Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 112
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/architectura1933/0130
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
ster des Chorgewölbes in der St. Leonhardkirche
zu Frankfurt am Main durch die geschickte An-
ordnung der aus besonderen Bögen konstruierten
Stern- und Diagonalrippen begegnet ist.. Auf
dem Hradschin zu Prag ist der Wladislawsche
Saal 1493—1511 von Benedikt Rieth mit gewun-
denen Reihungen überwölbt worden und bietet
ein sehr einheitliches und schönes Beispiel für
die Anordnung derartiger Gewölbe. Weitere Bei-
spiele im Straßburger Münster, Südkapelle
nächst dem Querschiff, im Kreuzgang des Mün-
sters zu Basel usw.

Die Konstruktion der gewundenen Rippen ge-
schah in der auf Tafel 23 in Abb. 21 dargestell-
ten Art und Weise. Es wurden die gewundenen
Rippenstücke a—b, b—c abgewickelt auf der
Grundrißlinie unter dem zu schlagenden Prin-
zipalbogen abgetragen = c, b', a'. Alsdann wurde
über der abgetragenen Strecke der Prinzipal-
bogen konstruiert, im vorliegenden Fall a', b ",
c", wobei darauf geachtet werden mußte, daß
der Bogen ein Spitzbogen oder ein Stichspitz-
bogen war, weil bei Anordnung eines Rund-
bogens infolge der Abwicklung der Rippen der
obere Teil des Gewölbes sehr flach und damit
unkonstruktiv wurde, es sei denn, daß man sich
auf die Anbringung von eisernen Klammern
und die Dübel in den Fugen verlassen hätte.
Häufig wurden die gewundenen Reihungen
noch mit Maßwerken besetzt, die sich seitlich
aus den Rippenprofilen entwickelten. In Abb. 22
der Tafel 23 sind eine Anzahl gebräuchlicher
Rippenprofile der Spätgotik dargestellt, in den
drei letzten rechts sind die Profile der Maß-
werke und deren Nasen eingezeichnet.

In Abb. 24 der Tafel 24 ist die genaue Kon-
struktion eines Sterngewölbes angegeben. Die
Grundrißanordnung ist hier so getroffen, daß
der gleiche Radius (r = 4,25 m) für alle Rip-
penstücke gewählt (werden konnte. Die vom
Dienst ausgehenden Diagonalrippen sind im letz-
ten Knotenpunkt vor dem Scheitel im Grund-
riß herumgeschwungen (in der Zeichnung punk-
tiert dargestellt) und hierüber ist der Prinzipal-
bogen, ein ganz flacher Spitzbogen, geschlagen.
Über den Knotenpunkten sind die Anschnitte
der abgehenden Rippenstücke eingezeichnet.
Man beachte die Platte des Profiles der Diago-
nalrippen, die vom Kämpfer bis zum Anschnitt
der Platte der aus dem ersten Knotenpunkt
abgehenden Rippe sich verbreitern mußte, weil
sonst die Platte der abgehenden Rippe zum Teil

in der Kappe verschwunden wäre. Auch in der
Diagonalrippe ist das für die Strecke zwischen
dem Kämpfer und dem ersten Knotenpunkt der
Fall. In der Konstruktionszeichnung sind die
Fugen des Anfängers und der Rippenstücke in
der Aufzeichnung des Prinzipalbogens ange-
geben und es sind ferner eine Ansicht des An-
fängers und die dazugehörigen Schichtenpläne
aufgezeichnet. Aus der Ansicht des Anfängers
ergibt sich, daß derselbe aus vier Schichten be-
stellt. Die drei unteren Schichten enthalten die
Anfänge der Diagonal- und Gurtrippen bis zu
dem Punkt, an welchem die Kappen ansetzen.
Die vierte Schicht, die im Grundriß rechts oben
dargestellt ist, enthält die Entwicklung der Ge-
wölbekappen, die aus Werkstein hergestellt ist.
Die vor den Kappen sitzenden Rippenstücke
schließen auf der Rückseite mit Fugen an diese
die Kappenansätze enthaltende Schicht an.
Hätte man sie auch noch in diese Schicht ein-
bezogen, dann wäre das Schichtstück 4 außer-
ordentlich groß geworden. Zu beachten ist bei
dem Anfänger, daß die über dem Kämpfer lie-
genden beiden ersten Fugen wagrecht durch die
Rippe hindurchschneiden und erst die dritte
Fuge beim Freiwerden des Profiles nach dem
Radius des Prinzipalbogens gearbeitet ist, dem
im übrigen alle anderen Fugen des Gewölbes
selbstverständlich folgen.

Tafel 24, Abb. 25, zeigt das gleiche Gewölbe im
Schnitt mit sämtlichen Rippenstücken und
Knotenpunkten, von der durch den Scheitel
gehenden Schnittlinie aus gesehen. Eine Darstel-
lung der Knotenpunkte eines Sterngewölbes im
achteckigen Chorschluß bietet Abb. 26 dersel-
ben Tafel. Hier weisen die Knotenpunkte D
und F Profilüberschneidungen auf und aus
den Austragungen dieser Knotenpunkte D F und
des Knotenpunktes G ist zu ersehen, wie die
Platten der Profile sich verbreitern, um ein Ver-
schwinden der anschneidenden Profile in den
gemauerten Kappenflächen zu verhindern. Die
Darstellung der Knotenpunkte F und G von
rückwärts gesehen zeigt, wie aus diesem Grunde
zur Aufnahme der Kappen, die von rückwärts
an die Knotenpunkte anschneiden, Einsätze vor-
handen sein müssen, während die auswärts ge-
richteten Profilteile überhöht sind. Der Prinzi-
palbogen dieses Sterngewölbes ist ein Spitz-
bogen. Die Austragung solcher Knotenpunkte,
besonders wenn sie iiberschnittene Profile hat-
ten, erforderte sehr sorgfältiges Arbeiten und

112
loading ...