Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 124
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dem die moderne Kunst verfallen war, förderte
solche irrtümliche Berufserfassung, weil außer-
dem die solide werkmäßige Vorbildung in den
Künsten und das dazu gehörende gründliche
Studium der Natur vom modernen wissenschaft-
lichen Expressionismus als Grundlage für die
Weiterbildung der Künste abgelehnt und für
entbehrlich gehalten wird. In diesem einzigen
Punkte folgte man dem Vorbilde der Irren und
Neger allzu getreu, jeder unter Mißachtung der
Prinzhornschen nüchternen Erkenntnis über den
Rest gesunder Gedankenarbeit, der in seinem
besten Beispiele —- Fall Pohl — vorhanden ist.
Die künstlerische und wissenschaftliche Not,
welche hier im ganzen in die Erscheinung tritt,
ist aber gar nicht einmal neu. Goethe hat auch
hier — wenigstens mit einer Andeutung ■— den
zu beschreitenden Weg gewiesen, wie die Wissen-
schaft helfend eingreifen könnte:

„In der deutschen Philosophie wären noch zwei
große Dinge zu tun, Kant hat die Kritik
der reinen Vernunft geschrieben, womit un-
endlich viel geschehen, aber der Kreis nicht
abgeschlossen ist. Jetzt müßte ein Fähiger,
ein Bedeutender die Kritik der Sinne und
des Menschenverstandes schreiben, und wir wür-
den, wenn dieses gleich vortrefflich geschehen,
in der deutschen Philosophie nicht viel mehr zu
wünschen haben" (Gespräche mit Eckermann,
17. II. 1825).

Betrachten wir hiergegen die entsprechenden
kritischen Versuche der literarischen Kunst-
expressionisten, so müssen wir leider bei den
meisten feststellen, daß die bisher von Kant er-
arbeiteten Grundlagen der Kritik der reinen
Vernunft in diesen Arbeiten keine Anwendung
fanden; auch Vaihingers Lebenswerk, die Philo-
sophie des „Als Ob" wurde nicht berücksichtigt,
obwohl hier bereits ein Schritt über Kant hinaus
zur „Kritik der Sinne" getan zu sein scheint.
Bezeichnenderweise haben sich die Versuche,
zu einer transzendenten Ästhetik zu gelangen,
auch auf die Baukunst erstreckt. Sie, als die so-
genannte „Mutter der Künste", als die „gefro-
rene Musik", war ein um so willkommenerer
Gegenstand schriftstellerischer Bemühungen, als
sie ja durch ihre Gebundenheit an das hand-
werklich-technische und an die Nutzforderun-
gen des Daseins die meisten, sagen wir, Angriffs-
punkte für den Intellektualismus und das ästhe-
tisch-wissenschaftliche Schrifttum zu bieten
schien.

Bei diesen Versuchen blieb aber außer acht,
oder es wurde verwechselt, daß das technische
und das künstlerische Moment in der Bauerei
ebenfalls aus verschiedenen Geistesprovinzen
ihren Ursprung herleiten. Die künstlerischen
Probleme des Bauens dürften sogar am tiefsten
in jene von der Philosophie noch unerschlosse-
nen Gebiete der menschlichen Gedankentätig-
keit hineinragen, in denen auch die bildenden
Künste ihren Ursprung finden.

Da aber eine „Kritik der Sinne" bis heute dieses
Gelände noch nicht erschlossen hat, so be-
schränkte sich eine selbstbewußte intellektuelle
Bauästehtik auch hier auf die dem objektiven
Verstände allein greifbaren Gebiete der Technik:
sie suchte zwischen Eisen-, Beton- und Glas-
konstruktionen nach der blauen Wunderblume,
deren Duft man zwischen den Trümmern der
Akropolis oder in den hohen Hallen der Dome
freilich mit den chirurgischen Instrumenten der
rationellen Baukonstruktionslehre oder der wirt-
schaftlichen Baupreisberechnungen unter kei-
nen Umständen auffangen konnte. Daß man aber
dennoch und tatsächlich auf diese so sichtbar
unzweckmäßige Weise dem Begriffe der Kunst
im Bauwesen auf den Leib rücken wollte, rührte
davon her, daß es den betreffenden Natur-
forschern entgangen war, daß für ihre Bemühun-
gen jene noch nicht vorhandene Kritik der
Sinne das allein brauchbare Werkzeug hätte
sein können.

Weiter hätte es deutlich sein können, daß eine
dem künstlerischen Tun immer nur nacheilende
Kunstphilosophie noch niemals einen fördern-
den Einfluß unmittelbar auf den künstlerischen
Fortschritt genommen hat. Es geht hier wie auf
allen anderen Gebieten auch: Die Philosophie
selbst rief nicht erst das gesunde und richtige
Denken hervor, sondern sie war dadurch mög-
lich, daß einige Menschen ihr vorhandenes Denk-
instrumentarium mit gesunden Sinnen auf die
Erforschung des uns eingeborenen Denkvorgan-
ges richteten. Sodann konnte man sich erst von
überflüssiger und falscher Denkarbeit entlastet
fühlen; der weitere Fortschritt aber geschah im-
mer noch durch die unmittelbare Auswirkung
jener metaphysischen in uns lebendigen Kräfte,
die urwüchsig wirken, und denen nur die Bahn
durch die Philosophie freier gemacht worden
war. Daher bleibt auch in der Kunst die begriff-
lich noch nicht genügend klargelegte Intuition
die Haupttriebkraft, welche durch den Verstand

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