Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 88
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Sein Sohn, Heinrich VI., hat schon zu Lebzeiten
des Vaters und in dessen Auftrag sich um die
Pfalzenbauten gekümmert — auf den Höhe-
punkt führt diese ganzen Tendenzen aber der
Enkel, Friedrich II. Auch dessen ganzes Inter-
esse ist dem Profanbau zugewendet, das er be-
sonders in Süditalien betätigt; auch er liebt es
Inschriften anzubringen, in denen sein Ruhm
verkündigt wird, wie überhaupt der Ruhmsinn
bei ihm sehr ausgebildet ist. Stand er doch, von
Geburt Sizilier, der Antike zeitlebens schon da-
durch nahe. Und Italien ist nun schon im
12. Jahrhundert das klassische Land der
Kiinstlerinschriften, wie hier auch die Ge-
schichtsschreiber der Zeit zum Teil ganz unver-
hüllt sich von der Begierde nach Ruhm er-
füllt zeigen.

Aber der Ruhmsinn ist auch im Norden, und
nicht nur bei einer so hervorragenden Persön-
lichkeit, wie Friedrich Barbarossa, entwickelt.
Auch die bildenden Künstler besitzen ihn, wie
eine ganze Reihe von Künstlerinschriften gerade
aus dieser Zeit beweisen. An einzelnen Bauglie-
dern, wie Kapitellen, Bogenfeldern usw., aber
auch an hervorragenden Werken des heute so-
genannten „Kunstgewerbes" finden sie sich
häufiger1).

In ganz ähnlicher Weise nennen sich jetzt auch
die Dichter dieser Zeit in ihren Werken selbst.
Bei den älteren Dichtwerken wissen wir nur in
seltenen Fällen die Namen ihrer Autoren; jetzt
treten diese aus dem Dunkel der Anonymität
heraus, teilen auch hier und da Persönliches
über sich mit, nennen Zeitgenossen, spenden Lob
und Tadel, so daß sie uns nicht selten als Per-
sönlichkeiten auch in Einzelheiten faßbar wer-
den — so gut wie die Plastik in dieser Zeit all-
mählich dazu gelangt, einen Menschen in seiner
geist-leiblichen Erscheinung glaubhaft vor uns
hinzustellen.

So lernen wir Hartmann von Aue, Wolfram von
Eschenbach, Gottfried von Straßburg, Walther
von der Vogelweide kennen, erfahren auch von
vielen kleineren Dichtern aus ihrem eigenen
Munde Namen und Heimat. Selten begegnet da-
bei religiöse Verbrämung, insofern der Hörer
oder Leser aufgefordert wird, des Dichters im
Gebet fürbittend zu gedenken; das geschieht

') Genaueres darüber wie über verwandte Dinge in mei-
nem demnächst erscheinenden Aufsatze der Deutschen
Vierteljahrsschr. für Literaturwiss. und Geistesgesch.:
„Diesseitsstimmung in spätromanischer Zeit und Kunst".

wohl nur bei geistlichen Stoffen, allerdings in
diesen Fällen auch bei ritterlichen Dichtern.
Denn jetzt treten die Ritter nicht nur als Lyri-
ker, sondern auch als Dichter epischer Stoffe
hervor, die in früh-höfischer Zeit nur von Geist-
lichen behandelt worden waren. Es ist ein ganz
ähnlicher Vorgang, wie in der Architektur: die
Pfalzen als der Schauplatz und Brennpunkt
ritterlichen Lebens treten in Ausführung und
Schätzung der großen Bauherren gleichberech-
tigt neben den Kirchenbau; die unbedingte Vor-
herrschaft des geistlichen Elementes wird hier
gebrochen, wie in der Dichtung.

Was nun die Gestaltung der Pfalzen im ein-
zelnen angeht, so setzen sich zwei Typen scharf
voneinander ab. Dem einen gehören in völlig
untereinander übereinstimmender Weise die
beiden niedersächsischen Pfalzen in Goslar und
Braunschweig an. Hier finden wir ein Sockel-
geschoß, das untergeordneten Zwecken dient,
durch eine Reihe von Stützen saalartig in zwei
Schiffe geteilt. Darüber das Hauptgeschoß mit
dem großen Saal, in gleicher Weise geteilt, zu-
gänglich nur durch eine von außen angebrachte
Treppe1). Von diesem Saalbau getrennt sind die
zum Wohnen bestimmten Räumlichkeiten; eben-
so die sonstigen für eine Hofhaltung notwen-
digen Gebäude, wie die Küche, Dienstmannen-
wohnungen, Stallungen usw. Beide Anlagen sind
aber nicht nur mit einer großen Kirche, einem
Dom, sondern außerdem mit einer gleichfalls in
einem besonderen Bau untergebrachten Kapelle
verbunden.

In den anderen Pfalzbauten wird nun dieser
Grundriß aufgelockert. Das Erdgeschoß bildet
keine durchgehende Halle mehr, sondern wird
in mehrere Räume aufgeteilt, die sogar unter
Umständen zum Wohnen benutzt werden, und
vor denen etwa ein Gang entlang läuft: Wart-
burg. Im Obergeschoß findet sich ein Zimmer
unter gleichem Dache neben dem Saale, der also
nicht die ganze Länge des Gebäudes einnimmt:
Landgrafenzimmer auf der Wartburg. Mit einem
Obergeschoß ist es nicht genug: ein zweites wird

') Der Saal des Obergeschosses in Goslar ist freilich
außerdem in der Mitte quergeteilt durch eine Bogen-
stellung mit Tonnengewölbe, so daß in der Breite eine
Dreiteilung entsteht. Das scheint gegenüber dem Bau
Heinrichs III. aus dem 11. Jahrhundert eine Neuerung
zu sein. Sollte bei dieser, wie es scheint, ganz einzig-
artigen Anordnung ein persönliches Ideal Heinrichs VI.
Gestalt gewonnen haben, der die Mitte des Saales mit
dem kaiserlichen Sitze herrscherlich-herrisch, seiner son-
stigen Art entsprechend, betont wissen wollte?

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