Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 134
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1777 folgte Henry Knight1) dessen Tagebuch
Goethe selbst später im „Philipp Hackert", der
mit diesem und noch einem anderen Engländer,
Charles Gore, selbst damals in Sizilien war, ver-
öffentlicht hat, und von weiterer Wirkung war
dann namentlich auch der Reisebericht von
Swinburne2) in den Jahren 1777—1780, den Jo-
hann Reinhard Forster deutsch übersetzte. —
Nun kamen Franzosen, Polen, Deutsche und
Dänen in das neuentdeckte Land, so der Hof-
maler des Königs Ludwigs XVI. Houel3) und
1777 schon der Comte de Borch'), dessen Buch
aber ebenfalls erst 1782 wie das vorige erschien
„pour servir de Supplement au voyage en Sicile
et Malthe de Monsieur Brydonne", denn das war
immer noch die klassische und erste Reise-
beschreibung dieser Art. Sie und die des Grafen
Borch hat Goethe5) wenigstens gekannt und be-
nützt, als er 1787 die Insel bereiste, und sie ha-
ben ihn auch wohl in dem abfälligen Sinn über
die Villa Palagonia und ihren Schöpfer beein-
flußt. Dazu kamen dann noch vor allem Erzäh-
lungen seiner napoletaner Bekannten, sowohl
der einheimischen als des Kreises um Philipp
Hackert, denn von jeher kam man in dieser

J) Henry Knight: Tagebuch einer Reise nach Sicilien.
1777. Herausgegeben und übersetzt von Goethe in seinem
„Philipp Hackert". Goethes Werke, herausgegeben im
Auftrag der Großherzogin Sophie von Sachsen. Weimar
1891. 46. Band, S. 151—224.

2) Heinr. Swinburne: Reisen durch beide Sicilien in den
Jahren 1777, 1778, 1779 und 1780 (übersetzt und mit
Anmerkungen erläutert von Joh. Reinh. Forster, Ham-
burg 1785—87. 2. Band, S. 265—268.

3) Jean Houel. Peintre du Roi: Voyage pittoresque des
isles de Sicile, de Malta et de Lipari, a Paris de l'im-
primeri de Monsieur. 1782, Bd. I, S. 41—43, 49,
Tafel XXXI.

4) Comte de Borch: Lettres Sur la Sicile et sur l'ile de
Malthe pp. a Turin 1782, Tome II, S. 101—110. Dazu
die deutsche Ausgabe: Briefe über Sicilien und Maltha
von dem Herrn Grafen von Borch an H. G. von N. ge-
schrieben im Jahre 1777 als ein Supplement zu der
Reisebeschreibung von H. Brydone. Bern 1783, Bd. II,
S. 79—87.

5) Goethe: Italienische Reise. Meyers Klassiker-Ausgabe.
Goethes Werke, Festausgabe für lOOjähriges Bestehen
des Bibliographischen Instituts. Gotha, Hildburghausen,
Leipzig. 1826—1926. 17. Bd., S. 260—264, 267 f., 269.
Die Zeichnungen des Malers Ch. Kniep, des Reisegenos-
sen Goethes, von der Villa Palagonia, finden sich als
Abbildungen 63—65 in dem Werk „Goethes Italienische
Reise" mit den Zeichnungen Goethes, seinem Freunde
und Reisegenossen, Leipzig, Insel verlag, 1925. Die Originale
sind im Besitz des Goethe- und Schillerarchivs in Weimar.
Vgl. auch Goethes Italien. Reise in den von H. Düntzer
hrgg. Goethes Werken, 21. Teil, I; 24. Teil, S. 7. 66.
Auch von Goethes Hand hat sich ein Schema für die
Anlage nebst einem gezeichneten, flüchtigen Grundriß-
plan erhalten.

Stadt Sizilien etwas mißtrauisch entgegen, ja
die Insel und ihre Bewohner erschienen hier
fast als etwas Fremdes, Rückständiges.

Goethe kam, von den englischen Reisenden und
den Napoletanern beeinflußt, in diese sizilia-
nische Barockwelt hinein. Und dazu trat, daß er
selbst damals alles durch eine klassische Brille
sah und vollkommen im Banne Andrea Palla-
dio's und der Antike stand. Wie weit er dadurch
auch anderen Kunstepochen gegenüber, so dem
Mittelalter, befangen war, geht ja allein schon
aus einem Beispiel hervor, wie er bei seinem
Besuch in Assissi die weithin das Landschafts-
bild beherrschende, auf ungeheueren Substruk-
tionen sich aufbauende Doppelkirche des hl.
Franciskus „links mit Abneigung" liegen ließ,
und ohne sie auch nur zu besuchen, alsbald
zu der kleinen erhaltenen Tempelfront der Mi-
nerva auf den Marktplatz hinauf wallfahrte. —
Mit Goethes Besuch war Sizilien und das Reich
des Fürsten Palagonia auch für Deutschland
endgültig entdeckt, aber man ist auch nicht
mehr von der abneigungsvollen Einstellung ge-
gen die Barockschöpfung und ihren Erbauer los-
gekommen. —-

Es folgt nun 1790 der Kopenhagener Professor
der Theologie M. Friedrich Münter1) und der
Göttinger J. H. Bartels2) im nächsten Jahre mit
der Herausgabe ihrer Reisewerke über Sizilien.
Der Graf Stolberg3) traf 1792 ein, um darüber
zu berichten, und endlich unternahm Johann
Gottfried Seume seinen „Spaziergang nach Syra-
kus" im Jahre 1802*).

Und alle diese Berichte sind zumeist gleich ab-
fällig über unseren Fürsten, ja nehmen mit dem
Weiterschreiten in den Klassizismus an Abnei-
gung über seine hirnverbrannte, ja wahnsinnige
Schöpfung zu, wenn auch hier und da einmal so
etwas wie Unsicherheit und unbewußtes Lob
wohl durchbricht. So meint der Comte de Borch,
die auch hier beschriebene und ziemlich gut er-
haltene Galerie müßte doch, wenn Bälle darin
gegeben würden, „eine starke Würckung auf das
Aug haben" und bedauert nur, daß sie allein für

1) M. Friedrich Münter: Nachrichten von Neapel und
Sicilien auf einer Reise in den Jahren 1785 und 1786
gesammelt. Kopenhagen 1790. S. 190.

2) Joh. Heinrich Bartels: Briefe über Kalabrien und Sici-
lien. III. Teil. Göttingen 1792. S. 535 ff.. 600, 718—720.

3) Gesammelte Werke der Brüder Christian und Fried-
rich Leopold Grafen zu Stolberg. 8. Band, Hamburg
1827, S. 373 f.

4) J. G. Seume: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802,
Leipzig 1868, S. 187.

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