Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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künstlerische Inhalt, zumal dieser gerade in den
bewußten Fällen problematisch war, und daher
an sich schwer als Individualleistung erkannt
werden konnte.

Diese bekannten Beispiele sind deshalb auf-
schlußreich, weil sie erweisen, in welcher
schematisierenden und nivellierenden Art die
literarisch-aktive Einwirkung auf die Künste
ihren hemmenden Einfluß ausübt. Die leben-
dige Fortentwicklung wird unterbunden und
macht einer weniger als schulmäßigen Nach-
ahmerei Platz.

Wir können hierbei zwei Richtungen des so-
genannten Expressionismus verfolgen. Der In-
tellektualismus unseres Zeitalters führte da-
zu, daß man auch verstandesmäßig begreifen,
in Worten aussprechen und durch Drucker-
schwärze verbreiten wollte, was bis dahin nur
Sache des Empfindens und stillen Nachempfin-
dens war. Durch die in dieser Tendenz sich be-
wegende Kunstliteratur und die ihr nachgeben-
den Künstler erhielten deren Werke in immer
zunehmender Weise die Richtung in die theore-
tisch abstrakten Gebiete hinein, die schlechter-
dings eigentlich bildlich überhaupt nicht mehr
darstellbar sind.

Die Abstrakten — wie sie sich selber nann-
ten — entsagten damit aber in steigendem Maße
den urtümlichen Ausdrucksmitteln der Kunst
und langten schließlich bei solchen Abstraktio-
nen in Form und Farbe an, die jeden unmittel-
baren Ausdrucks bar, höchstens noch wie mathe-
matische Probleme durch wörtlich — begriffs-
mäßige Erklärungen verständlich gewesen sein
würden — wenn man solche Erklärungen mit
Glück versucht hätte. Dieses theoretische End-
stadium aber trat gar nicht erst ein, weil man es
unterlassen hatte, die zu den Bildwerken pas-
sende Philosophie zu Ende zu entwickeln. Da-
mit sind die Abstrakten von jedem Vorwurf,
schlechte Philosophen zu sein, in billiger Weise
entlastet. Es bleibt ihnen nur das Verdienst
übrig, eine ahnungslose Publikumsschicht mit
der Sensation bereichert zu haben, teure Ori-
ginalwerke als Symbolausdruck der lebendigen,
fortschrittlichen Gegenwart erworben zu haben.
Weiter wurde der nun aber tatsächliche Vorteil
erzielt, daß entgegen dem sonstigen allgemeinen
Verfall alles handwerklichen-künstlerischen Kön-
nens wenigstens die Stubenmaler das Ziehen
von graden Linealstrichen und Kreisen nicht
verlernten, zumal auch derartige Werke nicht

mehr fern davon waren, als hohe Kunstwerke
geachtet und bezahlt zu werden.

Der andere Zweig der expressionistischen Kunst,
welcher nur in der Sprache der Farben und For-
men selber verstanden sein wollte, schien an-
fänglich eine erfreulichere Richtung nehmen zu
wollen. Durch jeden Verzicht des Künstlers auf
erklärende Worte, sollte er sich selbst zur Be-
schränkung auf solchen Ausdruck zwingen, der
unmittelbar und zwangsläufig die gleichen Emp-
findungen wiedererwecken muß, die auch den
Impuls bei der Schöpfung des Bildwerkes ge-
geben haben.

Aber auch dieser gesunde Expressionismus ließ
sich durch die Theoretiker nicht in die ab-
strakten, sondern in die mystischen Bahnen
drängen. Er bildet zur Zeit — wenigstens in der
Literatur — eine Art Gemeinschaftsgruppe mit
den Künsten der „Primitiven", der Kinder, Ne-
ger und Irren. Diese Gemeinschaft ist von vielen
dieser Künstler absichtlich gesucht worden. Ein
genauer Vergleich der bewußt in dieser beson-
deren mystischen Richtung geschaffenen Werke
führt aber zu dem interessanten Ergebnis, daß
wirkliche Urtümlichkeit, und daher ein echter
spontaner Eindruck vor allem bei den Echt-
primitiven" vorhanden ist, während unsere Aka-
demieprofessoren, die mit dem Dadaismus be-
ginnend, dieser Richtung huldigten, die Nach-
ahmung der echten Ursprünglichen nicht gut
verleugnen können. Man ist versucht, die Her-
stellungsweise vieler derartiger Werke auf die
zur Kunstmethode erhobene sogenannte Klexo-
graphie zurückzuführen, ein Begriff, der von
Justinus Kerner stammt und bedeuten soll, daß
man durch zunächst willkürliche Ausschüttung
von Farben oder auch Strichen und durch nach-
trägliches Hineinsehen von bestimmteren For-
men und Hervorholung derselben einen bild-
ähnlichen Eindruck erzielen kann. Mit Tapeten-
mustern und Wolkengebilden kann derselbe Ge-
dankenvorgang sich auch erzielen lassen. Tat-
sächlich führt Prinzhorn, der wissenschaftliche
Erforscher der Bildnerei der Geisteskranken, bei
diesen Vorbildern mancher modernen Kunst-
werke die Entstehung vieler echt primitiver
Bildnereien auf solche Gedankenvorgänge zu-
rück, die aber bei den Prinzhornschen Beob-
achtungsobjekten als Ermüdungszustände und
weniger als eigentliche Schöpfungsvorgänge ge-
deutet werden. Eine andere wichtige Art der
Bildnereien Geisteskranker ist auf die sichere

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