Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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ten ganz unabhängig voneinander entstanden.
Er sagt wörtlich: „Goethe nahm diesen Ulk tra-
gisch; er war freilich mit einem jungen Maler
(Kniep), der von alledem rein die Krämpfe
kriegte und dem Dichter besagte Tragik eigent-
lich erst eingeredet zu haben scheint. Goethes
natürlicher Sinn für alles Lebensprühende fes-
selte ihn auch in diesem Groteskparke und ließ
ihn alles genau ergründen, wenn er es auch dem
Prinzip zuliebe abgeschmackt schalt. Mein Gott,
die griechischen Harpyien und Chimären und
sonstigen Tiermenschengemische sind nicht min-
der willkürlich und beobachtungszimperlich.
Stünde jene Frau mit dem Pferdekopfe nicht
im palagonischen Wappen, sondern in der Mytho-
logie, so wäre auch an ihr nichts zu rügen; sie
käme sogar möglicherweise im zweiten Teil des
Faust vor." So kann Hevesi dieser „entzücken-
den Villa Nonsens" denn nicht gram werden und
fragt, „gibt es irgendwo einen liebenswürdigeren
Narrenturm" und sagt schließlich: „Es kann gar
nichts reizender sein, als dieses kleine tolle
Fürstentum Palagonia, wie es da im Sonnen-
scheine herumliegt." Was für einen Umfang die
Phantasie im Architektonischen bei allem üppi-
gen und selbst theatralischem Aufbau annahm,
zeigt z. B. auch der Innenhof des Palazzo Bona-
gia in Palermo, ganz benachbart übrigens der
Stadtresidenz unseres Fürsten. Und die prun-
kende Üppigkeit, mit der das Fest der palermi-
tanischen Schutzpatronin, der heiligen Rosalie,
besonders einst in der Barockzeit gefeiert wurde,
die Mannigfaltigkeit der Ausschmückung der
Stadt und der Festlichkeiten bis zu dem maßlos
und weit über die Häuserhöhe sich auftürmen-
den in den wildbewegtesten Formen ausgezierten
Festwagen der Heiligen, hatte in der ganzen
Welt nichts seinesgleichen. Und es gilt auch, die
Bau- und Dekorationskunst Palermos ebenso wie
die der Villa Palagonia nicht nur aus ihren De-
tails heraus zu beurteilen, sondern vor allem ein-
mal aus ihrer Gesamtentwicklung und ihrer vor-
züglichen Anpassung an den Boden, auf dem sie
entstand, und aus den Eigentümlichkeiten seiner
Bewohner.

Catania weist ähnliches auf und schon Knight
findet hier, daß das wenige, was 1777 von der
Kirchenfront der Benediktiner fertig war, „dem
Palast des Prinzen Palagonia nicht viel nach-
gibt". Diese Auszierung, die Freude am Maß-
losen in der Kunst, die man also wohl damals
schon begann, fast mit seinem Namen als eine

besondere Stilphase zu belegen, geht über die
ganze Insel dahin und findet auch in Neapel
einen Widerhall.

So ist die alte Hauptstadt von Groß-Griechen-
land, Syrakus, bei der man zumeist nur an diese
große antike Vergangenheit zu denken pflegt,
eine richtige noch unentdeckte Barockstadt. Und
das Merkwürdige ist hier ganz besonders, daß
man in diesem barocken Syrakus auf Schritt
und Tritt auf noch unerklärte Beziehungen zum
rheinisch-fränkischen Barock zu stoßen glaubt.
Die Bauten des 17. Jahrhunderts nähern sich
einem Würzburger Stil, den wir gewöhnlich mit
dem Voralberger Meister Greising in Verbindung
bringen, so werden diese Anklänge an unsere
süddeutsche Barockkunst um die Mitte des
13. Jahrhunderts noch weit greifbarer. Es ist die
Phase erhöhter Dekorationslust, einer Über-
freude an der Fülle der Form des rheinisch-
fränkischen Barocks, die hier im äußersten Sü-
den Parallelen findet, vom Bamberger Böttinger-
haus in der Judengasse ab über den Abteibau
von Mettlach an der Saar bis nach Trier und
Prünn in die kalte Eifel hinein, also bis zum
letzten lebensfrohen Ausgang dieser rheinisch-
fränkischen Schule, wie sie den Werken eines
Johann Seiz im Trierischen eigen ist, des Mei-
sters, der sich noch einmal und verspätet mit
aller Wucht gegen den ihm nüchtern dünkenden
westlichen Klassizismus aufbäumen wollte, der
süddeutscher Sinnenfreude keinen Platz mehr
an der Sonne geben wollte. So mutet der Portal-
und Balkonaufbau des Palazzo Bosco fast wie
eine Kopie des übrigens viel früheren von Mett-
lach an, und im Hof des Palazzo Specchi glaubt
man sich gar nach Ellingen und in sein vor De-
korationslust überschäumendes, wenn auch et-
was provinzielles Barock plötzlich versetzt. Dem
Ilofflügel des bischöflichen Palastes fehlt zu-
dem, bei allem Bezug in der Profilierung und
Ausschmückung, nicht einmal das geschweifte
und gebrochene Giebelfeld, das aus der Kunst
Joh. Lukas von Hildebrandt's genommen, schließ-
lich an Rhein und Main heimischer geworden
ist, wie in Österreich selbst. Und so sind diese
späten Syrakusaner Barockbauten namentlich
der entwickelten Kunst eines Krohne und mehr
noch der des Johannes Seiz und des Bamberger
Küchel verwandt, als den letzten Ausklängen
einer über die Linie Welsch-Hildebrandt-Neu-
mann entstandenen Schule, wie sie sich ihrem
besonderen Talent am dekorativen Ausstattungs-

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