat: „Architecture c'est ce qui
fait les belies ruines." Was ein Bauwerk noch
als Ruine oder besser als Rohbau bedeutet, das
ist an ihm wesentlich. Ich leugne nicht, daß an-
dere Zeiten anders gedacht haben (z. B. Barock
und Rokoko). Aber für uns ist eben die große
Gestalt das Wesentliche und nicht das „Addi-
tive", das Überflüssige, der Überfluß. (Es be-
darf kaum einer Erwähnung, daß diese große
Gestalt entweder beseelt oder seelenlos ist.)
Auge und Hand des Kunstschülers müssen bei
jeder Gelegenheit geübt werden. Auch dies ge-
schieht am besten in Skizzierübungen. Dabei
mag das präzise Zeichnen in der Bauformen-
lehre und im Aufnehmen von Bauwerken zu
seinem Rechte kommen, das genaue Ergebnisse
und Vergleichsmöglichkeiten liefert. Auf die
Bauformenlehre möchte auch ich keineswegs
verzichten. Ich bin von dem Herausgeber dieser
Zeitschrift darauf aufmerksam gemacht worden,
daß solche Skizzierübungen, wie ich sie mir
denke, mit großem Erfolg in einem Kolleg von
Friedrich von Thiersch an der Münchener Hoch-
schule betrieben worden sind. Um Proportionen
rasch und annähernd richtig darzustellen, wurde

eine karrierte zimmerhohe Wandtafel verwen-
det, an der Thiersch seine — z. T. auch perspek-
tivischen —- Skizzen freihändig entwarf. Die
Studenten benutzten besonders angefertigtes
Papier mit einem der Tafel entsprechenden ver-
kleinerten Quadratnetz und konnten daher dem
Meister verhältnismäßig gut und ohne Zeit-
verlust folgen. So entstand in einem zweistün-
digen Kolleg während eines Semesters eine Fülle
von Skizzen, die am Schlüsse jeder Übung von
den Assistenten durchgesehen und gleich testiert
wurden.

Auf Genauigkeit kommt es m. E. dabei nicht
an. Dafür gibt es andere Gelegenheiten — Bau-
form enlehre, Aufnahmen usw. Genauigkeit im
Nachzeichnen macht unselbständig. Jede selb-
ständige Zeit, jeder wirkliche Künstler hat
ältere Baudenkmäler selbständig angeschaut
und dargestellt. Selbständig heißt persönlich
und nicht objektiv. Wollen wir Nachahmer
züchten, dann quälen wir sie weiter mit graphi-
schen Darstellungen, wollen wir selbständige
Architekten, dann geben wir ihnen den Geist
der Überlieferung und verzichten auf das Ver-
gängliche. Aus diesen Gründen muß ich an
meinen Vorschlägen festhalten. Ich gebe mich
allerdings darüber keiner Täuschung hin, daß
meine Auffassung vorläufig nur von wenigen
geteilt wird. g. a. Platz

BÜCHERSC HAU

RICKE, Herbert, Der Grundriß des Amarna-
Wohnhauses. 56. wissenschaftl. Veröffent-
lichung der Deutschen Orient-Gesellschaft.
VIII, 72 Seiten mit 26 Tafeln und 60 Abbil-
dungen im Text. Fol. Verlag: Hinrichs'sche
Buchhandlung in Leipzig, 1932. Preis broscli.
54,— RM., geb. 61,50 RM.

Während man in Ägypten die Grabbauten als
die „Häuser der Ewigkeit" möglichst monumen-
tal, am liebsten in unvergänglichem Stein aus-
geführt hat, sind die Wohnhäuser dem jeweili-
gen Bedürfnis entsprechend in der Regel nur aus
vergänglichen, ungebrannten Lehmziegeln er-
baut worden. Das warme, meist trockne Klima
Ägyptens macht feste Dächer mehr oder weni-
ger entbehrlich. Die Häuser der ägyptischen
Bauern sind daher mit dünnen und wenig festen
Mauern ausgeführt. So kommt es, daß von sol-
chen Häusern viel weniger erhalten geblieben
ist als von den Grabbauten oder auch von
Tempeln, meist nur spärliche Fundamente und
wenige Schichten des aufgehenden Mauerwerks.
Das Studium der Wohnhäuser hat daher in
Ägypten die Ausgräber im allgemeinen wenig

gereizt, zumal solche Arbeit besondere Sorgfalt
bei der Ausgrabung und der zeichnerischen Auf-
nahme erfordert.

Vorzugsweise hat sich die Deutsche Orient-Ge-
sellschaft dieser Aufgabe angenommen, als sie
durch L. Borchardt el-Amarna, die Residenz-
stadt des großen Reformators Echnaton (1375
bis 1350 v. Chr.), systematisch auszugraben an-
fing. Diese durch fünf Jahre fortgesetzte und
nur durch den Krieg jäh abgebrochene Ar-
beit hat Hunderte von Wohnhäusern, kleine,
große und ganz große, ans Tageslicht gefördert.
Borchardt hat darüber bekanntlich in den jähr-
lichen Mitteilungen der DOG. kurz berichtet
und eine gedrängte, zusammenfassende Dar-
stellung in der Zeitschrift für Bauwesen, Jahr-
gang 66 (Berlin 1916), gegeben. Jetzt legt sein
Mitarbeiter Dr.-Ing. H. Ricke an Hand zahlrei-
cher Einzelpläne die erste eingehende Geschichte
der Grundrißbildung des altägyptischen Wohn-
hauses vor, von den kleinsten und einfachsten
bis zu den hochentwickelten Formen, die das
Wohnhaus im Neuen Reiche erreicht hat.
Mit voller Absicht hat sich der Verfasser vor-

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