Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 84
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trieren die Forderungen an die zu lösenden Auf-
gabenkreise in folgenden Themen:

1. Baubetrieb und Baumeister der altchrist-
lichen Architektur.

2. Baubetrieb und Baumeister der byzantini-
schen Architektur.

3. Baubetrieb und Baumeister des Benedik-
tinerordens.

4. Baubetrieb und Baumeister der Cluniazenser.

5. Baubetrieb und Baumeister der sog. Hirsauer
Schule.

6. Baubetrieb und Baumeister der Zisterzienser.
Die in diesen Anforderungen enthaltenen Auf-
gaben schließen es vollkommen aus, daß befrie-
digende und zu erhoffende Lösungen dieser
Probleme in unstatthaften Zusammenfassungen
— etwa „Der klösterliche Baubetrieb des frühen
Mittelalters" u. a. — geboten werden kön-
nen. Wenigstens wird man C. Justi's berechtigte
Antipathie gegen einen kunstgeschichtlichen
Betrieb, der nur ein „Wiederkäuen" — wie Justi
sagt ■— darstellt, voll teilen und bei der Behand-
lung dieser Themen eben Besseres erwarten
dürfen.

In ganz vager und unerträglich unbestimmter
Form wird dann das Dasein der weltlichen Bau-
hütten hingestellt. Man könnte sich mit der Tat-
sache abfinden, einmal, wenn die Aussicht auf
das Auffinden aufschlußreicher Archivalien er-
gebnislos wäre, was erst festzustellen bleibt und
unwahrscheinlich ist, ferner, wenn der Gewinn
solcher Feststellungen a priori als ein zweifelhaf-
ter nachgewiesen wäre. Es handelt sich jeden-
falls um eine nicht gerechtfertigte Mißverken-
nung der zu lösenden Aufgaben, wenn man
in wohlwollender oder ablehnender Absicht
„Fächer"registrierungen und mit der Zuweisung
in das „soziologische Fach" eine „Erledigung"
vornimmt, wobei man es in „wohlwollender, in-
differenter oder aber ablehnender Haltung" dem
„dafür" interessierten „Fachgenossen" überläßt,
sich zu betätigen, ohne im übrigen viel Notiz
von solchen Forschungsergebnissen zu nehmen.
Es scheint aber doch so, als ob dieser Stand-
punkt überwunden ist. Er gleicht übrigens völlig
dem der Restauratoren des 19. Jahrhunderts,
die ja auch nach „Augenschein" usw. dekretier-
ten, daß dies und das so ausgesehen haben
müsse und sich nicht scheuten, ihre „Ansicht"
als die allein richtige in die Welt zu setzen.
Selbst bei allermildester Beurteilung wird man
aber nicht leugnen können, daß dieses, selbst-

verständlich damals auch nach sorgfältigsten
Beobachtungen gewonnene (das wäre auch noch
schöner!) Dekretieren, daß dies und das so ge-
wesen sein „muß", ohne daß ein Schatten eines
auf dem wirklichen Leben und den Lebensvor-
gängen ruhenden Beweises (oder Beleges) bei-
gebracht wird, einen sehr breiten und verhäng-
nisvollen Raum eingenommen hat. Die Zeit
dürfte nicht mehr fern sein, in der man die —
fast noch heute bewunderten und anerkannten
—- Darstellungen der Bauvorgänge, wenigstens
viele dieser angeblichen „Geschichten" der Bau-
kunst der Hirsauer Schule usw. als unbegreiflich
anmaßende Besserwissereien einer lebensfrem-
den l'art pour l'art-Beurteilung abtun muß. Man
wird dieses Urteil nicht einmal als ein hartes
bezeichnen können, wenn man feststellt, daß die
richtigen Wege schon vor einem halben Jahr-
hundert gewiesen waren. So schreibt z. B.
A. Schultz in seinem Beitrage über die deut-
schen Dombaumeister1), d. h. über die von den
„Hütten" selbstverständlich am meisten inter-
essierenden Mitglieder, schon 1877! „Allerdings
ist es wohl jetzt auch noch möglich, die Namen
und die Wirkungszeit der Mehrzahl jener Künst-
ler zu bestimmen, man muß sich nur entschlie-
ßen, die alten Kirchenrechnungen und Kon-
trakte, die gleichzeitigen Stadt- und Gerichts-
bücher, die Brief- und Konzeptsammlungen
durchzuarbeiten und das Bemerkenswerte auszu-
ziehen. Auf diese Weise kann und muß noch
eine Menge Material zur Erkenntnis der heute
noch so dunklen Periode der deutschen Kunst
herbeigeschafft werden"2). Es soll kein Vorwurf
in der Feststellung liegen daß man sich eben
nicht „entschlossen" hat, diese fraglos sehr viel
Entsagung erfordernde Aufgabe zu erfüllen, aber
auf keinen Fall kann ernstlich geleugnet wer-
den, daß sie eben nur in höchst bescheidenem
Umfange in Angriff genommen worden und
gegenüber anderen, „zeitbedingten" zurückge-
stellt worden ist.

Das Zitat von A. Schultz ist aber auch noch
aus einem anderen Grunde erfolgt. Sicher wäre
ein Zufallsfund von Archivalien über die viel-
beredeten Hüttenvorgänge ein sehr wertvoller Bei-
trag, auch zum Verständnis der Werke. Aber
schließlich kommt es doch auf die letzteren an,
obwohl nicht verkannt werden kann und darf,

®) In Kunst unil Künstler des Mittelalters und der Neu-
zeit, Leipzig 1877.

2) Sperrungen von mir.

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