Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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Seitdem wurde an der Zwingeranlage als Ganzes
nichts Wesentliches geändert1). Erst 100 Jahre
später kam Semper auf die alte Forumsidee

*) Vor dem Krieg wurde die Verlängerung der Lang-
galerie, deren Räumlichkeiten für die Unterbringung der
Sammlungen zu eng geworden waren, in der Richtung
nach dem Wall erwogen, in Form von Pöppelmanns Ar-
kaden. Dank des Einspruchs von Prinz Johann Georg
wurde diese historizierende Erweiterung verhütet.

Pöppelmanns zurück: Bewundernswert seine
Vorschläge von 1837, in denen er seinem großen
Kollegen Pöppelmann respektvolle Anerken-
nung zollt. Aber auch er mußte an ihrer Aus-
führung resignieren. Mit einer Kompromiß-
lösung, der heutigen Gemäldegalerie, wurde end-
lich der Schlußstein in den Zwingerbau gefügt,
der allen ferneren Plänen ein Ziel steckte.

H. A. Fritzsche

NEUE FORSCHUNGEN ÜBE

Von Alfred

Die schlesische, hart an der böhmischen Grenze
gelegene ehemalige Zisterzienser-Abtei Grüssau
gehört zu den kunstgeschichtlich bedeutendsten
Klosterbauten Preußens. Mitte des XIII. Jahr-
hunderts gegründet, wird 1292 mit dem Steinbau
des Klosters begonnen, von dem heute nur noch
ein spätgotisches Trichtergewölbe erhalten ist.
Abt Bernhard Rosa, der Typus des kunstfreudi-
gen barocken Kirchenfürsten, hat das Kloster
umgebaut; vorher, 1633, wurde es von den Schwe-
den in Brand gesetzt und zum Teil vernichtet,
wobei auch die Klosterbibliothek zerstört wurde.
Weitere Brände von 1677 und 1691 schadeten
dem Bau noch weiter, von dem um die Mitte des
XVIII. Jahrhunderts nur noch ein Teil des West-
flügels bestand, der 1872 abgebrochen werden
mußte. Ein Neubau des Klosters erfolgte 1740
durch Abt Benedikt II. Seidel, konnte aber durch
die beginnenden Kriegswirren nur bis zum ersten
Obergeschoß durchgeführt werden. Von diesem
unfertig gebliebenen Bau, der zufolge einer
30jährigen Bauunterbrechung von Witterungs-
einflüssen völlig zermürbt war und bis auf die
Grundmauern abgebrochen werden mußte, ist
nichts mehr vorhanden. Wie nun Dr. Giindel,
wissenschaftlicher Mitarbeiter der Städtischen
Kunstsammlungen in Breslau, kürzlich in einem
Vortrag im Schlesischen Altertumsverein berich-
tete, ist es dem Griissauer Benediktiner-Pater
Nikolaus v. Lutteroti1) gelungen, im Kloster-
archiv die Pläne dieses verschwundenen Baues
zu finden. Vier Flügel gruppierten sich um einen
großen Mittelhof in vierstöckigem Aufbau mit
hoher, durchbrochener Attika; hierbei sollten

1) „Das Grüssauer Willmannbuch" (Breslau 1931), in
dem die berühmten Fresken des „Schlesischen Raffael"
wiedergegeben sind. Sie befinden sich in der Grüssauer
Josefskirche, deren Bau auf Abt Rosa zurückzuführen ist.

R DAS KLOSTER GRÜSSAU

Grotte, Breslau.

die Ecken durch Mansardentürme betont wer-
den, und in der Hauptfront oberhalb eines archi-
tektonisch betonten Portals ein schlanker hoher
Mittelturm errichtet werden. Es ist auffallend,
daß die so monumentalen Fassaden in den obe-
ren Geschossen nur Blenden für die nach dem
Hof abfallenden Pultdächer darstellen. Aber
außer dieser teilweisen Scheinarchitektur weisen
auch die Hofansichten und ebenso die Treppen-
anlagen größere Mängel auf. Diese Urzeichnun-
gen sind nicht signiert, aber sie weisen der For-
schung wertvolle Wege. Dehio bezeichnet z. B.
die formvollendete, nördlich des Klosters errich-
tete Marienkirche, bekanntlich eine Perle der
barocken Baukunst, als „dem jüngeren Dientzen-
hofer nahestehend", während Gündel, vielleicht
nicht mit Unrecht, für die Pläne dieses ver-
schwundenen Klosterbaues auf Lucas von Hilde-
brand hinweist. Bekanntlich waren beide barok-
ken Künstler auch sonst für Schlesien tätig, und
auf einen Prager oder Wiener Meister des Baues
weist auch die Tätigkeit Ferdinand Brockhoff's
bei den Portalfiguren der Kirche hin.

Schwebt demnach die Urheberschaft für diese
Bauten der ersten Jahrhunderthälfte noch im
Dunkeln, so ist diese hinsichtlich des heute be-
stehenden Klosterbaues durch Dr. Gündel ge-
klärt worden, der im Archiv des Breslauer Mu-
seums vier Urzeichnung des 1774 begonnenen
Neubaues fand. Dieser wurde unter teilweiser
Benutzung der Grundmauern von 1740 erstellt;
jedoch sind von dem großzügigen Entwurf, der
im Innern des Klosters zwei Höfe vorgesehen
hatte, nur der Südflügel sowie ein Teil des
Westflügels ausgeführt worden (Taf. 32 d,
Aufn. Staatl. Bildst.). Die Unterzeichnungen,
deren farbige Behandlung für die Restauration
des Klosters ausgezeichnete Anhaltspunkte gibt,

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