Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 135
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/architectura1933/0157
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
Konversationen bestimmt sei. Und einzelne De-
tailerfindungen des Fürsten werden immer wie-
der, wie wir schon sahen, gelobt oder sogar zur
Nachahmung selbst empfohlen. Und auch der
feingebildete französische Hofmaler Houel wird
sich des Wertes des Ganzen doch auch, ohne es
sich recht eingestehen zu wollen, bewußt, wenn
er auch noch soviel auf das Detail schimpft und
sagt: „Ce lieu a des beautes d'ensemble qui m'at-
tachoient, qui m'engageoint ä en dessiner au
moins un croquis, ou je pusse attacher en idee
tous les objets bisarres, dont j'etois si vivement
affecte. Je me sentois partage entre l'interet, qui
naissoit de la Situation de ce lieu, et le degoüt,
que me causoient tant de singularites incohe-
rentes. Je combattis la revolte de mes sents pour
ne suivre que les conseils de ma raison. Je reunis
toutes mes forces pour commencer cette esquisse,
qui, bien qu'elle ne füt qu'une bagatelle elle-
ffleme, me paroissoit un grand ouvrage par l'im-
pression desagreable, que j'eprouvois. Je le com-
mengais sur une feuille de papier de lettre: ä
peine les masses de chaque objet furent elles
mises ä leur place, que pensant ä en rediger les
details pour la caracteriser chacune en parti-
culier, ma tete se troubla par la contemplation
de tant d'irregularites monstreuses, les forces me
manquerent, et je restai immobile sans pouvoir
travailler d'avantage.

Je me retirai, un peu confus de n'avoir pu ache-
ver. J'ecrivis la description exterieure de ce Pa-
lais sur le revers de mon dessin; je le plagai
parmi mes manuscrits, et je l'oubliai pendant
quelque temps. Ensuite, m'etant familiarise avec
ces idees, je revis mon esquisse: eile me plut: je
la presente ä mes lecteurs. Iis pourront juger en
la voyant du degre d'estime, qu'on doit accorder
ä ce heu." Und das hat uns glücklicherweise die
prächtige Gesamtansicht der Villa erhalten, die
uns heute noch eine vorzügliche Idee von ihrer
einstigen Wirkung in der Landschaft und des
im Sinne des Barocks wahrhaft großartigen Ge-
samtgrundrisses zu vermitteln vermag (Taf. 25).
Das mag als das besondere Verdienst dieses fran-
zösischen Hofmalers gebucht werden, wenn seine
Skizze auch hier und da etwas ungenau und
malerisch gesehen ist, so in der allzu erhöhten
Lage des Casinos, so bleibt sie doch für uns das
wertvollste bildnerische Zeugnis der Zeit von
dieser Barockschöpfung. Weichen doch auch
sonst fast alle Beschreibungen und Detailzeich-
nungen der Villa Palagonia, selbst die von

Goethe, hier und da von der Wirklichkeit ab
und widersprechen sich oft in wichtigen Punk-
ten, was gar nicht weiter zu erstaunen braucht
bei der nun einmal unendlichen und verwirren-
den Fülle der Eindrücke, wie sie die Einbil-
dungskraft des Fürsten hervorgezaubert hatte,
womit ja auch der Maler gekämpft hat, und die
gar aus dem Gedächtnis dann zu Papier zu brin-
gen, nicht eben leicht war.

Dem Grafen Stolberg ist unter den wachsenden
Anschauungen der Romantik nichts mehr recht
an dieser Barockvilla. Er findet sie und alle an-
deren in der Bagheria gleich traurig und — be-
sonders bemerkenswert — auch ihre Lage, ihre
Gärten und die ganze heitere Landschaft ebenso
elend. — Und nur der alte Seume ist damals zu
einem gerechten Urteil gekommen. Er hat so et-
was von dem Schalk gemerkt, der unserem Für-
sten hinter den Ohren saß, und von seinem be-
wußten Spott über die Antike, wenn er von den
„sublimen Grotesken des sublim grotesken Für-
sten von Palagonia" erzählt, die nun nach sei-
nem Tode nach und nach alle weggeschafft wer-
den. „Wenn indessen seine drollige Durchlaucht
nur etwas zur Verschönerung der Gegend umher
beigetragen hat, so will ich ihm die Mißhand-
lung der Mythologie, der ich übrigens selbst
nicht außerordentlich hold bin, sehr gerne ver-
zeihen." So spricht er über ihn und sein von
scherzhaften und echt volkstümlich siziliani-
schen Umständen und Belustigungen begleiteter
Einzug in Palermo erscheint ihm so, „als ob er
ihn noch bei dem hochseligen Fürsten von
Palagonia bestellt hätte".

Und nun zum Fürsten von Palagonia selbst und
zu seiner Familie!

*

Ferdinando Francesco Gravina, Cruyllas ed
Agliata, Principe di Palagonia, der siebente die-
ses Titels und Namens, stammte aus einem be-
sonders reichen sizilianischen Geschlecht mit
spanischem Bluteinschlag. Er war ein Sohn des
Ignazio Sebastiano Gravina e Luchese, dieser
Vater ist der eigentliche Begründer der Villa
Palagonia, denn er hat einen großen Teil ihrer
Bauten, vor allem das Casino selbst, errichtet.
Der jüngere Fürst wurde bereits 1755 zum Vor-
steher der Compagnia di Bianchi ernannt, wie-
der ein Zeichen, daß man ihn damals ernst
nahm. Ihm blieb es vorbehalten, die malerischen
Erweiterungen dieser Anlage und ihre plasti-
schen Auszierungen und die Inneneinrichtung

135
loading ...