Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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überleitet. Nur ein Hauptgeschoß, in dessen
breiten, durch Quaderstreifen gegliederten drei
Mauerflächen das Mittelportal und zwei Fenster
sitzen, hat dieser vordere Mittelbau, zu dessen
stark betonten Eingang eine sehr stattliche und
wirksame, in verschiedene Absätze reich geglie-
derte Balustradentreppe hinanführt, von Vasen
bestanden (Taf. 26 d). Die Treppe verdeckt fast
völlig, bis auf den mittleren Durchgang, das Erd-
geschoß des Bauwerks. Zu Seiten des Haupt-
portals gähnen riesige Marmorfratzen mit tief-
offenen Rachen den Besucher an, einst dazu be-
stimmt, die Fackeln auszulöschen.

Marmorbänke mit überreich geschweiften Rück-
lehnen und weitere Marmorplastiken sind an
diese reich gezierte Treppenanlage angegliedert,
wie auch das Erdgeschoß des Hauses durch wei-
tere bunte Marmorplastiken, so durch Reliefs
von Vorfahren in Zeittracht geziert ist. Diesen
Schmuck weist auch die abgerundete Scala Ter-
rena an den Wänden auf, hinter der noch ein
unverzierter großer Durchgangsraum zur rück-
wärtigen Hoffront hindurchführt. Die äußere
Haupttreppe herauf geht es in das eigentliche
Haupt- und Wohngeschoß, das mit einem gro-
ßen ovalen Vorsaal anhebt. Er ist ganz in Schein-
architektur gemalt, die ein schwächlich klassi-
zistisch empfindender Halbbruder des Fürsten
Palagonia, der, welcher als sein Erbe so vieles
zerstört hat, hier und in einer Reihe von ande-
ren Räumen anbringen ließ. In seine Schein-
säulenarchitektur sind antike Heroen gemalt,
während rechts und links Landschaften dem be-
ginnenden romantischen Gefühl huldigen, alles
in ziemlich primitiver Weise gefertigt. — Ge-
radeaus über dem Durchgang der rückwärtigen
Galerie befindet sich das oft angebrachte Wap-
pen der Gravina und die Inschrift: „Salvatore
Gravina, primo di questo nome, principe di Pa-
lagonia, Fratello del fu Francesco Ferdinando
fondatore di questi singolari ornamenti." Dieser
Bruder des vielgeschmähten sizilianischen Gran-
den muß sich als Sohn seiner klassischen Zeit
weit über seinen alten barocken Halbbruder und
Schwiegervater erhaben gefühlt haben, als er jene
schwächlichen, pompeianischen Motive in vie-
len Räumen nach der Zerstörung ihrer barocken
Originalausstattung anbringen ließ. Das zeigt
seine stolze Inschrift über der linken Tür dieses
Saales, wo es heißt: „Cangiö l'antica interior
struttura al gusto di moderna architettura"! Die
neue Sachlichkeit des Klassizismus hatte gesiegt.

In dieser Weise ist auch das rückwärtige Ver-
bindungskabinett ausgestattet, das zu der im
Halbkreis angelegten Galerie überleitet, welche
die Mitte der Rückfront ausfüllt rmd glück-
licherweise in der barocken Ausstattung des äl-
teren Bruders noch gelassen worden ist. Wenn
die Galerie einer der Räume sein sollte, die von
Goethe und den Reisenden der klassischen Zeit
bitter getadelt werden, wenn er gar mit dem
Raum oder den Räumen in Zusammenhang
stände, die wegen des „hundertfältigen Schnitz-
musters" so verachtet wurden, so haben sie
durchaus unrecht. Denn gerade dieser Raum
stellt sich, trotz des Verfalls, als ein wahres
Prunkstück kultiviertester und entwickeltster
Rokokodekoration dar, und diese Schöpfung des
Principe Francesco Ferdinando Palagonia würde
auch selbst in der Pracht einer Würzburger oder
Bruchsaler Residenz noch eine sehr gute und
eigenartige Figur machen.

Fünf überbreite, im Bogen geschlossene Fenster
erhellen ihn. Seine Wandflächen überziehen aus-
geschnittene Spiegelstücke in mannigfaltigen ge-
schmeidigen Formen, zwischen denen dann die
Holzrokokoornamente in einer erstaunlichen
Fülle wechselnder malerischer Varianten an-
gebracht sind. Das, was sich noch dazwischen
als Fonds der Wandfläche ergibt, ist dann be-
malt, und ganz prächtig entwickelte, weißbunte
und vergoldete Rocaille-Konsolen mit Blumen
und Fratzen in einer äußerst zierlichen und
höchst kultivierten Art, wie sie noch in Italien
wenigstens dem venezianischen Rokoko am näch-
sten steht und hier im derberen Süden recht sel-
ten ist, springen aus diesen opulent gezierten
Wandflächen vor, einst dazu bestimmt, kostbares
Porzellan, wohl von Capo di Monte, der Na-
tionalmanufaktur des Königreiches Neapel-Sizi-
lien zu tragen. Auch der Sockel des Saales ist
ornamental bemalt, eine Wappenkartusche
kommt darin des öfteren vor, die zwei flußartig
geschwungene Balken und einen goldenen acht-
zaclcigen Stern auf blauem Felde zeigt. Die ge-
wölbte Decke ist durchweg, wie in allen diesen
Räumen, auch in denen vom Bruder demolier-
ten, mit Spiegeln überzogen. Ein wahres Kunst-
werk von in üppigen Mustern aus buntem Mar-
mor gebildeten Fußboden rundet diesen Raum
zu einem Juwel entwickeltster Rokokodekora-
tion ab. Es war durchaus eine außerordentlich
künstlerische, wenn auch auf die Fülle der Form
gehende Barockphantasie von ungewöhnlichen

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