Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 89
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aufgesetzt und der Festsaal in dieses verlegt:
Wartburg, wahrscheinlich auch Gelnhausen und
Kaiserslautern; sicher in Münzenberg, wie noch
heute klar erkennbar. Die Außentreppen blei-
ben oft noch, aber auch innere Treppen be-
gegnen schon: Wartburg, vom Erdgeschoß zum
ersten Obergeschoß.

Die Kapelle bildet oft keinen gesonderten Bau-
körper mehr, sondern wird in den ganzen Bau
eingefügt, über die Torhalle gelegt usw.: Geln-
hausen, Hagenau u. a. a. 0.

Kein Zweifel, daß der niedersächsische Typus
der ältere ist, den wir auch in der älteren Lite-
ratur für frühgermanische Zeit bis zum Nibe-
lungenlied herab, geschildert oder vorausgesetzt
finden. Kein Zufall wohl, daß er gerade in
Niedersachsen eine solche wundervolle Spät-
blüte erlebt, das in so vielen Beziehungen sich
als zäh am Hergebrachten festhaltend erweist.
Schon seinerzeit wurde ausgesprochen, daß be-
sonders die Schöpfung des Weifenherzogs „fast
altväterisch anmutend"1) wirke, und dieser Ein-
druck, der von der Baugeschichte her gewonnen
wurde, scheint jetzt von der Seite der Literatur-
geschichte für den weifischen Hof bestätigt zu
werden.

Sie glaubt eine von der übrigen Dichtung sich
abhebende weifische Dichtung annehmen zu
dürfen, zu der schon die zur Zeit Heinrichs des
Stolzen (Vaters Heinrichs des Löwen) entstan-
dene „Kaiserchronik" gehöre. Das Rolandslied
dagegen sei schon in die Zeit des Sohnes zu
setzen (um 1170), trotz ihres archaischen An-
striches. Auch der „König Rother" sei eine
weifische Hofdichtung um Weif "VI., Oheim
Heinrichs des Löwen, um 1160 anzusetzen, und
ähnlich stehe es mit dem „Herzog Ernst", ob-
gleich dieser in fränkischer Sprache gedichtet
ist. Eine „ernste, fromme, archaisch-vornehme
Stimmung des Weifenhofes" spreche sich dar-
in aus2).

Interessant jedenfalls, daß hier die Literaturge-
') K. Simon, a. a. 0., S. 247/48.

2) Hans Naumann, Ritterliche Standeskultur um 1200.
Halle 1929, S. 56. — Die sonstige Kunstpflege durch den
Weifenherzog stimmt freilich zu dem von Naumann ent-
worfenen Bilde nicht, wie es scheint, gegenüber dessen
das Literarische verallgemeinernde Tendenz G. Swar-
zenski soeben Einspruch erhebt: A. a. Ol, S. 241. Für
die Kunstwerke gelte der Gegensatz: Modern-Höfisches,
Weltfreudiges, Kosmopolitisches — und das seltsam Un-
moderne, Archaisch-Herbe, Fromme, Stammhafte nicht.

Auf die — nicht einfache — Frage kann an dieser
Stelle nicht näher eingegangen werden.

schichte zu bestätigen scheint, was die Architek-
turgeschichte früher von sich aus ausgesprochen.
Mit dem zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts
tritt diese Art fürstlichen Profanbaues zurück;
nur im Süden ragt die Bautätigkeit Kaiser Fried-
richs II. noch in diese Zeit hinein. 186 Schlösser
und Burgen in Süditalien und Sizilien sollen auf
ihn und seinen Vater Heinrich VI. zurück-
gehen1). Monumental ist auch die Gesinnung, in
der der damalige Hochmeister des Deutsch-
ritterordens, der thüringische Edle Hermann
von Salza, in Kleinasien die Burg Montfort
(Starkenburg), zwischen Akkon und Tyrus, er-
baut. An Gregor IX. schreibt er von den be-
gonnenen Baulichkeiten, daß sie „für die Ewig-
keit ein Erinnerungsmal sein werden für das
ganze christliche Volk".

Für Deutschland ist von einer solchen Gesinnung
kaum etwas zu sagen; vielleicht hat man auf
diese Dinge nicht genug geachtet — aber die
sich um diese Zeit allmählich vollziehende gei-
stige Wandlung macht sich offenbar auch hier
bemerklich. Gerade in einem Zentrum heiteren
Lebensgenusses und schöngeistiger Interessen,
am Hofe der Landgrafen von Thüringen, wo
Walther von der Vogelweide und Wolfram von
Eschenbach — rieben anderen — bald nach der
Jahrhundertwende für längere Zeit eine Frei-
statt gefunden hatten, wächst eine junge Für-
stin heran, die alle diese Dinge negiert, verach-
tet, bekämpft; dem stolzen „hohen muot" setzt
sie eine Demut entgegen, die ohne alles Maß ist
und dem höfischen Ideal der „mäze" ins Gesicht
schlägt. Kein Wunder, daß ihre höfischen Kreise
aufs äußerste erbittert werden, und daß ihres
Bleibens auf der Wartburg nicht mehr ist.
Nun kann sie ihrem Streben nach Selbsternied-
rigung erst recht folgen, das sie bis zu körper-
lichen Züchtigungen durch ihren Beichtvater,
Konrad von Marburg, bringt.

Wenige Jahre nach ihrem Tode aber betreiben
gerade ihre Angehörigen die Heiligsprechung
der früher von ihnen Gehaßten — mögen
auch politische Gründe dabei mitgespielt ha-
ben2). Der Kirchenbau, der die Gebeine der
neuen Heiligen aufnimmt, ist der erste, von An-
fang an rein gotisch geplante und durchge-

C. Schuchardt, Die Burg im Wandel der Weltgeschichte.
Wildpark-Potsdam (o. J.), S. 276.

2) Vgl. die, neue Gesichtspunkte an den alten Stoff her-
antragende, Darstellung von E. Busse-Wilson: Das Leben
der h. Elisabeth von Thüringen. München 1931.

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