Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 168
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Aus dem, was über die Beziehungen des Schwib-
bogensystems zum Wölben erkannt wurde, er-
klärt sich nun auch einige J ahrzehnte später sein
erstes Auftreten im Mittelschiff, als das Einwöl-
ben der Seitenschiffe kein Problem mehr war,
und die ersten Anläufe gemacht wurden, das
Mittelschiff zu überwölben. Im einzelnen ließ
sich dieser Vorgang in der Abteikirche von Ju-
mieges verfolgen. Die Kirche trägt alle Keime
der späteren normannischen Bauschule in sich.
Die späteren gewölbten Kirchen erfüllen nur den
Gedanken, der schon den Plan von Jumieges be-
stimmte, und manche der Bauten, die die Ge-
wohnheit des hölzernen Dachstuhls beibehiel-
ten, übernahmen das Querbogensystem als will-
kommenes Mittel zur inneren Verstrebung und
Raumgliederang. Gerade dieser letzte Gesichts-
punkt gab vielleicht den letzten Anstoß für die
Einführung von Querbögen in das Mittelschiff von
Jumieges, denn die an den Wänden angebahnte
Gliederung in Traveen, die durch Gewölbe ganz
augenfällig geworden wären, forderte geradezu aus
ästhetischen Gründen einen Ersatz. Die einfachste
Form, diese Forderung zu erfüllen, war im Quer-
bogensystem gegeben, und ähnliche Raumwir-
kungen wurden in Cerisy-la-Foret (Taf. 35 b),
S. Vigor de Bayeux, S. Georges de Boscherville
und vielleicht in S. Etienne Caen erreicht1).
Bisher pflegte dieVerwendung von Schwibbogen
in der Normandie auf lombardische Einflüsse
zurückgeführt zu werden2). Obwohl hier das
eigentliche Verbreitungsgebiet des Systems ist,
läßt es sich hier im Mittelschiff nicht vor dem
endenden 11. Jahrh. nachweisen3).

*) Neben der konstruktiven Durchgliederung der Wände,
wie sie in Jumieges durch den Gedanken an vollständige
Eiilwölbung bedingt wurde, hielt sich i. d. Normandie
auch die rein dekorative Gliederung der Wände mit
Diensten, die bis in den Dachstuhl stiegen und hier die
Hauptdachbinder aufnahmen. (Bspl. b. R. Martin du G.,
a. a. O. S. 114 f. In S. Germain des Pres in Paris endeteu
diese Dienste wahrscheinlich, wie bestimmt i. d. etwas
späteren Morienval, konisch, konnten also nicht als Auf-
lager f. d. Dachkonstruktion dienen. (Lefevre P. i. Congr.
arch. 1919, S. 328.)

2) Zum Träger dieses Einflusses pflegt seit Ruprich Ro-
bert gerne der um 1005 in Pavia geborene Lanfrancus
angesehen zu werden, einer der geistigen Führer am
Hofe Wilhelms des Eroberers, der 1089 als Erzbischof v.
Canterbury starb (R. R., a.a.O. S. 54 f.).

3) Daß es sich bei den vermeintlichen Querbogen in
S. Carpoforo b. Como, die im wesentlichen a. d. 1. H. d.
11. Jahrh. stammt, um den östl. u. westl. Bogen einer
Vierung handelt, während die beiden anderen Vierungs-
bögen nach der Entfernung der Querschiffsarme noch
deutlich in der heutigen Obergadenmauer zu sehen sind,
wies schon Dartein nach (l'Arch. lombarde, Paris 1865
bis 1882, S. 328 f.).

Als ältestes Beispiel aus dieser Zeit mag die
Kirche S. Maria Maggiore in Lomello (Taf. 33b)
gelten,eine dreischiffige, ursprünglich neunjochi-
ge Kirche mit gewölbten Seitenschiffen1). Schwib-
bogen verbanden jedes zweite Pfeilerpaar, be-
dingten aber dadurch noch keinen Stützenwech-
sel, was als Beleg dafür gelten kann, daß der
Stützenwechsel in der Lombardei damals über-
haupt noch ungebräuchlich war. Sonst wäre die
besondere Anordnung der Bögen hier bestimmt
auch schon in Verbindung mit Stützenwechsel
aufgetreten, wie es in lombardischen Bauten des
12. Jahrh. immer der Fall ist2).

Als besonders bemerkenswertes Beispiel hierfür
gilt S.Lorenzo in Verona, bei deren Besprechung
schon Frankl mit Recht auf die große Überein-
stimmung der Kirche mit Jumieges aufmerksam
macht3). Schon in der Grundrißgestaltung äußert
sich ein Formwille, der keineswegs aus der lom-
bardischen Tradition erwächst; der qudratische
Schematismus, verbunden mit Querschiff und
cluniazensischer Choranlage, weist deutlich auf
normännische Anregungen hin. Im Aufriß wird
die Gesetzmäßigkeit des Grundrisses durch scharf
ausgeprägten Stützenwechsel betont, zu dem, wie
in Jumieges, kleeblattförmige Pfeiler und Säu-
len verwendet sind. AuchKreuzgratgewölbe über
quadratischen Feldern in Seilenschiffen undEm-
poren setzen die Kenntnis der normannischen
Abteikirche voraus, wie auch die eingestellten
Mittelstützen und Emporen in den Querschiffen.
Nur in dem Fehlen des Obergadens, in der Bei-
behaltung der Hallenform, äußert sich eine lom-
bardische Eigenart des 12. Jahrh., die letzten
Endes allerdings auf poitevinische Anregungen
zurückgeht. Die Querbögen waren giebelförmig
übermauert; ein gemeinsames Dach deckte auch
die Abseiten mit ein4).

Wesentlich dem 12. Jahrh. gehört S. Zeno in

*) Frankl, a.a.O. S. 199. Kingsley P. Bd. 2, S. 500 f.,
PI. 106—11. Die Kirche um 1200 gewölbt. Im 18. Jahrh.
die drei westl. Joche abgetrennt, wobei der Schwibbogen
über d. urspr. dritte Pfeilerpaar in die jetzige Fassade
eingebaut wurde.

2) Stützenwechsel m. Querbögen im Msch. zeigte in Lo-
mello die etwas jüngere Kirche S. Michele (Kingsley P.
Bd. 3, S. 506, n.18).

s) Frankl, a. a. 0. S. 200. Kingsley P. Bd. 3, S. 497 f. Re-
konstruktion d. urspr. Zustandes b. 0. Stiehl, der Back-
steinbau roman. Zeit, 1908, S. 30, Taf. 11.

4) Die Kirche wird um 1100 im Bau sein; zw. 1110—1112
werden im Chor Reliquien beigesetzt. (Frankl, a. a. 0.
S. 200.) Die gleiche Raumanordnung besaß i. Verona
S.Fermo maggiore, a. d. 12. Jahrh., die im 14. Jahrh.
gotisch umgebaut wurde (Kingsley P. Bd. 3, S. 481).

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