Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 104
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schienen, welche die Frage nach dem Ursprung
des nordeuropäischen Backsteinbaues erneut
aufwerfen und ihr Land als seine Heimstätte be-
zeichnen. BeideWerke1) haben dasVerdienst, in
zahlreichen Abbildungen uns die wertvollste Er-
weiterung unserer Kenntnis von den mittelalter-
lichen Backsteinbauten der Niederlande zu ver-
mitteln und dadurch auch die Nachprüfung der
in ihnen aufgestellten Annahmen zu ermög-
lichen. — Dabei drängt sich schon bei der Über-
sicht über den Stoff eine überraschende Beob-
achtung sofort auf. Die früher sozusagen selbst-
verständliche Annahme, daß „Holland" im
Mittelalter ein Land des Backsteinbaues gewesen
sei, erweist sich als irrig, wenn wir Backsteinbau
im kunstgeschichtlich allein gültigen Sinne ver-
stehen als die Bauweise, die nicht nur die
Mauermassen, sondern auch die wichtigsten
Einzelheiten aus Backstein formt. Einen solchen
Backsteinbau hat es in „Holland" im Mittelalter
gar nicht gegeben; man hat dort in frühmittel-
alterlicher Zeit Backstein überhaupt nicht ver-
wendet, in der Gotik allerdings häufig, aber nur
für die Mauermassen unter Verwendung von
Haustein für die Einzelheiten. Backsteinbauten
im kunstgeschichtlichen Sinne finden sich in
den heutigen Niederlanden nur im äußersten
Nordosten, in den Provinzen Friesland und Gro-
ningen, die erst im 16. Jalirh. (Groningen erst
1594) an die niederländische Republik gekom-
men sind, bis dahin unter eigenem Fürsten-
geschlecht dem Deutschen Reiche angehört
haben. Das ist ein Gebiet, das von dem bau-
lichen Einfluß des Römertums nie erreicht wor-
den ist, daher verzichten auch beide Verfasser
auf die im älteren Schrifttum beliebte An-
nahme, daß der Backsteinbau in den Nieder-
landen seit der Römerzeit ununterbrochen ge-
blüht habe. Für uns aber folgt aus der Begren-
zung der möglichen Urheimat auf Friesland,
daß die in Helmolds Slawenchronik erwähnten
Holländer, Seeländer und Vlamlander für die
Entstehung des Backsteinbaues in Ostelbien voll-
ständig ausscheiden. Es ist nach allem gar nicht
zu verwundern, daß der nach den vlämischen
Siedlern benannte Bergzug des Fläming ebenso
wie die älteren Siedlungen der Niederländer in
den Marschen keinen Backsteinbau aufweisen.
Die Siedler kannten ihn eben selbst nicht.

]) C. H. Peters, Oud Groningen. Stad en Lande. Groningen
o. J. (1921). Frans Vermeulen, Handboek tot de Geschie-
denis der Nederlandsche Bouwkunst. Haag, 1923 u. 1928.

Wie steht es nun aber mit den Bauten Fries-
lands? Um ihr Verhältnis zu den norddeutschen
Werken zu bestimmen, werden wir ihre Zeitstel-
lung eingehend zu prüfen haben. Das wird lei-
der sehr erschwert dadurch, daß urkundliche
Belege über ihre Erbauung nicht bekannt sind,
daß überhaupt, wie besonders Vermeulen klagt,
in den Niederlanden für die Erforschung der
Denkmäler, für archivalische Untersuchungen
und kritische Quellenstudien noch buchstäblich
alles zu tun ist.

Beide Verfasser glauben nicht an einen Zu-
sammenhang mit den Anfängen des norddeut-
schen Backsteinbaues, begründen das aber in
verschiedener Weise. C. H. Peters behilft sich
mit der Annahme, daß die Orden der Zister-
zienser und Prämonstratenser bei ihren Kloster-
gründungen am Ende des 11. Jahrh. den Back-
steinbau „in Kenntnis des in Oberitalien er-
reichten" eingeführt hätten. Nun war aber in
Oberitalien am Ende des 11. Jahrh. noch nichts
erreicht, abgesehen von Venedig, das aber seiner
gänzlich anderen Formgebung wegen nicht in
Betracht gezogen werden kann. Vor allem ist
aber keine aus Backstein gebaute Klosterkirche
dieser Zeit anzuführen, man baute mit Werk-
stein, besonders mit rheinischem Tuff. Zum
erstenmal tritt Backstein im Klosterbauwesen
an dem Emeuerungsbau der Klosterkirche zu
Aduard in den Jahren 1240 bis 1263 auf.
Wir können daher nicht glauben, daß die
weiterhin zu erwähnenden kleinen Dorf-
kirchen aus der Frühzeit des 12. Jahrh. stam-
men, können auch der Auffassung nicht bei-
pflichten, daß die Ummauerung der Stadt Gro-
ningen im Jahre 1110 auf Ziegelherstellung in
großem Maßstabe deuten soll. Von anderen
Nachweisen erhalten wir nur einige Abbildun-
gen von der dem 11. Jahrh. zugeschriebenen
Kirche zu Rottum, müssen aber sie als ein „Bei-
spiel, was man am Anfang des 12. Jahrh. hier
leisten konnte", ablehnen. Denn wir finden an
ihrem Türbogen einen mit feinem Schuppen-
muster verzierten Rundstab, wie er an rheini-
schen Bauten, z. B. den jüngsten Teilen des
Münsters zu Bonn erst gegen und nach 1200
auftritt. Auch Rottum wird deshalb etwa 100
Jahre später anzusetzen sein, so daß für das
11. Jahrh. kein Beleg übrigbleibt.

Auch Vermeulen nimmt in seiner sehr gründ-
lichen Darstellung an, daß der karolingische
Einfluß nicht über Limburg und Nimwegen hin-

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