Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 140
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/architectura1933/0162
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
von Swinburne anerkannt, wenn er sagt: „Die
Bildhauer, welche diese Figuren gemacht, ob-
gleich sie kaum eine Ähnlichkeit mit einer
menschlichen Bildung hervorbringen könnten,
haben dennoch große Geschicklichkeit bewiesen,
Locken, Laub und Falbalas aus solchen groben
Materialien zu schnitzen." Und Bartels erwähnt
ausdrücklich auch, daß er eigene Schöpfungen
der Künstler an derartigen bizarren Ungeheuern
„wenn sie nur neu und unerhört waren, mit vie-
lem Geld bezahlte".

Wir hätten also das merkwürdige Zusammen-
treffen, daß ein geisteskranker Bauherr eine
halbe Generation lang mit einem ganzen Stab
von geisteskranken Künstlern aller Art zusam-
men seine Villa ausgeschmückt hätte, die so zu
einem wahren Irrenhaus geschaffen worden wäre.
Und das geht entschieden wieder zu weit, wäre
aber der logische Schluß, wenn wir ihn wegen
dieser „sublim-grotesken" Schöpfungen für
schlechthin verrückt oder nur als vollkommen
unnormal erklären.

Was an unserem Fürsten unnormal oder un-
gewöhnlich gewesen sein soll, war eben allein
das Ausmaß seiner barocken Phantasie, die nach
einem Objekt der Betätigung suchte und nun
auf dieses, damals übrigens, als er damit begann,
ganz zeitgemäße Thema verfiel, was immer wie-
der betont werden muß, denn, wenn man ihn
nun einmal als verrückt erklären will, was soll
man dann erst zu andern, zum Teil hochberühm-
ten Zeitgenossen sagen, was zu dem kaiserlichen
Hof in Wien, vor allem dem so aufgeklärten
Kaiser Joseph II. und seinem „Haus der Laune"
im Park von Laxenburg, dessen Lieblingssommer-
sitz gerade dieses Laxenburg gewesen ist, und
was erst von dem kaiserlichen Hofarchitekten
von Hohenberg, dem Erbauer dieses Hauses und
der prächtigen und phantasiereichen Gloriette
von Schönbrunn dazu! Dieses heute nicht mehr
bestehende „Haus der Laune" übertraf in vie-
lem, leider gerade in sittlichen, ja selbst frivolen
Geschmacklosigkeiten die Villa Palagonia und
war vor allem nicht so konsequent im Unsinn
wie sie. Auch fehlte ihr der große Zug, der doch
dieser echten Barockschöpfung nun einmal eigen
war und unbewußt durch sie hindurchging, der
einheitliche, noch im Unsinn zusammenhaltende
architektonische Geist, den sie als Ganzes besaß
(Taf. 25), und der barocke Reiz, mit dem sie
dennoch trotz aller gewollten Widersprüche
durchaus erfüllt war. Hören wir hier einmal, was

uns ein zeitgenössischer Bericht über das Wie-
ner Haus der Laune zu berichten hat und stel-
len wir das Resümee davon dann einmal ver-
gleichsweise dem sizilianischen Haus der Laune
gegenüber. Der in Deutschland reisende Deutsche
Carl Julius Weber erzählt uns davon dieses1):
„Das Haus der Laune hat sich in einen schlich-
ten Pavillon verwandelt und diesz zeigt die Fort-
schritte des Geschmacks. Ich sähe es 1805 in
seiner früheren Gestalt, wo es für ein Meister-
werk des Herrn von Hochenberg galt, für einen
architektonischen Representant des Wiener Ge-
schmacks am Burlesken! Zuerst kam eine Wach-
hütte, über und über mit Augen bemalt, Aepfel-
ketten umgaben es, die an dicken Spargeln hin-
gen, oben stand eine Fama mit Bockskopf,
Hirtenrohr und einem Schilde: Weg zum Haus
der Laune. Das Haus selbst war mit Hellebarden
umgeben und stand auf Felsen, der mittlere Teil
enthielt lauter Symbole der Aerndte, das Dach
aber bildeten Honigkuchen und Zuckerhüte, die
Wetterfahne war ein Luftballon, die Ballustrade
Hunde und Katzen. — Die vier Thürme stellten
eine Veste, einen Vogelbauer, die Burgbastei
und einen Taubenschlag vor; alle Fenster waren
von farbigem Glas. Man kam in ein Putzkabinett,
wo der Pudel den Pudersack hielt, zwei Affen
die Bufferl, ein Bär den Spiegel und Hunde den
Pudermantel, Kämme, Nadelkissen etc. Im Ab-
tritte saß ein Arzt, eine Kammerfrau mit einem
Kind und ein Abbe, der Zeitung las. In der
Küche spielten Teufel auf dem Heerde mit Kar-
ten, während andere im Kamin auf und abfuh-
ren. Im Speisesaal war der Tisch ein Billard, die
Wandleuchter Bälle, Sessel und Tapeten von
Kartenblättern. Im Musikzimmer waren die Ta-
peten Musikalien und die Mobilien musikalische
Instrumente, in der Bibliothek die Bücher bloße
Titel und auf der Erde lagen Briefumschläge,
und der Wandleuchter war ein Globus. Unter
dem Dache war der Keller mit allen Attributen
des Bachus und am größten Fasse stand: ,Alles
versoffen vor dem End, macht ein richtig Testa-
ment.' Dazu fehlten in andern Gartenbauten
auch hier keineswegs pfeifende Sessel, zusammen-
brechende Ruhesitze, eine Einsiedelei, die einem
zu Tode erschrecken machte, wenn der wäch-
serne Einsiedel plötzlich in die Höhe fuhr, ein
Burgverließ, in dem der eingekerkerte Templer-

*) J. C. Weber: Deutschland oder Briefe eines in
Deutschland reisenden Deutschen. Stuttgart 1834, II.
S. 346 ff.

140
loading ...