Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 101
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/architectura1933/0119
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
Der feinprofilierte Schaftring und der geringere
Durchmesser der Säule B (vgl. S. 97, Abb. 1)
gegenüber den Säulen A und C machen den ur-
sprünglichen Standort an einer anderen Stelle
des Domes, vielleicht im Chore statt im Lang-
haus, wahrscheinlich, nicht aber eine abwei-
chende Datierung. Die Ausbildung des Kämp-
fers der Säule B ist als Nachbildung des Kämp-
lers der Säule A anzusehen, da er, von gerin-
gerer Ausdehnung, auf das höhere Kapitell von
B Rücksicht nimmt.

Dagegen spricht für die Einheitlichkeit der
Säule A mit Kapitell und Kämpfer die völlige
Verwandtschaft aller Details, die an C erinnernde
Grundform des Würfels. Überdies würde bei
einer gleichzeitigen Anfertigung der schmuck-
losen Bekrönungen von A und B gewiß eine ent-
sprechende Ausbildung bevorzugt worden sein.
Die hier behandelten Säulen bilden also — ihre
frühromanische Einordnung zugestanden —
einen Grenzfall, da sie nicht zum Rundpfeiler
umgebildet wurden, ihr Säulencharakter be-
wahrt blieb, sie weder antik noch romanisch
verjüngt erscheinen. Dieser Grenzfallcharakter
erklärt die Besonderheit ihrer vereinzelten
Form.

Nach der Datierung der Halle erhebt sich die
Frage ihrer Bestimmung. Die Schatzkammer des
Domes wird als „aurea camera" in den Jahren
1212, 1248, 1287') erwähnt, in den Beschreibun-
gen des alten Domes heißt sie „gerkammer",
„gerekamere""). Ein Kopiar im Staatsarchiv
Düsseldorf gibt in einer Aufzeichnung von 1725
die nähere Bestimmung: „in aurea camera jam
sacristia"3). Die Sakristei galt also als Schatz-
kammer. Besonders wird der nördliche Anbau
diesem Zweck gedient haben4).

Bei der großen Ausdehnung des Kölner Dom-

nach 937 datiert. Vgl. auch W. Effmann, A. Fuchs, Der
Hildesheimer Dom I, Hildesheim und Leipzig 1933,
S. 31, Anm. 9. Wie mir Professor Wilhelm-Kästner mit-
teilt, sind die Würfelkapitelle in Essen erneuert, in Wer-
den dagegen alt.

') Zum Datum 1212 vgl. das „Liber privilegiorum maioris
ecclesie Coloniensis" ed. L. Korth, Westdeutsche Zeit-
schrift, Erg.-Hft. III, Trier 1886, S. 209. Für die Daten
1248 (1247 in crastino palmarum, stil. gal., 13. April
1248), 1287 vgl. Th. Lacomblet: Archiv f. d. Gesch. d.
Niederrheins. N. F., Bd. I (VI) 1867, S. 23 f., Nr. 11,
S. 36, Nr. 41.

2) Mon. Germ. SS. XVI, S. 735.

3) Lacomblet, a> a. 0., Bd. II, 1857, S. 176.

4) L. Ennen, Der Dom zu Köln, Köln 1880, S. 20. Vgl.
auch Statz, a. a. O.: „Im letzten Compartiment, jetzt
Schatzkammer und kleine Sacristei."

schatzes') war es naheliegend, zur Aufbewah-
rung von Gütern die geräumige, unter der Dom-
sakristei gelegene Halle mit zu benutzen, so daß
sie als Teil der „aurea camera" um so mehr an-
gesprochen werden kann, als mehrgeschossige
Anlagen für Schatzkammern durchaus typisch
sind, wie an der Notre-Dame und der Ste. Cha-
pelle in Paris2). Meist liegen wie hier Schatz-
kammer oder Archivraum über der Sakristei.
In Köln erklärt sich jedoch die umgekehrte An-
ordnung aus dem Absinken des Geländes nach
Norden, der Grenze der Römermauer, eine An-
ordnung, die sich überdies empfahl, weil auf der
Nordseite der Kathedrale Schatzkammer und
Bibliotheksturm in Abgeschlossenheit lagen,
während die Südseite des Domhofes der All-
gemeinheit offenstand3).

In Köln fehlt ein direkter Zugang aus dem Dom
in die Halle, wohl aber befindet sich östlich der
Sakristei im Vorchor eine der Sakristeitür ver-
wandte Öffnung. Die Profilierung beider Zu-
gänge ist auf der Innenseite identisch. Die
östliche Türe führt jetzt in moderne Neben-
räume des Domes, ist aber ohne Zweifel alt, da
sie bereits bei Boisseree eingezeichnet ist4). Sie
muß also den Zugang zur unteren Halle wie zum
Bibliotheksturm vermittelt haben5). Die Außen-
wand zeigt überdies, daß hier nicht etwa ein
Innenraum anschloß, sondern läßt deutlich,
trotz der scharfen Restaurierung, eine einfache
Schräge als Profil, wie am Äußeren des Domes
üblich, erkennen. (Zwei Schrägen eines Daches
bezeugen über dem Eingang einen sicherlich
modernen Zwischenzustand.)

Eine Parallele für die Abgeschlossenheit gegen-
über der Kirche bietet die Anlage des Archiv-
raumes von Mariawald, ebenfalls auf der Nord-
seite der Kirche gelegen und nicht von die-

') F. Witte, Die Schicksale des Domschatzes zur Zeit
der französischen Invasion um 1800, in: Der Dom zu
Köln, Festschr., Köln 1930, S. 144 ff.

) Viollet-Ie-Duc, Dictionnaire raisonne de l'architecture
frangaise, Sacristie, Bd. VIII, S. 69 ff., Tresor, Bd. IX,
S. 261 f.

3) H. Vogts, Der Kölner Dom in Stadtplan und Stadt-
bild, in: Der Dom zu Köln . . ., S. 11 ff.

4) S. Boisseree, Ansichten, Risse und einzelne Theile des
Doms von Köln, Stuttgart 1821, PI. III,

5) Vgl. Vogts, a. a. 0., S. 11. — Besonders wichtig für
die Topographie des mittelalterlichen Köln sind die
Skizzen von J. Finckenbaum, so die Ansicht des Domes
von Westen und des erzbischöflichen Palastes, der, wie
die wohl nachträglich eingebrochenen, geräumigen
Fächerfenster beweisen, im frühen 13. Jahrhundert um-
gebaut sein muß. (Die besprochenen Skizzen sind abge-
bildet bei Vogts, a. a. 0., Abb. 8 und 5.)

101
loading ...