Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 99
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sein frühgotischer Charakter fiel bereits August
Reichensperger auf1).

In der Tat erinnern die Hornkonsolen, die
Knospenkapitelle an typische Formen des rhei-
nischen Übergangsstiles, wie sie sich bei den Zi-
sterziensern besonders ansprechend in Heister-
bach verkörpern. Daß dieser Bauteil älter als
die gotische Sakristei war, ergibt die mangelnde
Verbindung in der Einzelausführung der De-
tails wie auch in der Höhe der Fenster und des
Gewölbes. Dagegen müssen die Umfassungs-
mauern des hochgotischen Sakristeiraumes, da
sie im Untergeschoß (soweit mittelalterlich) von
völliger Einheitlichkeit sind, bereits in der ent-
sprechenden Form beabsichtigt sein. Ragt doch
die Halle nicht nur unter die gotische Dom-
sakristei, sondern auch unter ihren nördlichen
Vorbau, ist also bestimmt älter als dieser. Wie
die Säule B zur Stütze des Bündelpfeilers der
Sakristei dient, so befindet sich die Säule A
unter der südlichen Abschlußwand des Vorbaus.
Eine Datierung in die Zeit vor 1248, dem Be-
ginn der gotischen Kathedrale, liegt also für
die Halle fest2).

Es wurde bereits auf den mit Heisterbach ver-
wandten Stilcharakter hingewiesen. Aber nicht
nur stilistische, auch historische Zusammen-
hänge bieten sich mit Heisterbach: Caesariu3
von Heisterbach, der das Leben des Erzbischofs
Engelbert des Heiligen schildert3), erwähnt, daß
dieser einen Neubau des Kölner Domes geplant
habe, ein Neubau, der, nach bisheriger An-
nahme, nicht erfolgt ist4).

*) Reichensperger, a. a. O., 1868, Nr. 273. Vgl. auch
F. Schmitz, Der Dom zu Coeln, Coeln und Neuß, 1868 ff.,
Lief. 13, Bl. 2, 3, 4, 5.

2) Der Kölner Dom, S. 4 f.

3) Acta Sanctorum, Novembris, Tom. III, Bruxellis 1910,
S. 623 ff.

*) Vgl, E. Beitz, Caesarius von Heisterbach und die bil-
dende Kunst, Augsburg 1926, S. 18. — Die Abteikirche
von Heisterbach ist 1227 vollendet worden (Beitz, S. 15).
Sie setzt außer der burgundischen Frühgotik eine um-
fassende Kenntnis auch der Baukunst Franziens voraus:
die Rosenfenster des Obergadens im Langhause sind nicht
in Burgund vorgebildet, erinnern vielmehr an die Em-
poren und den Obergaden der Notre-Dame in Paris.
(Auch in St. Thomas a. d. Kyll, einem Zisterzienserinnen-
kloster, findet sich dieses Motiv. — Zu Paris vgl. M. Au-
bert, Notre-Dame de Paris, Paris 1920, Tf. IX.) Die auf-
fallende Erhöhung der Wirtel des Chorumganges wirkt
in Heisterbach nur in der Nähe verwirrend. Tritt man
zurück, an die Stelle des früheren westlichen Langhauses,
so passen sie sich dem Podest des Chores an, jede Über-
schneidung erscheint ausgeglichen. Diese Tatsache ist für
die Individualität des Architekten von Heisterbach
charakteristisch. Sie stellt eine Besonderheit dar, die

Die Ausführung des Planes muß aber dennoch
begonnen worden sein, da in der Zeit um 1220,
der Zeit Engelberts, die bei der Restaurierung
der Sakristei im Jahre 1868 abgerissenen Neben-
räume entstanden sind. In diese Zeit passen die
in der unteren Halle erhaltenen Einzelformen:
so besteht die Wölbung auf der Südseite aus
zwei niederen, spitzbogigen Tonnen, während
im mittleren Raumteil rippenlose Kreuzgewölbe
mit steigenden Scheiteln gegeben sind. Das nörd-
lichste Feld wurde beim Einbau der modernen
Backsteingewölbe zerstört, ist aber nach F.
Schmitz (Abb. 4) in dem Mittelschiff entspre-
chender Höhe zu rekonstruieren. Auch die Tat-
sache, daß das Kapitell der Säule B aus zwei
Werkstücken besteht, vor allem aber die Ab-
schrägung ihres unteren Teiles, die der Grund-
form eines Kelchkapitells angenähert ist,
spricht für die Datierung um 1220. Ebenso kön-
nen die großen, mit schrägem Tuffgewände ver-
sehenen Fenster keinem früheren Zeitpunkt zu-
gewiesen werden1).

Die baugeschichtlich merkwürdige Isolierung
des „alten Domes" in einer Zeit der stärksten
Angespanntheit des Kölner Kirchenbaues, in der
die Mehrzahl der Kölner Kirchen ihre noch
heute bestimmende Gestalt erhielt, ist somit
aufgehoben. Auch für den Dom erscheint ein friih-
gotischer Umbauplan gesichert, der durch das
hochgotische Projekt des Architekten Gerardus
abgelöst, eine für Köln bahnbrechende Stil-
neuerung bewirken sollte.

Daß in der Tat auch in der Domumgebung früh-
gotische Bauten standen, wird durch eine An-
zahl Kapitelle in der Modellkammer bestätigt,

weder in der Früh-, noch in der Hochgotik stilbildend
wirken sollte (vgl. E. Panofsky, Die Perspektive als
„symbolischeForm", Yortr. d. Bibl. Warburg 1924/25, Leip-
zig, Berlin 1927, S. 258 ff.). Diese Besonderheit des Künst-
lers zeigt sich auch in der Gestaltung des Kirchengrund-
risses, der zwei Querschiffe, aber nur einen Chor auf-
weist; Querschiffe, von denen das westlichere, wie in der
Notre-Dame nicht vorspringt, während der Gedanke der
Verdoppelung auf Cluny III zurückgehen wird.

*) Es sind für den ursprünglichen Zustand je zwei Öff-
nungen in der Ost- und Nordwand anzunehmen, von
denen je eine an der Stelle der modernen Backsteinaus-
flickungen saß. Der jetzige Eingang, im Äußern aus
Trachytquadern, im Innern aus Tuffmauerwerk be-
stehend, ist nachträglich erweitert worden. Seine ur-
sprüngliche Form war im wesentlichen identisch, wenn
auch stärker nach innen abgeschrägt, wie Spuren im
Mauerwerk und an der zweitobersten Stufe beweisen.
Seine Gestalt war also derjenigen des unteren Ostfensters
eng verwandt. (Auf die übrigen, baugeschichtlich un-
wichtigen Erneuerungen kann hier nicht eingegangen
werden.)

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