Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 147
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Identisch mit dem Wallpavillon sind Hof- und
Seitenfassaden des gegenüberliegenden soge-
nannten Stadtpavillons. Nur die Rückseiten,
d. h. die Außenfassaden, und die Innenauftei-
lung der beiden Pavillons bringen verschiedene
Lösungen. Aus Entwurf I ließen sich sechs Pa-
villons ableiten. Es fehlt in dieser Betrachtung
des Pöppelmannschen Zwingers, wie er heute
steht, nur noch der Torturm an der Langgalerie,
das sogenannte Kronentor. Auch für dieses ließe
sich an Hand der vorhandenen Projekte eine
strenge Entwicklungsfolge konstatieren. Die
Verbindungstrakte zwischen den Pavillons end-
lich, die sogenannten Galerien, sind flachge-
deckte Wandelgänge, die auf einem hohen
Sockel ruhen und die bekannten Pfeilerarkaden
wiederholen, in eine verkröpfte Pilasterordnung
eingestellt und mit einer Ballustrade bekrönt.
Aber auch dieser ebenmäßige Rhythmus der
„dahinschreitenden Arkaden", in dem irrtüm-
lich klassizistische Anklänge gesehen wurden,
ist wieder seiner Strenge entkleidet durch die
Vorblendung gestaffelter Wandbrunnen, die
eine plastische Bewegung der langen Galerie-
fassaden bewirken (Taf. 31a).

Keimzelle des Zwingers ist die Bogengalerie am
Wall gewesen, die die Treibhäuser für die Oran-
gen enthielt. In der späteren Erweiterung dien-
ten der Hof als Festplatz und seine Bauten als
Zuschauertribünen, zeitbeständiger als die in-
terimistischen Holzbauten —- das Kolosseum
von 1697 und die Arena von 1709. Die stadtsei-
tigen Palais enthielten die Entrees für die an-
stoßenden Theater-, Ball- und Redouten-Häuser.
Die Hauptaufgabe, die ein prachtliebender Fürst
wie August der Starke seinem Landbaumeister
stellen konnte, wäre ein Schloßbau gewesen —
aber der Kurfürst-König hat sich zeitlebens mit
der alten Residenz seiner Väter begnügen müs-
sen. Die grandiosen Neubauprojekte Pöppel-
manns (Taf. 31 c) blieben kühne Träume, deren
schwachen Abglanz die Planungen spiegeln.
Wären sie zur Ausführung gekommen, so hätte
ihre bedrückende Nachbarschaft den Zwinger
zum Vorhof oder Anhängsel einer Monumental-
anlage gewandelt. Diese Pläne entsprachen wohl
den hochfliegenden Wünschen des Fürsten, nicht
aber der finanziellen Kraft seiner Länder. Daß
Ende der zwanziger Jahre niemand mehr an

lieren", und H. G. Ermisch, Zwingerführer 1926 vermeint
gar klassizistische Formen und Anklänge (wohl Vor-
Klänge!) zu erkennen!

diese Pläne dachte, darf vielleicht aus Pöppel-
manns Prachtwerk L'Orangerie Royale (rück-
datiert 1711, erschienen um 1729) geschlossen
werden. Die radierte Bilderfolge gibt außer den
zur Vollendung gelangten Bautrakten variierte
Entwürfe derselben wieder. Vier Blätter sind
Vorschläge für den projektierten elbseitigen Ab-
schluß des Zwinger. Ernstlich erwogen wurde
die Errichtung nur noch dieses Traktes. Er sollte
als Museum dienen. Um der Einheitlichkeit wil-
len, hätte es nahegelegen, Pöppelmann auch
hierfür heranzuziehen. Ein geeigneter, zwei
Stockwerk hoher Elbflügel hätte seinem frühen
„Lustschloß" ^Kutwuri (um 1713, repr. Sponsel
a. a. 0.) entnommen werden können. War-
um aber wurden zwei andere Künstler — die
Franzosen Jean de Bodt und Zacharias Lon-
guelune — mit Entwürfen betraut? Vielleicht
mochte der alte Pöppelmann, sofern der Auf-
trag überhaupt noch zu seinen Lebzeiten erging,
nur ungern auf seine Schloßprojekte verzich-
ten. Die Entstehungszeit des Museumsentwurfes
wird nämlich traditionell zwischen den Jahren
1729 und 1737 gesucht. Da nun der Fürst 1733
und sein Baumeister drei Jahre später starben,
ging wohlmöglich der Auftrag für ein Museum
gar nicht mehr von August dem Starken aus,
sondern war die erste künstlerische Maßnahme
seines Thronerben, Augusts III., des größten
Kunstsammlers Deutschlands im 18. Jahrhun-
dert. Berechtigter scheint also, in deren Be-
rufung bereits ein frühes Zeichen der klassi-
zistisch gefärbten Gegenbewegung zu sehen.
Beide Künstler waren in Frankreich herange-
wachsen, umgeben vom Pariser Barock, und
führten in Kursachsen die rationalere Auffas-
sung des französischen Spätbarock ein, die sich
so stark von Pöppelmannscher Kunstäußerung
unterscheidet. So zeigen die Fassaden ihrer Ent-
würfe eine fast ununterbrochene Flucht, und die
für Pöppelmann charakteristisch verkröpfte
Ordnung wurde von ihnen aufgegeben zugun-
sten einer einfachen Gliederung —■ Longuelune
schlägt nur Lisenen vor und de Bodt eine Pi-
lasterordnung, die aber in der Wirkung auf die
gleiche Bedeutung eines schlichten Lisenen-
systems herabgemindert ist. Auch die Schloß-
baupläne nahm der Sohn und Thronfolger
Augusts des Starken wieder auf — kein gerin-
gerer als Cuvilliers d. J. wurde für ihre Bear-
beitung aus München berufen. Aber auch er
kam über das Pläneschmieden nicht hinaus.

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