Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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deren genaue Herkunft zwar nicht bekannt ist,
die aber mit Bestimmtheit dem Besitz des Dom-
kapitels zugehörten1).

Bemerkenswert sind drei Doppelkapitelle und
ein Portalkapitell, die als eigenhändige Arbeiten
des „Laacher Samsonmeisters" anzusehen sind"')
(Taf. 17, Fig. a, c). Neben der Verwandt-
schaft im Motivischen — zu vergleichen
sind mit der Bauornamentik der Laacher
Vorhalle Tier- und Blattformen, wie auch die
Kelche mit eingeschwungenen Deckplatten — er-
gibt sich auch eine Analogie im Verhältnis der
durchgebildeten Körperlichkeit zur Raumbildung.
Allerdings sind die Kölner Formen im Vergleich
mit Laach noch klassischer in der Prägung, von
der Bewegtheit des Spätromanismus stärker ent-
fernt, also wohl früher, um 1200 zu datieren.
Hervorzuheben ist vor allem auch ein Portal-
löwe im Rheintormuseum, Andernach, der eben-
falls vom Laacher Meister herrührt3) und die
sprechendste Verwandtschaft mit den Löwen
eines Doppelkapitells der Modellkammer auf-
weist1) (Taf. 17, Fig. b, c).

Wäre somit die Anlage der Halle in ihrer zeit-
lichen Stellung nach oben begrenzt, so fehlt den-
noch die Möglichkeit der Einordnung für die
Säulenschäfte A und B auf Grund historischer
Quellen. Weiter führt die stilistische Analyse.
Der senkrechte Kontur mächtiger Säulen, die
wohl dem Langhaus des „alten Domes" zu-
gehörten, ist auffallend, entspricht weder der
antiken Enthasis, noch der romanischen Verjün-
gung. Er ist in Krypten, z. B. Speier, kleineren
Kirchen, Karnburg etwa, vertreten5), fehlt je-

') Der Kölner Dom ..S. 230, Anm. 390.
"') Zum „Samsonmeister" vgl. W. Bader, Bonner Jahr-
bücher, 133, 1929, S. 169 ff. — Über die Kapitelle der
Modellkammer wird das von P. Clemen herausgegebene,
seit Jahren durch einen Stab von Mitarbeitern vorbe-
reitete Inventar handeln.

3) Bader, a. a. O. S. 211.

4) Den eigenhändigen Arbeiten sind zugehörige Werk-
stattstiieke anzuschließen, die sich in der Laacher Vor-
halle wiederholen. Als Material ist lothringischer, weißer
Kalkstein verarbeitet. Die Übereinstimmung der Maße
wie auch die Stilrichtung der Kölner Stücke macht ihre
Zugehörigkeit zu einem bedeutenden, mit Arkaden ver-
sehenen Gebäude wahrscheinlich.

c) Für Speier vgl. W. Meyer-Schwartau, Der Dom zu
Speier, Berlin 1893, Tf. XIV. Karnburg wird behandelt
bei K. Ginhart, Die Karolingische Kirche zu Karnburg
in Kärnten, Kirchenkunst III, Wien 1931, S. 93 ff. — In
der Antike ist die unverjüngte Gestalt bei der Triumph-
säule vorgebidet. Vgl. A. Springer, Handbuch der Kunst-
geschichte I, 1915, S. 535, Abb. 999, S. 560, Abb. 1044
und Ch. Daremberg et Edm. Saglio, Dictionnaire des Anti-
quites Grecques et Romaines, I, 2, (C) Paris 1887, S. 1351 f.

doch meist bei freien Einzelsäulen größerer Ab-
messungen, erinnert daher mehr an den unver-
jüngten Dienst, wie Armenien1) ihn ausgebildet
hat, als an die typische Formgebung.

Es muß also eine Stilperiode angenommen wer-
den, in der wohl östliche Einflüsse noch leben-
dig waren, aber die „karolingische Antike" be-
reits überwunden erschien, wenn auch der voll-
entwickelte Stil der romanischen Kunst noch
nicht gebildet ist. Während die organische
Schwellung der antiken Säule das Tragen ver-
körpert, die Romanik im Rundpfeiler die Mas-
sigkeit des Steines betont, wird erst die Gotik
zur Verkörperung des unbeschwerten Steigens:
sie entwickelt aus der romanischen Vorform die
schlanke Säule, der die Verjüngung fehlt, bei
der jeder Anklang an organisches Tragen ver-
mieden wird, um den Eindruck des ungehemm-
ten Vertikalismus zu gewährleisten2).

Es ergibt sich somit stilkritisch für die Kölner
Säulen eine Datierung in das 10. Jahrhundert;
sie findet auch urkundlich eine Stütze, hat doch
Erzbischof Bruno in den Jahren 953/65 eine
Vergrößerung der Kathedrale vorgenommen:
domum eius honoratissimam mirabiliter am-
pliavit, quam de pulcra pulcherimam fecit'1).
Dieser Text legt einen bedeutenden, die Gesamt-
architektur berührenden Umbau nahe.
Im Widerspruch mit dieser Datierung steht vor
allem die Ausbildung des Kapitells der Säule B,
während das Kapitell der Säule A in seiner
Würfelform verwandt mit dem der Säule C er-
scheint. Seine gedrungene Gestalt ermöglicht
zwar nicht völlige Gleichzeitigkeit der Datie-
rung mit dem Kapitell der Säule C, doch ist es
sicherlich frühestromanischer Zeit zugehörig,
wohl ebenfalls in das 10. Jahrhundert einzu-
ordnen4).

') J. Strzygowski, Die Baukunst der Armenier und
Europa, 2 Bde., Wien 1918, S. 312, 438 ff., 807 f. Für die
Vorform des Würfelkapitells vgl. auch O. Wulff, Alt-
christliche und byzantinische Kunst II, Handb. d. Kunst-
wissenschaft, Abb. 350 u. S. 405.

2) Vgl. etwa die Entwicklung der Säulen im Chore von
La Charite-sur-Loire zu denen im Chore der Kathedrale
von Reims.

3) Mon. Germ. SS. IV, S. 266, c. 31; H. Schrörs, Erz-
bischof Bruno von Köln, Ann. d. hist. Vereins f. d. Nie-
derrhein, 100. Heft, Köln 1917, S. 31 ff., der ohne Be-
gründung Kapellenanbauten annimmt; H. Keußen, Topo-
graphie der Stadt Köln im Mittelalter, Bonn 1910, II,
S. 299.

4) J. Vonderau, Die Ausgrabungen am Dome zu Fulda,
17. Veröffentl. d. Fuldaer Geschichts-Vereins, Fulda
1924, S. 23, behandelt ein Würfelkapitell von verwandter
Ausbildung der Grundform und des Kämpfers, das er

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