Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 161
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STUDIEN ZUR VERWENDUNG DES SCHWIBBOGENSYSTEMS
UNTER BESONDERER BERÜCKSICHTIGUNG DER ABTEIKIRCHE

VON JUMIEGES

Von C. Pfitzner

Nachdem im Jahre 1004 Wilhelm von Volpiano
die Abtei von Jumieges in cluniazensischem
Geiste reformiert hatte, entschloß man sich zu
einem Neubau der Kirche, der noch unter Abt
Thierry (1014—1028) mit der Westvorhalle und
den Westtünnen begonnen wurde. Nach einer
längeren Unterbrechung fand der Bau 1040 im
Chor seine Fortsetzung, während das Langhaus
nach 1052 in Angriff genommen wurde. Im
Jahre 1067 wurde die vollendete Kirche ge-
weiht1) (Taf. 33 a, 34 a, b, c).

Vergegenwärtigt man sich den Grund- und Auf-
riß der Kirche, so besteht wohl kaum ein Zwei-
fel, daß hier der Gedanke an eine vollständige
Einwölbung der Kirche von vorne herein füh-
rend war und den Baumeister dazu bestimmte,
einen konstruktiv gesicherten Rahmen zur Auf-
nahme von Gewölben im Mittelschiff zu schaf-
fen. Dafür sprechen einmal die Emporen, die
hier zum erstenmal Kreuzgratgewölbe über an-
nähernd quadratischem Grundriß, wie die Sei-
tenschiffe haben, und die damit ein gutes Wider-
lager für die Mittelschiffswände bilden. Anderer-
seits schuf der hier zum erstenmal in Frankreich
und gleich in so ausgeprägter Form verwendete
Stützenwechsel im Mittelschiff quadratische Fel-
der, über denen die in den Abseiten verwendeten
Gewölbe in vergrößertem Maßstab wiederholt
werden konnten (Taf. 34 c). Die Pfeiler haben
Vorlagen, die die Mittelschiffswände begleiten,
während außen an den entsprechenden Stellen
Strebepfeiler die Wände der Seitenschiffe und
Emporen verstärken. Durch statische Berech-
nungen ist einwandfrei nachgewiesen, daß das
so geschaffene Gerüst dem Schub von Gewölben
über dem Mittelschiff genügend Widerstand ge-
leistet hätte") und auch Roger Martin du Gard
muß, obwohl er nicht glaubt, daß der Bau-

*) Bibliographie b. L. M. Michon u. R. Martin du Gard,
L'Abbaye de J. Paris, Laurens, 1927. Darunter vor allem
R. Martin du Gard, L'Abbaye de J. Montdidier 1909. Den
Grundriß des urspr. Chores stellte Lanfry 1927 fest, vgl.
Bull. mon. 1928. S. 101 f.

~) J. Viatte, des charpentes apparentes combinees avec
l'arc diaphragme d. 1. egl. rom. d. Normandie. Bull,
archeol. du com. d. trav. bist, et scientif. 1913. S. 93 f.

meister von Jumieges an eine vollständige Ein-
wölbung gedacht hat, zugeben, „s'Il s'agissait
d'une eglise de la fin du 12. siecle, dont il ne
resterait que les parties basses, on pourrait con-
clure sans hesitations, que l'eglise a ete voüte,
que toutes les voütes etaient sur plan carre, et
que Celles de la nef etaient etablies sur une sur-
face double de Celles des bas cötes"1).
Die Mittelschiffsgewölbe wurden nicht ausge-
führt2). Vielleicht wollte man das Bestehende
nicht durch die Überwölbung des fast 10 Meter
breiten Mittelschiffs gefährden, oder zwangen
andere Gründe, die Kirche bald zu vollenden.
Im übrigen war die Gewohnheit des hölzernen
Dachstuhls noch so stark, daß man vom ur-
sprünglichen Plan abging und wieder in alte
Bahnen einlenkte, die sämtliche Bequemlich-
keiten des Altgewohnten hatten. Die Dienste be-
hielten nun aber einen Teil der ihnen zugedach-
ten Aufgabe; viele Gründe sprechen dafür, daß
in Jumieges zum erstenmal Querbögen über dem
Mittelschiff zur Anwendung kamen, auf deren
giebelförmiger Übermauerung sich die Balken
des offenen Holzdachstuhls stützten3). Eine ge-
nauere Betrachtung der oberen Langhausmauern
gibt Anhaltspunkte für diese Annahme.
Zunächst muß festgestellt werdeil, daß die
Dienste des 11. Jahrhunderts aus einem unbe-
stimmten Grunde im 17. Jahrh. ersetzt wurden
durch die jetzt noch vorhandenen Wandvorlagen,
die aus einer halbrunden Säule zwischen zwei
sie begleitenden Rundstäben kleineren Durch-
messers bestehen (Taf. 34 a). Nur die Sockel
und die ersten Lagen der ursprünglichen Dienste
sind noch erhalten; es waren Halbsäulen auf

*) R. Martin du Gard, a. a. 0. S. 135.

2) Planänderung wahrscheinlich noch bevor Obergaden
in Angriff genommen wurde, denn dieser ist i. s. ganzen
Ausdehnung außen etwas zuriickgetreppt. Die Wanddicke
wäre im Wölbungsfalle kaum verringert worden in der
Zeit.

3) Diese Vermutung schon ausgesprochen b. H. Guedy
u. Viatte, Etüde monograph. pour servir ä la restauration
de l'abb. d. J. 1899. S. 26. Ferner Viatte, op. cit. Aubert,
Notre Dame de Paris, 1920, S. 4. n. 4. L. Michon, a. a. 0.
S. 48.

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