Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 85
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daß die volle oder richtige Erkenntnis der Ge-
sinnung, der Arbeitsvoraussetzungen und -Vor-
gänge eine unerläßliche Grundlage für die
erstrebte Erhellung auch des Werkbestandes
bildet. Es kann hier nicht darauf ankommen,
Hoffnungen zu erwecken, die nach dem über-
kommenen Urkundenmaterial einfach nicht er-
erfüllt werden können. Andererseits muß aber
auch der entmutigenden Ansicht, daß Archiv-
forschungen zur Unfruchtbarkeit verurteilt seien,
entschieden entgegengetreten werden. Selbst
wenn die von A. Schultz ausgesprochenen Er-
wartungen nicht alle erfüllt werden können,
müßte sich, selbstverständlich nicht an Hand der
veröffentlicht vorliegenden Archivalien, sondern
auf Grund von weitergehenden, selbständigen
Nachforschungen, wenigstens folgendes — um
ein höchsterwünschtes Arbeitsgebiet zu um-
reißen — ausmachen lassen:

1. Ein Überblick über die entscheidenden, um
1200—1500 tätig gewesenen „Werkmeister" (ma-
gistri operis) in Deutschland.

2. Eine endgültige Lösung der Frage, ob diese
leitenden „Werkmeister" neben ihrer verhält-
nismäßig kurz zu bemessenden Tätigkeit als
entwerfende Plangestalter (Architekten), als
Bildhauer (Steinmetzen) tätig waren (Ausnah-
men usw.).

3. Auffindung seither unbekannt gebliebener
Hüttenbücher.

4. Veröffentlichung von seither unbekannt ge-
bliebenen Originalwerken. Ein entmutigendes
Sichbegnügen mit dem zufällig gefundenen Be-
stände ist fraglos ebenso unangebracht wie eine
a priori gegebene Herabsetzung (vgl. Pevs-
ner!) des Wertes solcher Funde. Solchen unver-
ständigen Behauptungen gegenüber kann nur
betont werden, daß der Fund eines Original-
plans, sagen wir der Lübecker Marienkirche,
deswegen weit wertvoller als eine langatmige
Aufstellung von „Ansichten" ist, weil er ver-
dient ist — denn zu einem „Finden" gehört
weniger Glück, als die „richtige Einstellung'
—- die der Tatsachenerhellung, auf die es
doch schließlich allein ankommen kann,
einen weit wichtigeren Dienst leistet, als
die Ausbreitung von schließlich pseudowissen-
schaftlichen „Feststellungen", wie es dem
anschaubaren Tatbestande nach gewesen sein
„müsse".

5. Mit „Wiederkäuen" und „Ansichten" läßt
sich die sehr dringliche Frage nach den Grund-

riß- und Aufrißkonstruktionen, deren eindeutige
Beantwortung in höchst aufschlußreiche Ent-
stehungsvorgänge einführen würde, sicher auch
nicht mehr erledigen. Es handeltsich dabei um die
richtunggebende — oder nicht? — Einbeziehung
von Hilfskonstruktionen (Quadratur, Triangula-
tur usw.) in die für den künstlerischen Eindruck
entscheidende Plangestaltung des Grundrisses,
der „Schnitte", des „Aufrisses" usw. Die wirk-
lich überzeugende Lösung dieser viel disku-
tierten, sich auf wenige, späte — dazu italie-
nische— Beispiele stützenden Frage kann einem
stichhaltigen Ergebnis natürlich auch nur durch
Beibringung von Originalzeichnungen näherge-
bracht werden.

6. Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, daß
das vielbehandelte „Brauchtum" in den Bau-
hütten, das „Sichausweisen" usw. nicht mehr auf
Grund sehr viel späterer Zeugnisse1) oder gar
per analogiam mit geheimgehaltenen Riten (der
Freimaurer usw.) dargestellt werden darf. Die
an sich scheinbar äußerlichen Vorgänge sind
keineswegs ganz bedeutungslos, weil anzuneh-
men ist, daß die bei ihnen gewahrte Symbolik
eine gewisse Einheit mit ähnlichen Vorstellun-
gen oder sogar Voraussetzungen (?) in den
Werkplanungen und -gestaltungen bildet. In
diesem Falle muß ich allerdings zugeben, daß
sehr geringe Aussicht auf das Auffinden von
zeitgenössischen Belegen bei der doch wohl
sicher gewahrten Geheimhaltung dieser Vor-
gänge, Ansichten usw. besteht.

7. Zum Schluß noch ein Wort über die Stein-
metzzeichen. Es scheint mir sehr angebracht,
diese Problemreihen zunächst einmal zurückzu-
stellen, weil es weniger auf die erforschtere
Spätzeit des Mittelalters, als die in dieser Hin-
sicht noch „dunklen" Epochen ankommt. Jeden-
falls wäre es wohl gewagt, wenn wir den etwa
von den Parlern geübten Usus ohne weiters auf
die älteren Zeiten übertragen würden. Erst wenn
es gelungen ist, einige wirkliche „Geschichten"
von Bauhütten auf Grund von gesicherten archi-
valischen Nachrichten etwa des 12. und 13. Jahr-
hunderts darzustellen, wird man zur Bestätigung
der gefundenen Ergebnisse wohl auch die mei-
stens breite Flut der Steinmetzzeichen sieben
können. Soweit ich sehe, besteht ein wirklich
aufschlußreicher Wert dieser Marken vor allem

;t) Diese späteren Zeugnisse usw. gut zusammengestellt in
R. Wissell: Des alten Handwerks Recht und Gewohnheit,
II. Bd., Berlin 1929, S. 332 ff.

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