Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 105
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Abb. 1. Kirche zu Oldenzijl. Choransicht
(nach Vermeulen)

ausgekommen ist, und daß in unserem Gebiet
die ersten Kirchen aus Holz und Lehm, wohl als
Fachwerkbauten errichtet wurden. Er glaubt
aber doch, die spätere Entwicklung wenigstens
für die kleinen Landkirchen als bodenständig
annehmen zu können. Auf diese bodenständige
Entwicklung führt er sogar die einfache Grund-
rißform der rechteckigen Kirchen mit flach ge-
schlossenem Chor zurück als Ableitung heidni-
scher Tempel, die er mit isländischen Beispielen
belegt. Dabei bleibt freilich die geringere Breite
des Chores unerklärt, die doch sehr auf die Ver-
einfachung des mehrschiffigen Grundrisses als
Entstehungsgrund für diese Kirchenform hin-
weist. Dazu ist die Häufigkeit dieser schlichten
Form im benachbarten Oldenburg und Westfalen
zu bedenken. Auch den Backsteinbau erklärt er
als eine in bäuerlichen Kreisen tun die Mitte des
11. Jahrh. auflebende örtliche Erfindung. Als Be-
weis werden eine Anzahl Dorfkirchen angeführt,
die „vor dem 13. Jahrh. erbaut zu sein scheinen".
Urkundlich ist darüber nichts bekannt, grund-
sätzlich spricht gegen diese Ansicht, daß sonst
bauliche Fortschritte noch stets ihren Ursprung
in höher stehenden Volkskreisen und an bedeut-
samen Bauten gehabt haben, daß die Dorfkir-
chen regelmäßig nur den zeitlich nachhinken-
den Abglanz dieser größeren Bauten darstellen.
Es ist schwer zu glauben, daß diese einfachen
bäuerlichen Bauten die Anregung für die viel

Abb. 2. Kirche zu Hantumhuisen. Teil der
Längsansicht und Grundriß(nachVermeulen)

großartigeren Kirchen Norddeutschlands und
Dänemarks gegeben haben sollen. Auch den
Umstand, daß die Gliederung von Apsiden
mit feinen Rundlisenen auch an Tuffbauten
vorkommt, werden wir schwerlich als einen
Beweis ihrer Bodenständigkeit ansehen, wenn
wir uns vergegenwärtigen, daß diese Form
auch im Werksteinbau nicht auf Friesland be-
schränkt ist, im Backsteinbau der Lombardei
gegen 1150 sich vollentwickelt zeigt. Auf den
gleichen Zusammenhang weist es auch hin,
daß am Chor der Kirche zu Oldenzijl (Abb. 1)
neben unverkennbarem rheinischem Einfluß
Rundbogenfriese auftreten, die streng lombar-
disch mit schmalen Bogensteinen und schmalen
Kragsteinen gebildet sind. Von jenen einfachen
Dorfkirchen erhalten wir leider keine Abbildun-
gen, und was von bedeutsameren Bauten ge-
geben wird, das zeigt deutlich die Kennzeichen
des 13. Jahrh.: Einmischung von Spitzbögen,
Einwölbung mit kuppelartigen, durch unterge-
legte dünne Halbrundrippen in vier oder meist
acht Kappen geteilten Gewölben usw. (Taf. 19,
Abb. 1). Baudaten sind nicht bekannt, auch
sucht V. nur für einen Bau, die Kirche in Han-
tumhuisen, die Entstehung vor 1200 glaubhaft
zu machen, weil er im Dachboden Ansatz-
spuren eines älteren, einfach gratigen Kreuz-
gewölbes gefunden zu haben glaubt. Aber wie
der von ihm gegebene Grundriß (Abb. 2) schon

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