Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 110
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laufende Rippe schneidet auf letzterem nur des-
halb etwas höher an, weil die Dicke des Dienstes
dies erfordert. Das Gewölbe macht einen außer-
ordentlich harmonischen und doch sehr reichen
Eindruck. Auch die übrigen Gewölbe im Kreuz-
gang zu Alpirsbach sind nach dem Prinzipal-
bogen konstruiert, aber in jener zweiten Kon-
struktionsart, die die Rippenbogen vom Scheitel
aus über den Prinzipalbogen nach dem Anfän-
ger bzw. der Wand fallen läßt. Durch diese Anord-
nung des Prinzipalbogens entstehen sehr inter-
essante Kappen- und Anfängerbildungen.
In Tafel 22, Abb. 15, fällt der Prinzipalbogen
vom Scheitel über zwei Knotenpunkte nach
dem Anfänger. Der Prinzipalbogen ist hier eben-
falls ein runder Stichbogen, die Scheitelpunkte
liegen alle in einer Höhe. Die Strecken von den
Scheitelpunkten bis zum Heraustreten der Rip-
pen aus dem Wanddienst auf Kämpferhöhe sind
verschieden lang und infolgedessen schneidet
die senkrecht auf den Dienst zuführende Gurt-
rippe höher ein als die schräg auf denselben
treffende Diagonalrippe. Noch deutlicher wird
dies in Tafel 22, Abb. 16, wo der Prinzipal-
bogen zwischen Scheitel und Kämpfer über die
geknickte Diagonalrippe eine längere Strecke
zu durchlaufen hat als über die Strecke der ge-
raden Diagonalrippe. Der Unterschied ist hier
sehr erheblich und daher tritt die geknickte
Diagonale sehr tief aus dem Dienst (1,50 m über
dem Fußboden), während die gerade Diagonale
3,30 m über dem Fußboden und die Rippe des
Gurtbogens noch höher am Dienst ansetzt. In-
folgedessen entstehen über den geknickten Dia-
gonalrippen senkrechte Aufmauerungen in der
Stärke des Rippenprofiles bis zu dem Punkt, in
welchem das vollständige Profil der geraden
Diagonale auf die senkrechte Wand auf trifft.
Diese Bildung der Gewölbeanfänger wurde in
der Spätzeit außerordentlich beliebt und findet
sich an sehr vielen Orten. So konnte man nach
dieser Manier, den Prinzipalbogen vom Scheitel
nach dem Anfänger fallen zu lassen, auch das
in Figur 11, rechte Seite, dargestellte Netzge-
wölbe konstruieren, wie dies im Chor des Mün-
sters zu Freiburg im Breisgau und an vielen
anderen Orten der Fall ist. Schließlich konnte
man an Stelle der senkrechten Aufmauerung
auf den tief im Anfänger anschneidenden Rip-
pen eine Maßwerkfüllung zur Unterstützung
der Kappe anbringen, oder aber auch die hoch-
anschneidende Kappe durch besondere Rippen-

stücke, die über den tief anschneidenden Rip-
pen von deren letztem Knotenpunkt vor dem
Anfänger bis zum Wanddienst in Höhe der be-
nachbarten Rippen laufen, tragen lassen. Ein
Beispiel letzterer Art finden wir im Kreuzgang
von St. Stephan in Mainz. Hier ist außerdem
das die Kappe tragende Rippenstück und dessen
senkrechte Fortsetzung bis auf den Rücken der
darunter liegenden Diagonalrippe durch Maß-
werk verziert. Auch die ohne gemauerte Kap-
pen gebildeten Gewölbe, auf deren Rippen
Säulchen oder Maßwerke zur Unterstützung der
an Stelle der gemauerten Kappen tretenden
Plattenabdeckungen sitzen, gehören hierher. Ein
sehr frühes Beispiel ist das Turmgewölbe unter
der Plattform des Münsters zu Freiburg im
Breisgau, ferner das Gewölbe über der Kapelle
im Nordflügel des Kreuzganges im Dom zu
Magdeburg. Die oben geschilderte Durch-
brechung über der Diagonalrippe fand dann ihre
Weiterbildung in den frei im Raum schweben-
den, gewisse Knotenpunkte des Gewölbes gegen
die Wand abstützenden Rippen, vergleiche hier-
zu Tafel 22, Abb. 17, in der das Schiffsgewölbe
der Alexanderkirche zu Marbach dargestellt ist.
Hier sind die Knotenpunkte c gegen die Wand
durch die Rippenstücke c—b abgestützt, wäh-
rend die Kappe zwischen a—b—d—e—c frei
darüber hinweg gemauert wurde. Die Rück-
seiten der Rippenstücke b—c sind durch eine
Maßwerknase geschmückt. Das Gewölbe ist von
Meister Albrecht Georg zwischen 1460—1470
ausgeführt. In der Folge ließ man es sich an
solchen einzelnen freischwebenden Rippen und
Gewölbedurchbrechungen nicht genügen. Man
legte schließlich zwei Gewölbesysteme überein-
ander, verdoppelte Reihungen, wie z. B. im Chor
der Kirche zu Langenstein, R.-B.Kassel (Tafel23,
Abb. 19). Das untere Rippensystem schwebt frei
unmittelbar unter dem daraufgelegten oberen
System, das die gemauerten Kappen trägt. Beide
Systeme sind sehr originell aus dem Sechseck
konstruiert. Besonders beachtenswert ist, wie die
Sechseckkonstruktion sich aus dem im halben
Achteck geschlossenen Chor entwickelt. Solche
übereinandergelegten Rippensysteme finden sich
vielerorts, in sehr reicher Weise im südlichen
Nebenchor der Kirche St. Johann in Meisen-
heim am Glan, Tafel 23, Abb. 20. Hier ist der
Mittelteil des Gewölbes, der sich auf die senk-
recht überhöhten Rippenprofile des unteren Sy-
stemes abstützt, um ein beträchtliches erhöht.

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