Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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bei einzelnen, selbst größeren kirchlichen Bau-
ten, nicht ganz ausgeschlossen ist. Ein besonders
merkwürdiges Beispiel bietet die 1460—65 er-
baute Pfarrkirche zu Schwaz in Tirol, die eine
doppelt zweischiff ige, d. h. also vierschiffige Ein-
teilung zeigt.

Auch in die zum Wohnen, Schlafen, Essen usw.
bestimmten Räumlichkeiten der Klöster dringt
sie ein, wo in älterer Zeit oft dreischiffige An-
ordnung die Regel war. Typisch wird die Zwei-
schiffigkeit bei den Erben des Pfalzenbaues, den
Rathäusern und sonstigen größeren Anlagen,
Saal- und Hallenbauten der Städte.

Sie ist geschichtlich gewiß nicht einfach zu er-
klären — jedenfalls befriedigt es nicht, wenn die
Breite der Räume als ausschlaggebendes Mo-
ment angesehen wird: „ist der Saal sehr breit,
erhält er Mittelsäulen"1). Oder wenn es bei
Dehio-v. Bezold") bezüglich der zweischiff igen
kirchlichen Bauten heißt: „Die Zweiteilung
wäre vielleicht häufiger in Anwendung gekom-
men, hätte nicht schon eine andere Gebäude-
gattung sie zur normalen Form erkoren, näm-
lich das Klosterrefektorium".

Auch die spätere Auffassung Dehios3), der in der
Zweischiffigkeit eine durch reine Zweckmäßig-
keitsgründe entstandene und erst allmählich sich
entwickelnde Raumform sieht, befriedigt nicht.
Ebensowenig wenn die zweischiffigen Raumbil-
dungen als „das Charakteristischste für die Ver-
wilderung der architektonischen Logik" erklärt
werden4).

Und wenn bezüglich der genannten Kirche in
Schwaz K. Voermann8) erklärt: „Gerade in der
Baugeschichte wirkt an sich Widersinniges
manchmal durch den Reiz der Neuheit", so zei-
gen diese Urteile jedenfalls das tiefe Unbe-
hagen, das diese Erscheinung dem modernen
Menschen verursacht.

Und mit Recht. Er verlangt, daß er den Raum,
den er betritt, in dem er sich aufhält, beherr-
schen kann. Er muß in die Mitte treten können,
um von dem Räume Besitz zu ergreifen. Von
dieser Besitzergreifung schließt ihn eine mitt-
lere Stützenreihe aus; sie setzt sich an die Stelle,
die er für sich fordert.

Daß das Mittelalter anders empfindet, und zwar

') C. Schuchardt, a. a. 0., S. 324.

") Die kirchliche Baukunst des Abendlandes I, S. 510.

") Geschichte der deutschen Kunst II, S. 23.

4) Fr. Knapp, Die künstlerische Kultur des Abendlandes

(1921) I, S. 118.

°) Geschichte der Kunst II, Leipzig u. Wien 1905, S. 497.

gerade in den Räumen, die profanen Bestim-
mungen aller Art dienen, ist ungemein bezeich-
nend für seine geistige Verfassung. Es ist, als ob
sie damit der freien Persönlichkeit Schranken
setzen wollte. Wohl wird an diesen Schranken
schon gerüttelt; nicht ganz selten begegnen
Tonnengewölbe, die einen Raum überspannen
und damit eine mittlere Stützenreihe ausschlie-
ßen. Vielleicht ist es kein Zufall, daß dies in
einer geistig so regsamen und fortgeschrittenen
Stadt wie Nürnberg geschieht, im Rathaussaal
— oder bei Saalbauten in Seehandclsstädten.
Gebrochen wird mit dieser mittelalterlichen
Bausitte erst mit der heraufkommenden Renais-
sance im 16. Jahrhundert; der Saal ohne mitt-
lere Stützenreihe wird die Regel, wenn das Alte
auch, wie so vieles Mittelalterliche, oft ein er-
staunlich zähes Leben besitzt. Die freie Persön-
lichkeit schafft sich aber doch — im wahrsten
Sinne des Wortes — freien Raum.

Die Menschen der Zeit haben das auch sehr
wohl empfunden. Ein amüsanter Beitrag dazu
ist ein Bericht aus dem Kloster Wessobrunn, wo
1522 der Abt den Baumeister bewegt, den Plan
für die Abtstube zu ändern und ohne den Mittel-
pfeiler auszukommen1). Der Baumeister „thett
solichs dem herren zuo sagen umb einen gutten
stoltzen trunck; volpracht diesses mit freyden
vor Nicolay 1522".

Aber auch noch später wurde ein einheitlicher
Raum oft noch als etwas Besonderes empfunden.
So hebt ein deutscher Bericht des 16. Jahrhun-
derts aus London hervor, an dem dortigen könig-
lichen Palaste sei „ein sehr weit Haus, darin gar
keine Pfeiler stehen; das ist das Richthaus".
Und Georg Ridinger, der Erbauer des Aschaffen-
burger Schlosses (1605—1613), bemerkt zu der
letzten Tafel seines Werkes über den Bau: „Weil
dieser kayserliche Saal in ansehnlicher Länge
und Breyte vnnd dann ohne Säulen oben in den
Tachstuhl eingehenckt, als hab ich dem Lieb-
haber der Architectur auch dieses nicht wollen
hindanhalten.. ."

Noch 1697 wird bei einer Beschreibung des
Darmstädter Schlosses hervorgehoben „ein kunst-
reicher / hoch- lang- und weit erbauter Fürstl.
Saal / welcher ohne Seulen mit köstlichen Tape-
zereyen gezieret —

Man versteht dieses Erstaunen, wenn man sich
das zähe Fortleben der Zweischiffigkeit klar

') K. Simon, Die Anlage zweischiffiger Räume in Deutsch-
land, a. a. 0.

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