Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 142
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artig „pallagonisch verschnörkelte" Vasen und
wieder in Beziehung zu Laxenburg hat ein etwas
späterer Zeitgenosse des ausgehenden 18. Jahr-
hunderts, der Fürst von Butera, auf seinem Sitze
daselbst eine wahre Schreckenskammer von
Wachsfiguren errichtet, so daß man sich fragen
muß, wer der größere Sonderling war, er oder
unser Fürst, der jedenfalls der originellere und
auch weit frühere, die Wege weisende auch hier
gewesen ist. Da sieht man heute noch eine ganze
Certosa mit Trapistenmönchen in all ihren Ver-
richtungen der Klausur, dabei berühmte Zeit-
genossen, Ludwig XVI., Ferdinand von Neapel,
sein Minister Acton und der Fürst von Butera
selbst sitzen heute noch hier herum. — Damit
kommen wir auf die sizilianischen Landsleute
des Fürsten, ihre angeborene Freude am Bur-
lesken, ihren Sinn für die Fülle der Form und
selbst für mannigfache Übertreibungen ihrer
plastischen Ausführungen, und hierin erschei-
nen sie wohl dem Süddeutschen, dem Rhein-
franken und dem Österreicher wieder verwandt.
Es ist eine merkwürdige Blutmischung, die die
Bewohner noch aufweisen. Altes Griechenblut
hat sich hier mit arabischem gekreuzt. Germa-
nisches der Hohenstaufenzeit, zumeist süddeut-
sches und das der vorhergehenden Normannen-
Epoche mit reichlich spanischem ist nachher
noch hinzugetreten. —• „Der Geschmack des Für-
sten Palagonia scheint in der ganzen Stadt Pa-
lermo zu herrschen", meint schon der Engländer
Henry Knight. Goethe sucht hier nach einer
Genealogie, nach Vorläufern des „Unsinns des
Prinzen Pallagonia" und kommt zu dem Resul-
tat, daß er hier Vorfahren gehabt hat, als deren
Auswüchse ihm der prächtige Marmorbrunnen
der engen Piazza Bratonia in all seiner Über-
fülle von Plastiken aller Art, ein anderer, heute
auch ernüchterter auf dem Wege nach Monreale
und die großartige Luststraße, „begleitet von
Springbrunnen, Kunstwerken, blumenreichen
Gebüschen und Inschriften" vorkommen, die der
verdiente Abt und Erzbischof von Monreale,
Testa, von 1760 ab zum wahrhaft monumentalen
Aufgang zu seinem Bergkloster in barockem
Sinn gestaltete und die leider heute auch fast in
ihrer ehemals grandiosen Wirkung zerstört ist.
Von „ächt palermitanischem ausschweifendem
Geschmacke" von „spilender Baukunst" redet
auch Bartels, der als echter Klassizist unserem
Fürsten und seiner Schöpfung auch mit Abnei-
gung gegenüberstand. Aber er erkennt doch, daß

folgerecht seine Kunst sich hier entwickelt hat
und entwickeln mußte, wenn er sagt: „Daher
konnte einzig bei ihnen (den Palermitanern)
ein Prinz von Palagonia geboren werden, der,
ohne selbst ganz Narr zu sein, ein Narrenhaus
aus seinem Landhause schuf, und es mit Un-
geheuern verzirete, die teils seine wilde Phan-
tasie selbst zusammensezete, teils er, wenn sie
nur neu und unerhöret waren, mit vielem Gelde
bezalete", und dann fortfährt, indem er diese
Eigentümlichkeit der Palermitaner weiter aus-
spinnt, „Männer der (wie der Prinz Palagonia)
Art sind selbst unter der gebildeten Klasse von
Menschen nicht selten und unter dem Volke sehr
gewöhnlich".

Diese sizilianische besondere Prunkfreude und
Auswirkung einer lebendigen Phantasie hat eben
schon in der Antike längst ihre Vorbilder. Solche
Fabelwesen, wie sie immer wieder auch gerade
die antike Plastikwelt zeigt, kommen schließlich
schon auf den berühmten Tempelmetopen von
Selinunt vor, das in nächster Nähe von Bagheria
gelegen ist. Phantastisch genug ist das Sinnbild
der Insel Sizilien (Trinacria), das Gorgonen-
haupt inmitten eines Kreises mit drei daran an-
gesetzten, strahlenförmig auseinandergehenden,
an den Fersen geflügelten Beinen in Scheiben-
form. Es hat eben Fabelwesen (auch in der Zu-
sammensetzung von Mensch und Tier) zu allen
Zeiten gegeben1). Ehedem wirkliche Urwelt-
ungeheuer spukten zudem in den Sagen aller
Völker, als ein Stoff, den die Kunst voll Freude
aufnahm und weiter ausspann. — Man muß nur
zugeben, daß in der Mannigfaltigkeit der Kom-
position und dem Ausmaß der Phantasie der
Fürst Palagonia doch den Vogel schließlich
abgeschossen hat. Von seinem „verrückten
Halbaffen, Viertelnilpferden, Dreiviertel-Eseln"
spricht mit vielem Humor übrigens Ludwig He-
vesi2) auf einer Reise aus den Jahren 1902—04.
Und da sehe ich zu meiner Freude, daß er in
vielem zu ganz ähnlichen Resultaten wie ich ge-
kommen ist, wenn man ihn auch wohl übersehen
hat. Da ich dieses heitere und hübsche kleine
Büchlein der „Sonne Homers" erst jetzt nach
Abschluß dieser Arbeit in die Hände bekomme,
sind diese in manchem sich deckenden Ansich-

1) Vgl. dazu auch Fischer. S. 361, Weygandt S. 872 f.,
die auf diese und auch auf weitere derartige antikische
Fabelwesen eingehen.

2) Ludwig Hevesi: Sonne Homers. Heitere Fahrten durch
Griechenland und Sicilien. 1902—04. Stuttgart 1905.
S. 316—325.

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