Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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läufig auf die Betrachtung der Grundrisse be-
schränkt. Die Aufrißentwicklung und die Aus-
stattung der Häuser wird nur soweit herange-
zogen, wie es zum Verständnis der Grundriß-
bildung notwendig erscheint. Diese Beschrän-
kung hat ihren guten Grund darin, daß man
über den Aufbau der Häuser noch nicht in jeder
Beziehung klar ist. Besonders bezieht sich das
auf die Frage, ob und wie weit in einzelnen
Fällen Obergeschosse vorhanden waren. Wir
möchten aber doch unserer Hoffnung Ausdruck
geben, daß in nicht zu fernen Tagen ein weiterer
Band uns auch über den Aufbau des Amarna-
Wohnhauses unterrichtet, selbst auf die Gefahr
hin, daß einige Fragezeichen hier und da im
Text stehen bleiben müssen. Wenn das un-
geheure Material, welches die deutschen Aus-
grabungen gewonnen haben, publiziert vorliegt,
wird man auch die neueren Entdeckungen und
Erfahrungen sachgemäß angliedern können.
In der Einleitung stellt der Verfasser eine theo-
retische Betrachtung über die Anfänge des
ägyptischen Wohnhauses an, die sich ja ganz im
Nebel der Vorzeit verlieren. Er versucht aus den
späteren Bauformen und Hausdarstellungen auf
die Urformen rückzuschließen.

In der einräumigen Mattenhütte, rechteckigen
Grundrisses, also in einer transportablen Hütte,
sieht der Verfasser die gesuchte Urform des
ägyptischen Wohnhauses, d.h. also in einer Zeit,
als die Bewohner noch nicht seßhaft gewesen
seien. Erst als die Bevölkerung zum Acker-
bau übergegangen sei und feste Wohnsitze ange-
nommen habe, sei der Lehm, der Nilschlamm,
das gegebene Baumaterial geworden. Der Weg
zum Ziegelbau führe über verschiedene Stufen:
Rohrwände, die mit Lehm verstrichen sind,
Mauern aus gestampftem Lehm oder Lehm-
patzen und endlich Wände aus richtigen Zie-
geln gleicher Größe.

So wertvoll und richtig diese Ausführungen
im einzelnen auch sind, bin ich doch nicht rest-
los davon überzeugt, daß man die Mattenhütte
tatsächlich als die Urform des ägyptischen
Wohnhauses ansehen darf. Zweifellos hat es
solche Matenhütten gegeben; ob man sie aber
als die Urform des ägyptischen Lehmziegel-
hauses ansehen darf, bezweifle ich. Ich sehe in
den Hütten mehr die Sommerlauben, Leicht-
konstruktionen, die neben den eigentlichen
Wohnhäusern errichtet worden sind. Derartige
Hütten konnten zweifellos viel weiträumiger ge-
macht werden, als die bescheidenen Lehmhäuser
mit ihren Rohr- und Erddächern.

Darum die Verwendung dieses Skelettbaues mit
Mattenbespannung als Festhalle, als „Gottes-
hütte", als Verdeck oder Laube auf dem Nil-

schiff. Die Entwicklung des ägyptischen Wohn-
hauses können wir meines Erachtens nur bis zur
rechtwinkligen Lehmhütte mit horizontalem
Rohrdach zurückverfolgen.

Von da aus aber geht die Entwicklungsreihe
ganz folgerichtig weiter, wie der Verfasser sie
einwandfrei und lückenlos nach den Typen von
el-Amarna aufzeigt. Den Abschluß in der Ent-
wicklung, den Höhepunkt des ägyptischenWolin-
baues überhaupt, bilden die Großen Häuser von
el-Amarna und die königlichen Paläste, mit
denen der Verfasser seine wertvolle Abhandlung
schließt. Uvo Hölscher

HÖLSCHER, Uvo. Excavations at aticient The-
bes 1930/31. (The Oriental Institute of the
University of Chicago —- Oriental Institute
Communications No. 15.) 65 S., 41 Textabb.,
4 Tfl. 17,5 : 24,5 cm. Geheftet 1,— Dollar.
The University of Chicago Press, Chicago 1932.
In dieser Abhandlung legt H. in erster Linie
den vorläufigen Bericht über seine Grabungen
von 1930/31 in Medinet Habu vor und liefert da-
mit die Fortsetzung zu den in der gleichen
Schriftenreihe veröffentlichten Grabungsberich-
ten von 1924—28 (No. 5 der Serie), von 1928/29
(No. 7) und von 1929/30 (No. 10).
Die Ergebnisse der Kampagne von 1930/31 stel-
len sich in großen Zügen dar wie folgt: Der
Tempel- und Palastbezirk von Medinet Habu ist
nun bis auf einen in der Mitte der westlichen
Ringmauer befindlichen Turm (Tor?) erforscht.
So kann H. eine in allem Wesentlichen ge-
sicherte Rekonstruktion der Gesamtanlage bie-
ten. Hierbei finden die früheren Darstellungen
H.'s über „Das Hohe Tor von Medinet Habu"
(12. Wiss. Veröff. d. Dtsch. Orient-Ges., Lpzg.
1910) wertvolle Ergänzungen. Das Rätsel der
Haremsräume just in den Obergeschossen des
Haupt-Festungstores findet freilich auch jetzt
noch nicht eine völlig befriedigende Erklärung.
Nimmt man die Deutung dieser Zimmergrup-
pen als eine Art „königlichen Kiosks" an, so
kann der Schlüssel zum Verständnis ihrer An-
lage gerade im Torbau m. E. in dem aufgedeck-
ten Stichkanal zu suchen sein, der vom Nil her-
auf bis dicht vor das Tor führt und hier mit
einer Kaianlage zu Füßen des Hohen Tores
endet. Die mit Sicherheit zu rekonstruierenden
Fenster der oberen Tor-Geschosse gaben mithin
den Insassinnen des Harems die Möglichkeit,
Prozessionen und sonstigen Aufzügen vom Ha-
fen her beizuwohnen, ohne selbst gesehen zu
werden, eine Möglichkeit, die ihnen sonst bei
der völlig abgeschlossenen Lage des eigentlichen
Harems, der durch die Grabungen gesichert und
an Ort und Stelle in dem unteren Teil des auf-

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