Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 139
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und einer anderen Weltanschauung, im wesent-
lichen den Fürsten vorwiegend doch nur als
Sonderling und nicht als Geisteskranken aufzu-
fassen scheinen und in ihm nur einen Feind des
Guten, d. h. vor allem neumodischen Geschmacks
sehen. —• Und dann mehrten sich, als um 1920
das Thema der „Bildnerei der Geisteskranken"
aktuell wurde, auch die Schriften namhafter Ge-
lehrter aus den Kreisen der Psychiatrie, um sich
mit der vermeintlich pathologischen Kunst des
Fürsten zu beschäftigen. Als erster schrieb Ge-
heimrat Dr. Max Fischer1): „Wir können uns
vorstellen, daß es sich um einen hochgezüchteten
adeligen Sonderling handelt. Weiter wird sich
allerdings unsere Diagnose nicht wagen können.
War er außerdem Psychopath, ein Imbeziller,
ein Degenerierter, ein Ordinarier oder sogar ein
Schizophrener? Wer weiß es?" Der Direktor
der Heilanstalt Friedrichsberg in Hamburg, Pro-
fessor Dr. W. Weygandt2) ging weiter und
glaubte „doch wohl einen Fall aus dem Bereich
der Dementia praecox oder Schizophrenie, mit
an Verfolgungswahn mahnendem Auftreten"
feststellen zu können und sagt u. a. über seine
plastischen Schöpfungen, hier doch wohl allzu-
viel Gewicht auf den gelegentlich aufgeschnapp-
ten unsicheren Klatsch ganz später Reiseschrift-
steller legend, eben aus der Zeit, als die Wogen
des Klassizismus bereits über dem Alternden zu-
sammengeschlagen waren, als die Sage bereits
sich um ihn zu ranken begann: „Der Glaube des
Prinzen, daß das innere Afrika mit solchen Ge-
schöpfen bevölkert sei, könnte durch die gerin-
gen geographischen und zoologischen Kenntnisse
jener Zeit entschuldigt sein. Aber daß er nun
statt sich etwa für die Originale zu interessieren
und einen ersten Versuch zu machen, aus dem
von seinem Wohnsitz nicht allzu weit entfernten
Afrika lebende Exemplare oder Bälge und Ske-
lette oder Abbildungen zu erlangen, sich darauf
kaprizierte, Hunderte solcher Phantasiegeschöpfe
als öffentlichen Denkmalschmuck aufzustellen,
geht über einen bloßen Irrglauben weit hinaus."
Und das geht doch zu weit, von einem Barock-
fürsten, der nun einmal ganz im Sinne der Zeit
sich ein Haus der Laune, des Widersinnes, der
Unwirklichkeiten schaffen wollte, zu verlangen,
daß er eine afrikanische Expedition zur Erfor-

) Max Fischer: Der Unsinn des Prinzen Pallagonia.
Zeitschr. f. Psychiatrie. Bd. 78. 1922. S. 356—365.
) W. Weygandt: Die pathologische Plastik des Fürsten
Palagonia. Ztschr. f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie.
Bd. 101. 1926. S. 857—874.

schung solcher Ungeheuer ausrüstet. Das wäre
bei der noch ganz besonders negativen Reiselust
der Sizilianer und Napoletaner, die oft die näch-
sten Orte nicht kennen und nicht leicht aus
ihrem schönen Vaterland herauszubringen sind,
das sicherste Mittel gewesen, daß er selbst in der
Barockzeit schon als verrückt erklärt worden
wäre. — Und was das „ängstliche, an Verfol-
gungswahnsinn gemahnende Auftreten" betrifft,
so ist doch zu überlegen, daß die beiden Male,
wo wir ihm wirklich allein in den Reiseberich-
ten in der großen Öffentlichkeit begegnen, dies
Auftreten gerade ein sehr sicheres war, auch
noch kurz vor seinem Tode im hohen Alter, als
ihn Goethe ruhig und gelassen über den Mist
schreiten sah, während „alle Augen auf ihn ge-
richtet waren". Und wie mag das erst der Fall
gewesen sein, als er auf der Höhe seines Lebens,
mitten im Barock diese Plastikwelt schuf, in
einer Zeit, als er auch 1755 zum Präsidenten der
Compagnia di Bianchi erwählt worden ist. Und
Brydone, sein Entdecker für das Ausland und
dessen Nachfolger, der Comte de Borch, die sich
früh und besonders eingehend mit den Fürsten
beschäftigen, wissen zudem auch noch nichts
von dieser Sage, daß er von der Existenz solcher
Fabelwesen überzeugt sei, und Borch selbst sagt
schon zu einer anderen Anekdote: „Es scheint
jedoch, daß man dies dem Prinzen nur im Spaß
nachsage, denn man pflegt hier auch gern wie
anderwärts die Sachen zu vergrößern." — Die
Sage hatte damals um 1777 also bereits deutlich
um ihn eingesetzt. —-Was soll man von den sehr
zahlreichen Künstlern denken, die der Fürst fast
eine halbe Generation lang in so reichem Maße
beschäftigt hat, schlechte und vorzügliche, letz-
tere besonders für die Innendekoration und das
Architektonische. Aber zugegeben, daß der Fürst
als Auftraggeber über dem Ganzen schwebte,
daß er mit seiner Phantasie und Bildung viel-
fach die Motive ersann —: Alles kann er schließ-
lich doch nicht selbst geschaffen oder entworfen
haben, vielmehr blieb den Künstlern selbst ein
reiches Feld, um ihre eigene Begabung und
Phantasie walten zu lassen. Das sagt schon Bry-
done, daß der Fürst eine Menge Bildhauer und
andere Arbeitsleute nach dem Verhältnis be-
lohne, nach welchem ihre Einbildungskraft mit
der seinigen übereinstimmte oder „mit anderen
Worten, nach dem Grade der Häßlichkeit und
Ungestaltheit der Ungeheuer, die sie schaffen".
Und selbst ihr technisches Können wird einmal

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