Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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Auch in der Lombardei, dem zweiten Verbrei-
tungsgebiete desQuerbogensystems,hat sich diese
nur in seltensten Fällen erhalten; meistens haben
spätere Einwölbungen den ursprünglichen Raum-
charakter verändert. Darin ist wahrscheinlich
auch der Grund zu sehen, daß die Geschichte
des Querbogensystems noch nie im Zusammen-
hange untersucht worden ist, obwohl die meisten
der im Folgenden genannten Bauten durch Ein-
zelforschungen gut bekannt sind1). Bisher be-
gnügte man sich bei der Besprechung des Quer-
bogensystems einer normannischen oder lombar-
dischen Kirche in der Regel damit, die Frage
nach der Herkunft des Systems mit einem Hin-
weis auf östliche Vorstufen, speziell auf die

i. Frankr. u. Deutschi. S. 25, Abb. 1.) Im Obergaden liegt
ein Laufgang vor den Fenstern, der sich zum Msch. in
4 gleich hohe Arkadenstellungen öffnete, von denen die
beiden Äußeren den in der Mitte eines jeden Joches ge-
legenen Obergadenfenstern entsprachen. Durch diese Zu-
sammenfassung d. beiden Joche im Obergaden zu einem
einheitlichen Ganzen könnte es wolil möglich erscheinen,
daß auch im ganzen Raum eine straffere Gliederung in
Traveen war, die durch Querbögen erreicht würde.
An das ursprüngliche Vorhandensein von Querbögen in
der Ste. Trinite knüpft Frankl bekanntlich seine geist-
volle Hypothese v. d. Entstehung d. falschen seehstlg.
Gewölbes u. d. Rippengewölbes überhaupt. (Festschrift
Woelfflin 1924, S. 124 f.) Abgesehen davon, daß die im
19. Jahrli. restlos erneuerten oberen Partien der Kirche
nicht mehr zeigen können, ob die Querbögen wirklich
vor den Gewölben da waren, erscheint es auch sehr frag-
lich, ob in der 9jochigen Kirche ein östliches Joch als
Minor Chorus und weiter die übrigen Joche paarweise
durch Schwibbogen abgetrennt worden sind. In Frank-
reich gibt es sonst kein Beispiel für das Berücksichtigen
der Trennung zwischen der um den Minor Chorus er-
weiterten Mönchskirche und dem Laienhaus im archi-
tektonischen Aufbau. Dieses scheint lediglich eine Eigen-
art der deutschen, von Cluni beeinflußten Kirchen ge-
wesen zu sein und ist charakteristisch für die Hiersauer
Bauschule (vgl. Mettler i. Ztschr. f. Gesch. d. Arch.
Bd. 3, S. 273 f., Bd. 4, S. lf.). Bezeichnend ist, daß i. d.
frühesten Quelle für cluniazensische Gewohnheiten, der
„Consuetudinis Farfensis" nichts über den Minor chorus
vermerkt ist, daß die anderen, bei Mettler a. a. 0. auf-
gezählten Quellen wohl von der Absonderung eines kl.
Chores sprechen, aber daß die meisten Berichte darüber
stammen aus S. Wilhelmi Constitutiones Hiersaugienses,
die um 1030 entstanden, (Ausg.-Herrgott, Vetus disci-
plina monastica, Paris 1726, 375.) In der Peter- u. Pauls-
kirche in Hiersau wird der Minor Chorus nun durch
einen übermauerteu Querbogen, der dem Vierungsbogen
entspricht, vom Langh. abgetrennt. (Abb. 5 in A. Mett-
ler, Hiersau 1928, S. 16 f., u. Taf. 5.) Zu anderen Arten
d. Abtrennung vgl. Mettler i. Ztschr. f. Gesch. d. Arch.
Bd. 4, S. 9, n.2.

J) Vgl. P. Frankl, Die frühmittelalterl. u. roman. Bau-
kunst. Hdb. d. Kw. S. 171.

V erfasser promovierte mit einer bisher unveröffentlichten
Dissertation über „Studien zur Verwendung des Quer-
bogensystems in frühmittelalterlicher und romanischer
Baukunst".

Bizzoskirche in Ruweha in Syrien zu beant-
worten oder, besser gesagt, offenzulassen1). Als
willkommene Zwischenstufe ergab sich die
Kirche Sa. Prassede in Rom, von wo der An-
schluß an S. Miniato in Florenz, an den Dom
von Modena und seine Schule erreicht wurde.
Die normännischen Beispiele wurden auf lorn-
bardische Vorbilder zurückgeführt. Aus einer hier
folgenden kurzen Prüfung der Vorstufen wird
sich ergeben, daß die Abteikirche von Jumieges
nicht nur in der Normandie zum ersten Male
Schwibbogen im Mittelschiff verwendet, sondern
überhaupt das erste mit einiger Sicherheit nach-
weisbare abendländische Beispiel für dieVerwen-
dung von solchen Bögen im Mittelschiff ist.
Horizontal oder giebelförmig übermauerte Stein-
bögen, die in gewissen Abständen den einzu-
deckenden Raum quer zu dessen Längsachse
überspannen, lassen sich schon in hellenistischer
Zeit nachweisen; sie trugen eine Holz- oder
Steinplattendecke2). Diese Baugewohnheit erfuhr
seit dem ersten nachchristlichen Jahrh. im süd-
lichen syrischen Hinterlande, dem Hauran, nach
dem Seßhaftwerden arabischer Stämme unter
römischer Oberherrschaft eine monumentale
Ausbildung, da Holzmangel und das ausschließ-
liche Vorkommen eines harten schwarzen Ba-
saltes diese Lösung begünstigen. Auch in der
gallorömischen Architektur Südfrankreichs las-
sen sich Beispiele dieser Deckenart und Abwand-
lungen, die mehr den Charakter der zusammen-
hängenden Tonne wahrten, nachweisen3). Im
Hauran wurden schon in heidnisch römischer
Zeit einschiffige und dreiscliiffige Saaltypen mit
Flachdecke auf Querbögen ausgebildet (Shakka,
Palast, Basilika'), die im 4. Jahrh. vom christ-

]) Vgl. u. a. Choisy, Histoire de l'architecture, Bd. 2,
S. 194. 1903. Auch schon Ruprich-Robert, l'Architecture
normande aux 11. et 12. siecles. Paris 1884, S. 53.

Dehio u. v. Bezold, a. a. 0. S. 190, Bd. 1.

2) Vgl. Delos, Zisterne des Theaters. (Delbrueck, helle-
nistische Bauten in Latium, Bd. 2, S. 64.) Um 270. F.
weitere Bspl. vgl. Exploration archeologiqiic de Delos.
Le quartier du theatre, T. 8, 2. Paris 1922, S. 330 f. Als
schriftl. Quelle Philo v. Byzanz, Mechanik, Bd. 7, 8.
(Ausg.: H. Dielils u. Schramm, Excerpte aus Ph's Me-
chanik. Abhadlg. d. pr. Akad. d. Wiss. phil. hist. Klasse
1919, N. 12, S. 41 f.)

3) Arles, Arena. (Choisy, l'art de bätir chez les Romains,
S. 131. Dehio u. v. Bez. a. a. O. S. 134, Taf. 38, 12.)
Nimes, Temple de Diane, (Choisy, a. a. O. S. 130, Taf. 16,
1. Weitere Abwandl. ebenda S. 517).

') M. de Vogüe, la Syrie centrale, 1865, Bd. 1, S. 47 f.
PI. 8—10. Butler, Syria, Public, of tlie Princeton Exped.
etc. Bd. 2. A. S. 360 f. Zur Basilika H. Glück, Breit- u.
Lghausbau in Syrien, 1916, S. 24 f.

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