Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 83
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einen Bau zu entwerfen und auszuführen ver-
steht, wird, anspielend auf den Titel des Vitruv-
schen Buches: de archit.ectura mit der Bezeich-
nung architector oder architectus geschmückt.")
Diesen Ansichten widersprechen die Erwähnun-
gen von Laienbaumeistern und Bautrupps. Ver-
mutlich liegen die notwendigerweise zu klären-
den Dinge so, daß weltliche (organisierte) Bau-
trupps auch noch tätig waren und berufen wur-
den, als schon eine längere Pflege der baukünst-
lerischen Aufgaben durch die Klöster bestan-
den hatte. Es kommt nun wirklich nicht mehr
auf „Annahmen", sondern auf positive Nach-
weise an, ob hier eine Art von Verschmelzung
stattgefunden hat oder ob Heyne doch ganz
richtig folgerte, indem er die Steinmetzbrüder-
schaften aus den Bautrupps ableiten zu können
meinte. „Erwägungen" und wortreiche Um-
gehungen der entscheidenden Tatsachen bleiben
uns auf diesem Gebiete hoffentlich erspart.
Um so willkommener werden glückliche Funde
seither unbekannter archivalischer Belege sein,
die allein in der Lage sein können, diese Fragen
Überzeugend zu beantworten.

Was die Bautätigkeit in den Klöstern betrifft,
stehen sich auch wieder zahlreiche Behauptun-
gen und auch Erwähnungen von Tatsachen bei
den älteren Bearbeitern des Stoffes (Janner
usw.) und ein fast vollkommenes Übergehen
dieser Voraussetzungen und Probleme in der
neueren Literatur gegenüber. Die einseitige Ver-
engung des Blickfeldes geht so weit, daß z. B.
in einem Buche mit dem Titel: „Eine deutsche
Bauhütte aus dem Anfange de9 13. Jahrhun-
derts", zwar sehr gründlich über die Werke
dieser „Bauhütte", Walkenried usw., gehandelt
ist, aber von dem Baubetrieb, den entwerfenden
Architekten, den Werkleuten usw. nicht ge-
sprochen wird. Die vollkommene Gleichgültig-
keit diesen Fragen gegenüber geht sehr deutlich
daraus hervor, daß H. Giesau, der Verfasser
dieses Buches, sogar die bei Eckstorni über-
lieferte Nachricht über den Abt Heinrich III.,
unter dem die Walkenrieder Kirche gebaut
wurde, bringt: „Fuit pius, doctus, sincerus et
architecturae peritus. Habuit conversos XXL la-
tomos, cementarios, architectos et fabros fer-
rarios insignes qui templo condendo strenuam
navarunt operam" —, „ohne — aber — auf die
Einzelheiten allzuviel Gewicht legen zu wol-
len." Daß man diese Tatsachen einfach nicht
sehen wollte, belegt sehr deutlich auch das Buch

von H. Rose: Die Baukunst der Zisterzienser,
München 1916l).

Die hier in Rede stehenden Probleme können
aber nicht gelöst werden, wenn diese als selbst-
verständlich hingenommenen Voraussetzungen
des sog. „klösterlichen Baubetriebes", d. h. die
Bauvorgänge der Benediktiner, der sog. Hir-
sauer Schule und der Zisterzienser nicht end-
lich einmal zum Gegenstand einer gründlichen
Untersuchung gemacht werden, bei der in erster
Linie alle erreichbaren Urkunden zu sprechen
hätten.

Aber nicht nur im Hinblick auf die uns be-
schäftigende Frage, nach der Entstehung der
Bauhütten, auch für die Klärung der Bau-
geschichte selbst — der der Hirsauer Schule
oder der der Zisterzienser usw. — sind die
Erfüllungen dieser Aufgaben unerläßlich. Der
sehr schwankende Boden der Stilkritik und die
unsicheren Schlußfolgerungen aus „Beobach-
tungen" müssen — soweit das irgendwie möglich
ist — durch Feststellungen von Tatsachen er-
setzt werden. Man wird der obengenannten
Literatur keine Vorwürfe machen wollen, weil
sie dem „Zeitstil" der damaligen Kunstgeschichte
folgte, aber es doch als seltsam anmerken dür-
fen, daß z. B. Giesau, der die Nachricht über
den Abt Heinrich III. bringt und Verbindungen
von Walkenried mit Maulbronn erkannt zu
haben glaubt, gar nicht auf den Gedanken ge-
kommen ist, festzustellen, ob Abt Heinrich III.
vielleicht aus Maulbronn nach Walkenried ge-
kommen ist — oder vielleicht auch nicht, son-
dern sonstwoher. Sicher ist der „Augenschein",
der oft angeblich „untrügliche", etwas sehr
schönes, aber die Feststellung von historischen
Tatsachen ist eben etwas ganz anderes. Gewiß
ist die „An—sieht" — im subjektiven und ob-
jektiven Sinne genommen — eine wertvolle und
bei allen Kunstäußerungen unumgängliche
Auch-Tatsache, aber gewiß doch nicht die ein-
zige und allein ausschlaggebende.

Wir brechen die Erörterung dieser, eigentlich
längst erledigten Fragen nach den Problem-
stellungen bewußt und scharf ab und konzen-

1) Auch in dem neuerdings erschienenen Buche von
P. Klein: Die Andernacher Bauhütte, Bonn 1932, ist
nichts iiher die Bauhütte zu finden, bis auf die
naiven Eingeständnisse S. 67: „Wie haben wir uns die
Abhängigkeit der zu besprechenden Bauten von der
Andernacher Hütte zu denken? Wir wissen noch zu
wenig über die Organisation der romanischen Bauhütten,
um diese Frage klären zu können."

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