Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 145
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mengestellt, die alle Hauptpliasen des Projektes
in ihrem organischen Heranreifen zeigen. Ist
doch die Bauidee nicht fertig vom Himmel ge-
fallen, so daß auf die von anderer Seite gemut-
maßte Verwendung plastischer Entwurfsmodelle
gern verzichtet werden kann angesichts der er-
haltenen Risse, die eindeutig den Vorgang einer
wundervollen Metamorphose von der ersten Pla-
nung bis zur endgültigen Ausführung belegen.
Sie offenbaren das schrittweise Herauswachsen
Pöppelmanns aus der hochbarocken Tradition
seiner Jugendzeit in ein selbständiges Schaffen,
das zumWegweiser des deutschen Rokoko wurde.
Der erste Entwurf wurde, wenig variiert, zum
Prototyp der vier Saalpavillons in den Ecken
des Haupthofes — 1712—13 die beiden am Wall
und Nymphenbad, bis 1719 die beiden anderen
am Theater und Ballsaal. Aber auch die beiden
späteren, völlig veränderten Portalpavillons am
Scheitel der hufeisenförmigen Nebenhöfe (1716
Wallpavillon, 1723—28 Stadtpavillon) wurzeln
in diesem Urentwurf. Er zeigte in Grund- und
Aufriß noch das relativ schlichte Schema des
Hochbarock: Über rechteckigem Grundriß er-
hebt sich der prismatische Baukörper, gedeckt
durch ein Walmdach mit gebauchten Flächen
— der dann zur Ausführung gekommene Bau
aber hat eine elliptische Grundfläche und ist
mit einer ellipsoidischen Kappe gedeckt. Der
stereometrisch einfach zu definierende Bau des
Urentwurfes besaß streng begrenzte Wand- und
Dachflächen —• bei Betrachtung des ausgeführ-
ten Baues lassen sich einzelne Flächen nur
schwer herauslösen. Die Verschleifung der Fas-
sadenkanten zielt bewußt auf diese Unbestimm-
barkeit der Fassadengrenzen, und ebenso die
metallenen Verzierungen der Dachkanten. Die
Dachflächen selbst erscheinen durch aufgemalte
Arabesken aufgelockert.

Näher betrachtet bringt der Urentwurf die
Treppen in einem konventionellen Rechteck-
bau unter, der bei sieben Fensterachsen in der
Hauptfront nach dem Hof zwei Stockwerke und
Mezzanin mit figurengekrönter Attika vorsieht,
sowie eine Firstbailustrade. Dadurch wird die
Hauptfassade in die Fläche gedehnt. Die Mittel-
achse ist betont lediglich durch Verbreiterung
und abschließenden Giebel. Seitlich eingebun-
den in die anstoßenden, nur ein Stockwerk
hohen Galerietrakte liegt die Front mit ihnen
in einer gemeinsamen Flucht. Schon in dem auf
fünf Achsen reduzierten Entwurf II (Taf. 29 a)

schiebt sich nun die Portalachse vor die
Flucht1). In der endlichen Ausführung (Taf. 29 b)
ist die ganze Fassade stark vorgebaucht. Die
Horizontalschichtung der Stockwerkzonen in
der Hauptfassade weicht der vertikalen Ten-
denz. Sie wird, abgesehen von der Achsenmin-
derung, durch Wölbung der Flächen erreicht,
und zwar sowohl der ganzen Schauseite, wie
auch jedes einzelnen Fensterfeldes im Wechsel
von Einziehung und Ausbauchung, so daß die
Fassade aufgeteilt erscheint in belichtete und
beschattete Vertikalstreifen. Damit nähert sich
der ursprünglich rechteckige Grundriß einem
gleichseitigen, gequetschten Zehneck, das sich
auf die fürs Rokoko charakteristische Ellipse
abstrahieren ließe, genauer gesagt auf zwei Kur-
ven, die eine Fläche begrenzen ähnlich der
Schnittfläche einer bikonvexen Linse. In dieser
Lesart besäße der Pavillon also nur zwei Fas-
saden: eine Hauptschauseite nach dem Hof und
und eine Rückseite nach dem Wall. Die Stoß-
kanten der zwei Fassaden sind durch verstärkte
Stützenbündel und über dem Hauptgesims
durch reichere Attikabildung markiert.
Bei dieser Bewertung scheint aber die Seiten-
fassade aus dem rechtwinkeligen Grundriß der
Entwürfe (Taf. 30 a), die die Durchbildung vier
selbständiger Schauseiten verlangten, ganz auf-
gegeben. Die Schmalseiten zeigten je zwei Fen-
sterachsen, durch einen gebrochenen Giebel zu
einem symmetrischen Fensterpaar zusammen-
gebunden. Die ehedem gemeinsame Flucht bei-
der Fenster wird jetzt gebrochen, so daß jedes
in einer eigenen Flucht liegt, die eine recht-
winkelig zur anderen (Taf. 30 d). Das eine Fen-
ster wäre dann der Hoffassade, das andere der
Wallfassade zuzuschlagen. Es scheinen also die
klar isolierten Nebenfassaden in der Ausfüh-
rung durch die Hauptfassaden aufgesogen. Die
Außenkanten der Seitenfassade, auf die die
Hauptfassaden rechtwinkelig stießen, fallen nun
zusammen: Sie rücken in die Mitte der ehe-
maligen Seitenfassade, wodurch deren Eigen-
existenz gelöscht wird.

1) Die Außenachsen der Pilasterordnung des Unterge-
schosses sind aus Entwurf II in den ausgeführten Bau
übernommen, während in die Mittelachsen Arkaden ein-
gestellt wurden. Die perspektivische Gesamtansicht des
Projektes II zu entnehmen der Wiedergabe des Zwinger-
hofes aus der Vogelschau (Besitz Landesdenkmalamt,
repr. Ausstellungsführer Der Zwinger, seine Entstehung
und Geschichte, Dresden 1930, Tafel 5, und Döhring-
Ermisch, M. D. Pöppelmann, Abb, 80), für dessen Da-
tierung sich also ein terminus ante 1716 ergibt.

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