Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 113
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widerlegt die häufig anzutreffende Anschauung,
daß die Fertigkeit im Zeichnen der alten Stein-
metzen nicht sehr groß gewesen sei. Nur so von
ungefähr und in kleinem Maßstab ließen sich
solche Austragungen nicht bewerkstelligen, son-
dern sie mußten in Naturgröße auf dem Reiß-
boden erfolgen und es gehörte ein nicht geringes
Maß von konstruktivem Können und von Vor-
stellungsgabe dazu.

Schon bei den seither besprochenen Gewölben
führte die Anwendung des Prinzipalbogens zur
Bildung mannigfach gestalteter Gewölbeanfän-
ger. Noch reicher wurden diese Anfänger, wenn
man die Rippen nicht aus einem Dienst oder ein
und demselben Punkt der Wand oder aus einer
Konsole herausschneiden ließ, wobei zu beach-
ten war, daß beim Herausschneiden aus der
Wand der Bogenanfang so weit hinter die Außen-
kante der Wand zurückgelegt werden mußte,
daß die Profilunterkante vollständig in der
Wand verschwand, sondern wenn man die Dia-
gonalrippen vor dem Anfänger überkreuzte und
ihren Schnittpunkt mit der Wand in das neben-
an gelegene Gewölbefeld rückte. Wählte man
dazu noch das System des vom Gewölbescheitel
nach der Wand fallenden Prinzipalbogens, so
entstanden sehr reiche, komplizierte Anfänger-
bildungen. Es ist ohne weiteres klar, daß man
schon den Anfänger eines einfachen Kreuzge-
wölbes auf diese Weise reich ausgestalten
konnte, viel mehr noch die Anfänger von Stern-
und Netzgewölben.

In Abb. 27 der Tafel 24 ist der Gewölbeanfän-
ger eines Gewölbes im Kapitelsaal des Domes zu
Halberstadt dargestellt; hier überschneiden sich
zwei geschweifte Diagonalrippen vor dem Dienst
und treffen in das anschließende Gewölbefeld.
Zwei andere, ebenfalls geschweifte Diagonal-
rippen liegen im Dienst, ebenso das Gurtrippen-
stück. Bis zum Freiwerden der Profilplatten
sind die Profile der anschneidenden Rippen-
anfänge gestelzt. Der Anfänger besteht aus fünf
Schichten und verlangte bei den reichen Profi-
len eine sehr genaue Austragung, die auch tat-
sächlich stattgefunden hat, denn die Anfänger-
stücke sind tadellos gearbeitet. Einen noch rei-
cheren und komplizierteren Gewölbeanfänger
treffen wir in der alten Sakristei der schon er-
wähnten St. Annenkirche zu Annaberg, Tafel 23,
Abb. 28. Hier überschneiden sich sechs nach
zwei Seiten abzweigende geschweifte Rippen,
von denen je zwei links und rechts der Mitte

auf Konsolen aufsitzen. Auch hier bedingten die
Verschneidungen der Rippen bis zum Freiwer-
den der Profile hohe senkrechte Aufmauerun-
gen bis zum Ansetzen der Kappen. Das Gewölbe
ist von Jakob von Schweinfurt zwischen 1515
und 1520 hergestellt worden.

Die Schlußsteine in den Scheiteln der figurier-
ten Gewölbe erfuhren in der Hauptsache die
gleiche Ausbildung wie bei den Kreuzgewölben.
Die Spätzeit liebte bei reichen Ausführungen
herabhängende Schlußsteine, vgl. Tafel 23,
Abb. 23, die mit einer Säule oder mit besonde-
ren Rippenstücken in den darüberliegenden
Scheitel eingreifen und hierdurch getragen wer-
den. Häufig stützen sich auf diese Schlußsteine
nach den Konstruktionsrippen laufende Rippen-
stücke ab (Nischengewölbe zu Annaberg). Auch
die Knotenpunkte sind häufig mit Schlußsteinen
versehen, deren Zylinder aber nicht, wie bei
den Scheitelschlüssen, senkrecht, sondern radial
zu den nach dem Gewölbemittel gehenden
Hauptbögen stehen. Die Zwickel der Knoten-
punkte sind oft zur Verstärkung mit Rippen-
durchschneidungen (Tafel24, Abb.26) oder mit
Ornament dekoriert.

Die Kappen der gotischen Gewölbe sind aus
freier Hand, jede Kappe für sich, gewölbt. Sie
haben durchweg Busungen und die einzelnen
Steinschichten laufen zwischen den Rippen in
der kürzesten Richtung. Als Wölbematerial
wurde in der Hauptsache Backstein verwendet,
die Kappen einen halben Stein stark gemauert,
über den Rippen mit einem Stein starken Gur-
ten versehen, vgl. Schnitt der Abb.25 (Tafel24).
An Stelle der Backsteine wurde in Westdeutsch-
land, besonders in den rheinischen Gebieten,
auch der schon frühzeitig in den Handel ge-
kommene Tuffstein und Bimssandstein verwen-
det. Auch kleinformatige Kalkbruchsteine sind,
z. B. in Württemberg, anzutreffen. Die Kappen
waren selten stärker als 15 cm. Die Rippen grif-
fen zuweilen mit einem Sporn in die Übermaue-
rung der Kappen ein. In den weitaus meisten
Fällen ist das Rippenprofil oben flach und nur
durch die Mörtelfuge mit der Kappenwölbung
verbunden, so daß die letztere auch ohne die
Rippen sich selbständig trägt. Die Rippenstücke
waren mittelst eiserner Dollen oder Eichen-
holzdübel miteinander verbunden. Bei dem Ab-
bruch der spätgotischen St. Peterskirche zu
Frankfurt am Main fand sich als Verdübelung
der Rippenstücke des fast 13 m weit gespann-

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