Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 106
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A b b. 4—5. Kirche zu /7\ Nordseite u.
Sapyschki, / []\ Westgiebel

Litauen. / OfJOik 1:300

zeigt, können solche Gewölbe nie beabsichtigt
gewesen sein, weil die dünnen Wände gar nicht
darauf berechnet sind, sie zu tragen. Zudem
stehen auch die Fenster (Abb. 2) in engstem Zu-
sammenhang mit der jetzigen Jocheinteilung des
auf eingezogenen Strebepfeilern mit spitzbogigen
Gurten gewölbten Inneren. Wir sind genötigt,
auch diesen Bau als ganz einheitlich dem
13. Jahrh. zuzuschreiben und uns der Ansicht
von Blok anzuschließen, daß in dem behandel-
ten Gebiete Bauten, die vor 1200 errichtet wur-
den, nicht vorhanden sind. — Die angeführten
Sonderformen finden sich nun ebenso in der
gleichen Zeit in dem benachbarten Westfalen,
auf dessen nahe Beziehungen zu der niederlän-
dischen Baukunst auch Vermeulen lebhaft hin-
deutet. Friesland und Westfalen bildeten er-
sichtlich eine zusammenhängende Kunstprovinz,
wie sie auch unter dem Bistum Münster ver-
einigt eine Kirchenprovinz bildeten. Ob dabei
die Übernahme ausländischer Anregungen, wie
der auf südfranzösische Vorbilder zurückzufüh-
renden Gewölbeform von Friesland ausgegan-
gen ist, oder von der auch durch frühe Hinnei-
gung zur Hallenkirche mit Südfrankreich ver-
bundenen westfälischen Kunst, können wir wohl
dahingestellt sein lassen. Wenn wir aber zu die-
sem engen Zusammenhang hinzunehmen, daß
diese westfälische Kunst mit ihrem backstein-
bauenden Zweige in Oldenburg (z. B. Wester-
stede, Zwischenahn, Wildeshausen) bis an die
Grenzen Frieslands heranreicht, so dürfen wir
wohl festhalten an der Annahme, daß der Back-
steinbau auf diesem Wege nach Friesland ge-
kommen ist als äußerster westlicher Ausläufer
des auf lombardischem Vorgang beruhenden
norddeutschen Backsteinbaues.

Damit ist er indes nicht etwa als unselbständig
zu werten. Kraft vielfältiger Beziehungen des

seefahrenden Volkes bildet er sehr schnell eine
ausgeprägte Eigenart aus. An erster Stelle stehen
dabei normannische Einflüsse, die sich teils zei-
gen indem die härtere normannisch-dänische
Form des Trapezkapitells neben die rundere
deutsche Form tritt, vor allem aber in der rei-
chen Durchgliederung der äußeren Flächen
mit Nischenbildungen, die in mehreren
Stockwerken sich vom Hauptsims bis zum
Sockel erstrecken, auch in der Teilung solcher
Nischen durch dünne Säulchen mit stark aus-
ladendem Kämpfer, durch die Vorliebe für Fül-
lung der Blenden mit Ziermauerwerk im Zick-
zackverband und in dem Einlegen von halb«
steinstarken, für sich gemauerten Rundstäben
in die rechteckigen Ausklinkungen nicht nur
der Türen, sondern auch der Fenster und Blen-
den. An dieser oft reich durchgeführten Form-
gebung hält man dann bis in die anschlie-
ßende frühgotisehe Zeit fest (vgl. z.B.Vermeulen,
Taf. 65). Diese Sonderformen finden wir
nun an manchen Bauten der norddeutschen
Backsteinkunst wieder. So die starken Rund-
stäbe, eine in Deutschland ganz ungewöhn-
liche Form, schon an dem um 1220 anzu-
setzenden Oberteil des Chores und an den spä-
teren Westteilen der Klosterkirche zu Leh-
nin, am Chor und an der Westfront von S. Lo-
renz zu Salzwedel, beides Werke, denen Ha-
mann1) enge Beziehungen zur Normandie zu-
schreibt, ferner an der Nordseite der Marien-
kirche zu Gardelegen und auch an mecklenbur-
gischen Kirchen, Klütz, Teterow u. a., die
engen Zusammenhang mit Westfalen auch in
anderen Zügen erkennen lassen. Die durch
solche eingelegte Rundstäbe bestimmte breite

') Richard Hamann, Deutsche und französische Kunst
im Mittelalter. II. Die Baugeschichte der Klosterkirche
zu Lehnin u. d. normannische Invasion. Marburg 1923.

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