Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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liehen Kirchenbau übernommen wurden. (Umm
idj Djimal, Julianoskirche, Nimreh1).
Im mittelsyrischen Gebiete entwickelten sich
Pfeilerbasiliken mit Längsarkaden über weiten
Spannungen, in denen sich im ausgehenden 5.
und im 6. Jahrh. Ansätze zeigen zu einer Gliede-
rung des längsgerichteten Raumes in einzelne
Abschnitte. Im Hintergrunde dieser Entwicklung
stehen die byzanthinischen Raumschöpfungen,
in denen die konstruktive Gliederung der Bau-
masse und die Zentralisierung des Raumes durch
Gewölbe bedingt waren. Wie ein Echo auf diese
Bauten wirken die Kathedralen von Bosra und
Ezra, die aber auf Einwölbung verzichten2).
Auch die syrischen Basiliken bleiben beim Holz-
dach; jedoch kündigt sich in der verschiedent-
lich auftretenden Umwandlung der Pfeiler, die
ihren Mauerrestcharakter zu Gunsten einer straf-
ferenForm mit verstrebenden Dienstvorlagen auf-
geben, eine neue Baugesinnung an1). Während
die Gliederung hier aber nur auf den Wänden
ablesbar bleibt, wird sie in der Bizzoskirche von
Ruweha (Taf. 33c) auf den ganzen Raum über-
tragen durch die Einführung von Schwibbogen,
die, giebelförmig übermauert, einst den offenen
Holzdachstuhl trugen und die Obergadenwände
verstrebten'). Das Mittelschiff zerfiel dabei in
drei gleiche Abschnitte. Weitere Beispiele für
diese Anordnung lassen sich in Syrien außer in
der kleinen 582 datierten Kirche von It Tuba
nicht mehr nachweisen5)- Im übrigen bricht
hier die Weiterentwicklung der kirchlichen Bau-
kunst durch die arabische Invasion bald gänz-
lich ab.

In westlichen Gebieten ist, abgesehen vom römi-
schen Audienzsaal in Trier, kein früher Beleg
für die Verwendung von übermauerten Bögen
als Dachträger bekannt0). In Verbindung mit
Gewölben treten zwar übermauerte Gurtbögen
auf; sie können aber in den seltensten Fällen so

J) Zu Umm idj Djimal Beyer, Kirclicnbau in Syrien,
1925, S. 119. Zu Nimreh Butler, a. a. 0. Bd. 2 A, S. 442 f.

2) Zu Bosra vgl. Hersfeld, Mschatta, Hira u. Badia,
Jahrb. d. kg. pr. Kunstsmlg. 1921, S. 119—121. Dort
auch f. Ezra.

3) Vlg. Rusapha, Sergioskirche. H. Spanner u. S. Guyer,
Rusapha, 1926, S. 22 f., S. 52 f., Taf. 13, 14, 18.

') M. de Vogüe, a.a.O. S. 102. Beyer, a.a.O. S. 62,
Glück, a. a. 0. S. 60 f. E. Weigand i. d. Bespr. v. Beyers
Buch (Byz. Ztschr. 1927, S. 149 f.) setzt die Bizzoskirche
v. Ruweha nicht vor 550 an.

5) Vgl. Butler, a.a.O. Bd. 2 B, S. 19 f. Hersfeld, a.a.O.
S. 119.

") Lit. zu Trier b. Nie. Irsch, Dom zu Trier, 1931. Kunst-
denkmäler der Rheinprovinz Bd. 13, 1. S. 12 f.

für sich gesehen werden; daß sie als Vorstufen
für das erst im 11. Jahrh. häufiger in der abend-
ländischen holzgedeckten Basilika auftretende
Querbogensystem gelten könnten1).

Gleichwohl besteht aber ein inniger Zusammen-
hang zwischen dem oberen Umgang der Pfalz-
kapelle in Aachen und der Salvatorkirche in
Werden, die 804 durch den hlg. Liudger ge-
gründet wurde, und in deren Seitenschiffe nach
Effmanns vorbildlichen Untersuchungen mit
größter Wahrscheinlichkeit Querbögen verwen-
det wurden2). Im Aachener Obergeschoß sind
die Pfeiler die konstruktiv wichtigen Knoten-
punkte; sie nehmen die gewölbetragenden, quer
über dem Umgang gespannten Bögen auf, wäh-
rend die Säulen zwischen ihnen lediglich das
füllende Arkadenwerk tragen. In selbständiger
Parallelität verwendet die Salvatorkirche in
Werden den Stützenwechsel, wobei die Pfeiler
sowohl durch Quermauern im Fundament, wie
durch Schwibbogen mit den Seitenscliiffswänden
verbunden waren, wodurch das gesamte Bauge-
füge in erhöhtem Maße gefestigt wurde3)
Zur selben Zeit entstand in Rom die von Pa-
schalis II. (817—824) geweihte Kirche Sta. Pras-
sede, die man als erstes Beispiel für Schwib-
bogen im Mittelschiff anzuführen pflegt'1). In

*) Dehio u. v. Bezold, a. a. 0. S. 190. (u. a. Emporen-
geschoß v. San Vitale in Ravemia, Rundkirche zu No-
cera, Pfalzkapelle zu Aachen).

"') W. Effmann, Karolingisch-ottonische Bauten in Wer-
den, Bd. 1, 1899, S. 131 f.

3) Die Effmannsche Rekonstruktion d. Lgh. m. Stützeu-
wechsel und Querbögen i. d. Sschff. darf um so sicherer
als richtig erkannt werden, als in einem auch sonst in
vielem v. Werden abhängigen Bau sich diese innere Ver-
strebung fast wörtlich zu wiederholen scheint, nml. i. d.
Ludgerikirche zu Helmstedt. (J. P. Meyer, Bau- u. Kunst-
denkm. d. Ilrzt. Braunschweig, Bd. 1, 1896, S. 21. Zeller,
Klosterbauten nördlich des Harzes, 1928, S. 61 f. Weitere
Lit. dort Anm. 147.) Helmstedt hatte bis ins 13. Jahrh.
ein selbes Konvent mit Werden. Die Fundamente des
1533 zerstörten Langhauses wurden 1895 freigelegt, u.
dabei zeigten die Reste d. Seitenschiffsgrundmauern „in
Entfernung von 9,21 bzw. 19,31 m von den Osttürmen
aus gemessen, nach Westen Pfeilervorlagen v. 89 cm
Breite, die ähnlich, wie es b. d. Türmen geschab, Tren-
nungsbögen zu den (vorauszusetzenden) Vorlagen der
Arkadenpfeiler senden" (Meyer, a. a. O. S. 21 f.), „durch
diese werden die Seitenschiffe d. Lgh. in mehrere Ab-
schnitte zerlegt, die den Quadraten d. Msch. entspra-
chen". Die Bauzeit d. Kirche Ende 11. Jahrh. (Effmann,
a. a. O. S. 42, n. 2, Bd. 2.) In den Maßen entsprachen sich
die Lgh. d. Helmstedter u. Werdener Kirche fast. Bei
beiden bestehen die Msch. aus drei Quadraten. In Wer-
den k = 8,90, in Helmstedt k = 9,20.

*) Dehio u. v. Bez. a. a. O. S. 190. I. d. älteren For-
schung durchweg (Dartein, Ruprich Robert, aber auch
Ostendorff i. Ztschr. f. Bauwesen, 1913, S. 403. II. Glück
in Belvedere 1926).

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