Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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Wirkungen zwischen dem volkstümlichen Holz-
und dem monumentalen Steinbau bedarf über-
haupt noch weiterer Klärung. Im ersteren mag
auch die pyramidale Auftürmung kleiner Dach-
gebilde um die Hauptkuppel vorgebildet ge-
wesen sein — in Nowgorod ist eine Holzkirche
mit 13 Bekrönungen schon im Jahre 988 be-
zeugt —, die Brunow überzeugend als einen
von der Kiewer Sophienkathedrale bis in den
Barock hineinreichenden echtrussischen Bauge-
danken anspricht. Auch dem Eindringen und
der Verbreitung orientalischer Bauformen,
denen außer der Zwiebelkuppel wohl der Kiel-
bogen eher als dem spätgotischen Lehngut zuzu-
rechnen ist, wird noch eine weiterschürfende
Nachprüfung Rechnung zu tragen haben. Hoffen
wir, daß die ausstehenden Bände Ainalows
solche Fragen noch mehr lichten werden. Bei-
den Forschern aber schulden wir schon für das
Gebotene uneingeschränkten Dank. 0. Wulff

MARTIN, Kurt: Die Kunstdenkmäler des Amts-
bezirks Mannheim: Stadt Schwetzingen. Die
Kunstdenkmäler Badens, hrsgg. im Auftrag
des badischen Ministeriums des Kultus und
Unterrichts, 10. Bd.: Kreis Mannheim, 2. Abt.:
Stadt Schwetzingen, VIII u. 456 Seiten, 400 Ab-
bildungen im Text und auf Tafeln, Karlsruhe
1933.

Nach einer sehr langen Ruhepause bringt jetzt
der Staat Baden einen prächtigen Inventarisa-
tionsband heraus über Schloß und Park Schwet-
zingen. Es ist somit endlich eine weitere Lücke
der Inventarisation barocker Baukunst und
Gartengestaltung geschlossen worden. Die Arbeit
wird noch ergänzt durch die Karlsruher Disser-
tation von H. Groop: Das Schwetzinger Schloß
zu Anfang des 18. Jahrhunderts.
Der Inventarisationsband ist in sechs Abschnitte
gegliedert. Im ersten Abschnitt ward das Werden
des Schlosses behandelt. Da die Schloßplanun-
gen des 18. Jahrhunderts nur in den Projekten
vorliegen, sind auch diese eingehend in diesem
Bande vorgelegt. Heute dürfen wir dankbar
sein, daß das alte Schloß in seiner kaum verän-
derten Gestalt auf uns gekommen ist, und es dem
Fürsten versagt blieb, trotz der vielen Planungen
ein neues Schloß zu bauen, dem das alte hätte
weichen müssen. Gerade das Losgelöstsein und
Zurückliegen des hohen Baukörpers von den
Zirkelhäusern gibt Schwetzingen seine charak-
teristische Eigenart. Das alte Schloß ist noch
heute Dominante des Ganzen. Ein barocker
Schloßbau, wie ihn Pipage (1749/50, 1753), Ra-
baliatti (1753) und Kieser (1753) entwarfen,
hätte unbedingt die Zahl der südwestdeutschen
Barockbauten um ein wesentliches Bauwerk ver-

mehrt. So ist uns aber ein wertvoller Schloßbau
aus der Renaissance und dem Frühbarock in
Westdeutschland erhalten geblieben, wenn auch
mit Veränderungen.

Für den Bauforscher ist die Publikation der un-
ausgeführten Projekte von großem Wert. Diese
„Architektur, die nicht gebaut wurde", ergänzt
und verdichtet das Anschauungsmaterial über
die Arbeitsweise der Barockarchitekten. Es
scheint nicht zufällig, daß fast gleichzeitig die
Untersuchungen A. Streichans1) über Knobels-
dorfs Bauten an Hand seiner eigenen Pläne und
Skizzen jetzt vorliegen. Die Darstellungsweise
der Architekten des 18. Jahrhunderts, die,
um ihren Ansichten plastische Wirkung zu ver-
leihen, diese leicht tuschten, muß auch dem mo-
dernen Architekten von Interesse sein. Weiter
bilden diese Pläne Stützpunkte, um auf den
Wegen der Meister und Schüler zu wandeln. Die
glatte französische Schule und auch wieder Bal-
thasar Neumann sind deutlich erkennbar. Auf
Balthasar Neumann geht der Autor kurz selbst
ein (S. 48).

Im zweiten Abschnitt lernen wir die Neben-
bauten zum Schloß kennen. Das Theater hinter
dem nördlichen Zirkelhaus verdient unsere be-
sondere Beachtung. Es ist von Pipage 1753 er-
baut worden. In ihm ist eines der wenigen
Barocktheater fast unverändert uns überliefert.
M. macht auf die günstige akustische Wirkung
des Theaters aufmerksam, die durch die ge-
schickte Ausbildung des Innenraumes erreicht
worden ist. Durch die große Öffnung in der
Hinterbühne konnte die freie Natur in das Spiel
liineinbezogen werden. Die auffällige Tiefe der
Bühne, die durch Zusammenziehung von Haupt-
bühne und Hinterbühne erreicht wird, ist für
das Spiel von großem Vorteil und fast einzig-
artig.

Bibiena beginnt etwa fünf Jahre vor dem Thea-
ter das nördliche Zirkelhaus zu bauen. Vorher
baut Bibiena bereits in Mannheim am Schloß,
das Kaufhaus (1725) und die Jesuitenkirche
(1738). Nach seinem Tode (1748) setzt Nicolas
de Pipage (1723—1796) die Arbeiten in Mann-
heim und in Schwetzingen fort. Bei beiden er-
kennt man die Pariser Schule (Blondel), die
hier an den Höfen Westdeutschlands sich durch-
setzt.

Als der eigentliche Schöpfer beider Zirkelhäuser
muß aber Rabaliatti genannt werden. Sie wirken
in ihren strengen Formen schon fast klassizi-
stisch, wie man das ebenfalls vom 30 Jahre frü-
heren Dresdener Zwinger behauptet hat2). Das

J) H. Streichan, Knobeladorf und das fridcrizianische
Rokoko, Burg bei Magdeburg 1933.

2) H. G. Ermich, Zwingerführer 1926.

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