Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 109
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aufzugebeil. Dieses Bestreben, dem man schon
die Konstruktion nach der Stutzkuppel ver-
dankt, führte alsdann im Verein mit immer
reicheren und komplizierteren Grundrißgestal-
tungen der Gewölbe dazu, sich von Kuppel-,
Kloster- und Tonnengewölbe vollständig frei zu
machen und die Rippen über ihrer Grundriß-
linie nach besonderen Bögen zu bilden, die es
ermöglichten, die Knotenpunkte außerhalb der
seither beibehaltenen Kugel- oder Tonnen-
flächen zu legen. Diese Konstruktion der Rip-
penbogen aus besonderen Bögen umfaßt den
weitaus größten Teil der spätgotischen Stern-
und Netzgewölbe. In der Hauptsache sind es
zwei Konstruktionsarten, nach denen die Rip-
penbogen gebildet werden. Die erste bildet sämt-
liche Rippenbogen nach einem und demselben
Radius. Hierdurch entsteht der Haupt- oder
Prinzipalbogen, der über der längsten Rippen-
Strecke zwischen Kämpfer und Schlußpunkt im
Schlußstein errichtet wird, d. h. der Bogen
durchläuft zwischen Kämpfer und Scheitel mög-
lichst viele Rippen, über deren abgewickelter
Länge er als Rundbogen, Spitz- oder Stichbogen
geschlagen wird. Die außerhaltb der durchlau-
fenen Rippen etwa liegenbleibenden Rippen-
stücke werden mit dem gleichen Radius des
Prinzipalbogens konstruiert, indem man durch
Schlagen von Bögen mit diesem Radius von den
Knotenpunkten bzw. von Kämpfer und Knoten-
punkt aus den Einsatzpunkt ermittelt. Auf dem
Gewölbekämpfer setzen alle Rippenprofile auf
gleicher Höhe an, der Prinzipalbogen führt also
vom Kämpfer gleichmäßig über alle Rippen
zum Scheitel. Je nach der Wahl der Grundriß-
bildung des Gewölbes wurde es möglich, von
vornherein alle Rippen in den Hauptbogen ein-
zubeziehen. Das konnte namentlich bei Stern-
gewölben der Fall sein und man hat tatsächlich
schon bei der Grundrißgestaltung der Reihun-
gen hierauf Rücksicht genommen, um eine
gleichmäßige, harmonische und elegante Gestal-
tung der Gewölbeanfänger zu erzielen. So ist
z. B. das Chorgewölbe in der Kirche St. Peter
und Paul zu Owingen (Tafel 21, Abb. 8) in der
Grundrißzeichnung so gehalten, daß die
Strecken von Punkt 1 nach 2, 3 und 5 vollstän-
dig gleich sind. Der Prinzipalbogen ist über den
aneinandergereihten Strecken 1—2, 2—3 und
^ 5 als Halbkreis errichtet. Der Gewölbeanfän-
ger schneidet gleichmäßig aus dem Wand dienst.
Der Scheitelpunkt 4 liegt ebenfalls auf dem

Halbkreis des Prinzipalbogens und infolgedessen
etwas tiefer wie der Punkt 5. Der Wandbogen
zwischen den Punkten 1—1' ist gestelzt und nach
besonderem Radius geschlagen. Es war möglich,
den Scheitelpunkt des Wandbogens auf die Höhe
von Punkt 2, oder aber höher oder tiefer zu
legen. Das Gewölbe zu Owingen ist ein Beispiel
der in den Bodenseegegenden, z. B. in Arbon,
Überlingen u. a. 0., häufig anzutreffenden Gat-
tung von Sterngewölben.

Auch das aus einer Sternform entwickelte Netz-
gewölbe der Kirche zu Thannhausen (Tafel 21,
Abb. 12), das um 1490—1500 von Nördlinger
Werkleuten (Stephan Weyrer) errichtet wurde,
bildet seine Rippenkonstruktion nach dem Prin-
zipalbogen mit gleichem Radius. Der Prinzipal-
bogen ist über den Punkten o, q, c, g, i, s er-
richtet. Die Punkte q, b, e liegen auf gleicher
Höhe, ebenso h und i. Der Radius ist ein run-
der Stichbogen, der über den Punkten a, h, i, s
und a, b, g, e, f zu einem spitzbogigen Stich-
bogen wird. Die Scheitelpunkte der Wandbogen
bzw. die an Stelle der Gurtbogen liegenden
Scheiteldurchkreuzungen p und r liegen auf
gleicher Ebene wie die Gewölbescheitel und sind
durch Stichkappen mit den entsprechenden
Punkten q, b, c, d, e verbunden. Die Rippen-
stücke q—p und b—p, sowie e—r folgen dem
Radius des Prinzipalbogens.

Ähnlich ist das Netzgewölbe im Mittelschiff der
Hallenkirche St. Peter zu Weilheim unter Teck
ausgebildet, von Meister Peter von Koblenz er-
richtet (Tafel 21, Abb. 13). Hier ist der Diago-
nalbogen, der über der Strecke a—b—c—d—s
errichtet ist, ein Halbkreis. Die über den einzel-
nen Durchschneidungspunkten errichteten je-
weiligen Lote sind zwischen dem Fußpunkt und
den dazugehörigen Gewölberippen gleich. Der
mit Radius a—d errichtete Halbkreis ist der
Radius aller Rippen.

In Tafel 22, Abb. 14 ist die Aufnahme eines Ge-
wölbes im Kreuzgang der Benediktinerabtei Al-
pirsbach dargestellt. Dieser Kreuzgang wurde
zwischen 1480 und 1490 gewölbt und zeigt sehr
reichhaltige und mannigfache Gewölbeformen.
Das hier dargestellte Gewölbe, ein sternförmiges
Netzgewölbe, hat einen sich dem Rundbogen
nähernden Stichbogen als Prinzipalbogen. Die
Grundrißanordnung der Rippen ist so getroffen,
daß alle Rippenstrecken zwischen den Knoten-
punkten von dem Prinzipalbogen durchlaufen
werden. Die senkrecht auf den Wanddienst zu-

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