Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 167
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Auch im Rhein] ande ist mit einer ursprünglich
größeren Verbreitung des Schwibbogensystems
in den Seitenschiffen zu rechnen, obwohl sich,
wenn man vom Erweiterungsbau des Trierer
Doms absieht, noch keine weiteren Beispiele
mit Sicherheit haben nachweisen lassen1).
Die Tatsache, daß Querbögen im frühen
11. Jahrh. zuerst in den Seitenschiffen und
gleichzeitig in mehreren Gebieten auftreten, ist
bisher noch nie zusammenhängend beachtet
worden und blieb auch unberücksichtigt in der
Frage nach der Herkunft des Systems. Wie diese
Frage in der älteren Forschung gelöst wurde,
ist schon angedeutet worden. Die oft genannte
vereinzelte Vorstufe im syrischen Hinterlande,
die Bizzoskirche in Ruweha, gewinnt nun aber
in einem anderen Sinne an Bedeutung in diesem
Zusammenhange. In ihr kann man einen ersten
stark reduzierten Niederschlag sehen von An-
regungen aus der zeitgenössischen byzanthini-
schen Baukunst, in der die Tendenz zur rest-
losen Einwölbung Raumgruppierung und kon-
struktive Festigung der Wände und Stützen be-
dingt hatte.

Auch in dem vereinzelten Beispiele der karolin-
gisclienSalvatorkirche in Werden wurden höchst-
wahrscheinlich Erfahrungen gleichzeitiger Ge-
wölbebauten (Aachen, Pfalzkapelle) in redu-
zierter Form nutzbar gemacht für das basilikale
holzgedeckte Langhaus, und so wiederholt sich
hier in unabhängiger Ähnlichkeit das Verhält-
nis vonRuweha zu den byzanthinischenGewölbe-
bauten. Wenn man diese innere Zusammenge-
hörigkeit, die sich hier zweimal unabhängig von-
einander offenbart, berücksichtigt, dann ist es
nicht weiter verwunderlich, wenn an derSchwelle
des 11. Jahrh., als die ersten Versuche unter-
nommen wurden, Kirchen einzuwölben, auch
das Querbogensystem in den Seitenschiffen auf-
tritt, das konstruktiv in knappster Form die
Festigung des Baugefiiges herbeiführt. So wirkt
das Querbogensystem auch im frühen 11. Jahrh.
wieder als reduzierter Niederschlag, als Ersatz

1) Die baufällig gewordene Nicetisclie Kirche wurde
durch Erzbischof Poppo (1016—47) ausgebessert. Die
Säulen wurden mit kreuzförmigen Pfeilern ummantelt u,
d. Schwibbogen wurden untermauert. (Irsch, a. a. O. S. 85

u. Abb. 40.) Auch die Pfeiler des Erweiterungsbaus, der

noch vor 1047 begonnen wurde, waren durch Querbögen
verbunden. Diejenigen der Seitenschiffe hatten auch ar-
kadenförm. Öffnungen. Das westliche Bogenpaar als
Turmträger erhalten u. nun von außen sichtbar. (Irsch,
a.a.O. Taf. 7, Abb. 45, 52.)

der Wölbtendenzen, die die Zeit beschäftigten1).
Von hier aus gesehen verliert die Frage nach
der Herkunft des Systems an Bedeutung. Was
in früheren Perioden sich als Parallelerschei-
nung zum Problem des Wölbens ergab, könnte
sich auch in dieser Zeit selbständig wiederholen,
wobei natürlich die Möglichkeit einer Anregung
von Seiten früherer Lösungen dieses Problems
an sich bestehen bleibt2). Die wenigen erhalte-
nen Spuren machen wohl eine ursprünglich grö-
ßere Verbreitung des Schwibbogensystems in Sei-
tenschiffen wahrscheinlich, genügen aber noch
nicht, um eindeutig erkennen zu lassen, in wel-
chem Gebiet im frühen 11. Jahrh. das System
zum erstenmal wieder aufgenommen wurde3).

*). Vgl. auch H. Glück, Zur Entstehung tl. Gurten- u.
Rippengewölbes. Belvedere 1926, S. 188. Eine inter-
essante gleichzeitige Gewölbeform stellt die Gurttonne
dar, die gewissermaßen eine Stufe zwischen Schwib-
bogensystem und ungegliederter Tonne ist. Die gliedernde
Wirkung der Bögen, die einen Raum in mehrere gleiche
Abschnitte teilt, wird auf die Tonne übertragen, indem
ihr an den den Stützen entsprechenden Stellen Gurte
unterlegt werden. Diese Bögen verlaufen meistens kon-
zentrisch m. d. Tonne; konstruktiv, als selbständige Ver-
strebung, verlieren sie ihren Wert. Bspl.: S. Marie
d'Amer, 949, im Mittelschiff (Puig y Cadafalch, le pre-
mier art roman, 1928, S. 70), S. Martin de Canigou, 1009
geweiht (Puig y Cad., a. a. 0. S. 67. Gute Abb. b. Bru-
tails i. Congrw arch. 1906, S. 155 f.) in der Unterkirche.
Tournus, Oberkirche im Mschff. In den Sschff. hier
Vierteltonnen m. halbkreisförm. Querbögen. (Gall i. Cice-
rone 1912, S. 624 f. Bibl. i. Congr,. arch. 1928, S. 423.)
Vierteltonnen m. halbrunden eingestellten Bögen vielfach

1. d. Emporen auvergnatischer Kirchen. (Bspl. Notre
Dame du Port i. Clermont Ferrand, Congr. arch. 1924,
S. 27.) Issoire (ebenda, S. 80). Ferner i. Sschff. südfranz.
Kirchen (Arles S. Trophime, weitere Bspl.: Deliio u.
v. Bezold, a. a. O. Taf. 123). Ferner i. Süditalien (Berteaux,
Part dans l'Italie meridionale 1904, S. 381 f.). (Taf. 34 d.)

2) Puig y Cadafalch, a. a. O. S. 66 erwähnt die Bedeutung
der pfeilerverspannenden Bögen in der Moschee v. Cor-
doba einmal im Zusammenhang mit dem lombardischen
Querbogensystem.

3) Wahrscheinlich waren auch in der 1013 begonnenen
Abteikirche von Bernay ursprünglich Querbogen in den
Seitenschiffen geplant. Nach dem Tode der Stifterin Judith,
1017, erfuhr der Bau eine Unterbrechung, die eine Plan-
änderung insofern mit sich brachte, als man zunächst
die Chorpfeiler mit Vorlagen versah u. die Chorseiten-
schiffe einwölbte. Daraufhin bekamen auch die urspr.
T.-förmigen Langhauspfeiler (denen a. d. Sschffswänden
rechteck. Vorlagen entsprachen) halbrunde Vorlagen auf
Pilasterstreifen an den Laibimgsseiten, u. wurden die
Seitenschiffe gewölbt. (Lit. Poree i. Congr. arch. 1908, 2.
S. 588 f. Ders. i. Bull. mon. 1911, S. 396. Ebenda, S. 103 f.
Bilsen, la date et la constr. de l'egl. de B. Frankl, a. a O.
S. 101 f. Daß auch im Chor noch urspr. Querb. geplant
waren, vermutet P. de Trouchis (vgl. Congr. arch. 1908,

2, S. 606, n. 1.) Da Bernay m. seiner Ostpartie engste Be-
ziehungen zu Cluni aufweist, erscheint die Vermutung
nicht ganz unberechtigt, daß auch die Verwendung des
Schwibbogens den cluniazensischenBaugewohnheiten nicht
fern stand u. m. diesen ihre weitere Verbreitung fand.

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