Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 126
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der schaffenden Künste einzutreten. Nur diese
gewonnene Einsicht befähigt dazu, auch alle
andere menschliche Tätigkeit über den reinen
Nützlichkeitsgrad hinaus zu steigern und zu ver-
edeln, sei es, daß der schlichte Handwerker sich
in Sorgfalt zu erschöpfen scheint und durch
liebevolles Hinzutun einfachen Schmuckes sein
Werk den gestaltenden Künsten nähert, sei es,
daß der Forscher den Stolz verliert, in un-
bekannte Gebiete vorgedrungen zu sein, weil
ihm die Unendlichkeit deutlich und die Uner-
reichbarkeit vollkommenen Wissens bewußt ge-
worden ist: Wir stehen hier an der Grenze, wo
alles, selbst die Wissenschaft zur Kunst werden
muß, wie es Goethe nannte, weil nur das Aus-
drucksmittel der Künste, das Symbol, noch fähig
ist, in vergleichenden Andeutungen unsere Be-
ziehung zum All zu veranschaulichen. Selbst der
Irre, dem die objektive Erkenntnisfähigkeit ge-
schwunden ist, und der sich in autistischer Welt-
abgekehrtheit in sein Inneres verschließt, ge-
langt sogar innerhalb seines verworrenen Selbst
an diese metaphysische Grenze, die auch ihn
zwingt, in symbolischer Ausdrucksweise seine
verzerrten, angsterfüllten Vorstellungen von sich
zu geben. Irrenkunst und gesunde Kunst sind
nur im Grundsatz der Symbolanwendung ver-
wandt, ihre eigentlichen Wege sind diametral
auseinanderstrebend. Nur der Intellektuelle ist
amorph sowohl gegen das empfindliche und
empfängliche „Ich", weil ihm die Kultur der
Sinne fehlt; er ist vor allem aber amorph gegen
das Metaphysische; daher seine Symbolfeind-
lichkeit, und daher auch seine Unfähigkeit zur
Kunst. Ihm bleibt als einziges Ausdrucksmittel
die Anwendung seines nach der subjektiven und
der metaphysischen Seite hin auf das Äußerste
beschränkten objektivistischen Verstandes; die
Nüchternheit desselben, auf die er stolz ist, ist
eine grenzenlose Verarmung, sie macht ihn un-
fähig auch zur Kultur.

Dieser Intellektualismus ist der eigentliche Zer-
fallskeim und Zerstörer der Kultur und des
menschlichen Gemeinschaftslebens. Er ist vor-
nehmlich die eigentliche Krankheit der so-
genannten gebildeten Oberschicht, die durch ihn
ihre Führereigenschaften verliert, obwohl sie
sich das Gegenteil einbildet. Hier hat der Hebel
aller Verbesserungsversuche einzusetzen.
Die Wiedererweckung einer deutschen Kunst

durch Überwindung dieses Intellektualismus ist
daher Mittel und Zweck der deutschen Volks-
erneuerung. Gelingt es, wieder zu einer deut-
schen Kunst in dem weiten Sinne zu kommen,
den Goethe mit seiner Auffassung aussprach,
daß alle Wissenschaft eigentlich als Kunst, das
heißt im Bewußtsein der menschlichen Einord-
nung in ein großes All betrieben werden solle,
dann haben wir das Gift aus den Oberschichten
herausgetrieben.

Die heute noch lebendigen Reste einer völkisch
gebundenen echten Baukunst hat uns Schultze-
Naumburg, durch seine Kulturarbeiten gerettet,
indem er ohne Theorienschwall den Mißgebilden
des Intellektualismus das Gute im Bilde sichtbar
gegenüberstellte und im begleitenden Wort auf
die Gemütswerte hinwies. Er sammelte inner-
halb der Oberschicht einen gesunden Kern von
bewußten Menschen um sich, von denen die Er-
neuerung ausgehen wird.

Um die breiten Schichten braucht uns in künst-
lerischer Beziehung nicht besonders bange zu
sein. Es ist ein beruhigendes Bewußtsein, daß
hier gesundes Empfinden noch ungetrübt reich-
lich vorhanden ist. Beweis dafür ist, daß weder
die Kunst der Irren, Neger und Primitiven hier
Fuß fsssen konnte, noch auch die Afterkunst
des Intellektualismus „Verständnis" gefunden
hätte. Der Aufwand an Kunsttheorien war ja
auch nur für die dünne Oberschicht gemünzt
worden.

Die geistige Gesundung wird schrittweise mit der
allgemeinen Arbeitsertüchtigung vonstatten ge-
hen. Die Arbeitsdienstpflicht für die intellek-
tuellen Kreise ist im besten Sinne auch eine Vor-
stufe zur neuen Kunsterziehung, weil sie den
Menschen an den Urbronnen aller schöpferi-
schen Tätigkeit, an die körperliche Arbeit des
täglichen Lebens, an das eindringliche Erfassen
der Natur und Umwelt und damit an die Schwelle
zum Unfaßbaren heranzwingt. Wer hier bewußt
mit seinem „objektiven" Verstände haltzumachen
weiß, bei dem vereinigen sich Erstaunen und
Ehrfurcht mit der frohen und gesunden Beherr-
schung der Sinne, um dem menschlichen Han-
deln die Weihe der Kunst zu verleihen. Auch
die Wissenschaft wird vor dieser Grenze den
Stoff zu einer zukünftigen Darstellung der „Kri-
tik der Sinne", d. h. zu einer Kunstphilosophie
und Ästhetik im Sinne Goethes finden. K. Nonn

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