Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 162
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/architectura1933/0184
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
flachen Pilasterstreifen'). Am Obergaden, über
clen jetzigen Diensten, sind streifenförmige
Bruchstellen, die auf eine nachträgliche Ent-
fernung einer ursprünglich vorhandenen Mauer,
die tief in die Wand eingebunden war, hin-
deuten (Taf. 34 c). Die Zerstörungen sind er-
heblich; stammen sie wirklich nur von der Ent-
fernung eines ursprünglich bis in den Dach-
stuhl steigenden Dienstes, wie R. Martin du
Card annimmt? Der alte Dienst wurde im
17. Jahrh. durch die heutigen Vorlagen ersetzt,
die in ihrer schlankeren Mehrgliedrigkeit
besser zu den geplanten „gotischen" Rippen-
gewölben paßten. Wenn er aber einst wirklich
bis in den Dachstuhl stieg, so ist es schwer zu
begreifen, weshalb man auch den oberen Teil
des Dienstes im 17. Jahrh. entfernte, da er ja
doch nach Einziehung der Holzgewölbe für den
Innenraum unsichtbar geworden wäre. Viel eher
deuten die Spuren auf Quermauern hin, die tief
in die Wand eingebunden waren. Sie wurden
von Bögen getragen, die sich quer über das
Mittelschiff spannten. Wahrscheinlich waren
diese Bögen schon früher baufällig geworden
und drohten durch Ausweichen der Mauern ein-
zustürzen, so daß man sie restlos entfernte. Schon
1533 ist eine umfangreiche Dachreparatur be-
zeugt, bei der jedenfalls die Neigung des Daches
verändert wurde, wie die am westlichenYierungs-
bogen erhaltenen Spuren beweisen (Taf. 34 b).
Diese liegen zwischen der steilen Dachlinie des
17. Jahrh. und derjenigen des ersten Daches, die
auch die Neigung der giebelförmigen Übermaue-
rung der Schwibbogen bestimmte.

Es ist gut denkbar, daß man, nachdem der Plan,
das Mittelschiff einzuwölben, als zu gewagt er-
schienen war, die Obergademauern doch wenig-

*) Die Änderung ist zweifellos in Zusammenhang zu
bringen mit der 1688—92 vorgenommenen Einwölbung
des Msch. mit hölzernen, stuckbedeckten „gotischen"
Kreuzrippengewölben, deren Holzgurte sich dabei auf
die mittleren halbrunden Dienste stützten, während die
Rippen von den kleineren Nebendiensten aufgenommen
wurden. Die heute noch teilw. erhaltenen Kapitelle d.
Hauptdienste erweisen sich als Arbeiten des 17. Jahrh.
(Beschr. b. Martin d. G. a. a. 0. S. 54, S. 187.) Jedes alte
Joch bekam zwei querrechteckige Gew.fehler, daher wur-
den in den Achsen der Säulen zwischen den Obergaden-
fenstern in Höhe ihres unteren Randes noch Zwischen-
stützen nötig, plastisch geschmückte Konsolen, die im
An£. d. 19. Jahrh. noch erhalten waren. (Vgl. Abb. b.
Michon a. a. 0. S. 65 n. Lithogr. v. H. Vernet, um 1820.)
Sie wurden, nachdem die baufällig gewordene Kirche 179 L
zum Abbruch verkauft worden war, aus der Wand ge-
brochen und verschleppt; große Löcher i. d. Wand zeigen
ihren urspr. Platz an (Abb. 3).

stens durch diese quergespannten Bögen ver-
klammerte und so auch dem offenen Holzdach-
stuhl mehr Festigkeit verlieh. Die Strebepfeiler
an den entsprechenden Stellen der Außenseiten
des Obergadens würden dann auch ihre Erklä-
rung finden in der Aufgabe, dem Schub der
mächtigen Bögen zu begegnen1).
Der Baubefund gibt also der Annahme von
Querbögen im Mittelschiff großeWahrscheinlich-
keit, und somit wäre Jumieges das erste Beispiel
der für die normännische Architektur der
nächsten Zeit so charakteristischen Dachlösung,
die allerdings in keinem Falle rein erhalten
blieb").

1) Die Gründe R. Martin du Gards gegen das urspr. Vor-
handensein von Querbogen sind leicht zu widerlegen. Er
betont, daß man, wenn die Dienste Bögen getragen hät-
ten, sie nicht hätte entfernen brauchen, als im enden-
den 17. Jahrh. Holzgewölbe eingezogen wurden, und man
würde dann auch die alten Kapitelle finden (S. 128).
Man hätte ja auch nicht die oberen Teile der Dienste
entfernen brauchen, wenn sie wirklich bis in den Dach-
stuhl stiegen, wie Martin du Gard annimmt. Im übrigen
wurde gezeigt, daß die Querbögen schon 1533 entfernt
sein können. Die alten Kapitelle, die wohl in Über-
einstimmung mit denen der Rundpfeiler schmucklos
waren, sind bei der Einwölbung i. 17. Jahrh. mit den
alten Diensten entfernt. Ein weiterer Einwand R. M. d.
Gards ist der der „grande elevation des murs de la lief,
qui eut rendu la construction d'arcs diaphragmes tres
imprudente! (S. 127.) Angesichts des erhaltenen west-
lichen Vierungsbogens, der zudem noch heute eine Wand
des Vierungsbogens trägt, erscheint dieser Einwand ganz
unberechtigt.

-) Die Beispiele sind allgemein bekannt; es handelt sich
wohl meistens um Kirchen, die von vorne herein auf Ge-
wölbe im Mittelschiff verzichteten und das Querbogen-
system nur zur Verstrebung der Obergadenwände und
zur Festigung des Dachstuhls aufnahmen. So wurde in
der 1030 gegründeten, aber größtenteils aus dem enden-
den 11. Jahrh. stammenden Kirche S. Vigor von Cerisy
la Foret auch Stützengleichheit beibehalten. (Rhein i.
Congr. arch. 1908, 2. S. 552 f.) An jedem Pfeiler stieg
hier eine halbrunde Vorlage hoch, abwechselnd bis in
den Dachstuhl oder nur bis zum Ansatz des Obergadens,
um hier einen Schwibbogen aufzunehmen (Abb. 5) . Ähn-
lich die 1114 begonnene Kirche von St. Georges-de-
Boscherville bei Rouen. (R. Martin du G. a. a. 0. S. 126,
u. Congr. arch. 1926, S. 535 f.) Eine Abb. in Peigne-
Delacourt: Monasticon gallicanum Bd. 2, Taf. 103 zeigt
die in der franz. Revolution zerstörte Kirche S. Vigor
bei Bayeux m. abgehobenem Dachstuhl (Taf. 35 a. Deut-
lich sind die Querbögen zu erkennen. Auch der roma-
nische Bau v. Notre Dame du Pre in Le Maus, der noch
dem endenden 11. Jahrh. angehört, hatte Querbögen im
Mscli., hier i. Verbindung mit Stützenwechsel. (Congr.
arch. 1910, 1. S. 288 f.)

Ob St. Etienne und Ste. Trinite de Caen ursprünglich
Querbogen im Mittelschiff verwendeten, ist sehr die
Frage. Für St. Etienne spricht Dehio schon die Ver-
mutung aus. (Dehio u. v. Bezold, Kirchliche Bauk. d.
Abdl. 1, S. 287. Lit. Congr. arch. 1908, 1. S. 21 f. Re-
konst^ d. urspr. Zustandes b. Gall, Gotische Baukunst

162
loading ...