Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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Verona in ihrer jetzigen Gestalt an, die gegen-
über S. Lorenzo wieder mehr in einheimische
Gewohnheiten zuriickverfällt. Die ganze Kirche
ist holzgedeckt; ursprünglich waren im Mittel-
schiff, wie heute noch in den Seitenschiffen
Schwibbogen. Im Mittelschiff geben die beiden
erhaltenen, bis zu einem horizontalen Abschluß
übermauerten Bögen über den wesentlichen
Pfeilerpaaren die Höhe der ursprünglichen fla-
chen Decke an1). Der Obergaden stammt erst
aus dem endenden 12. Jahrb., wie auch der obere
Teil der Westfassade, die um 1200 eine Rose
bekam.

Eng verwandt mit San Zeno ist San Miniato al
Monte in Florenz, die aber die basilikale Grund-
form beibehält, und in der das Querbogen-
system in allen Schiffen rein erhalten ist2),
in allen Schiffeil rein erhalten ist3). Von
ganz besonderer Bedeutung für die weitere
lombardische Baukunst wurde der Dom zu Mo-
dena, der 1099 begonnen wurde, und von dem
1.184 eine erste Weihe bezeugt ist'1). Das Schema
von S.Zeno ist hier um die Öffnungen derSchein-
emporen bereichert; auch die straffere Gliede-
rung des Ganzen zeigt wieder eine stärkere An-
lehnung an S. Lorenzo in Verona. Die alten
Querbögen sind zwischen den Gewölben des
15. Jahrb. in ihrer ganzen Höhe erhalten und
überragen außen die Dächer um ein gutes
Stück4).

Die Schule des Domes von Modena ist allgemein
bekannt. ]\ ach dem großen Erdbeben von 1117
folgten fast alle Neubauten Norditaliens diesem

J) Luigi Simeoni, la basilica di S. Zeno, 1909. Kingsley
P. Bd. 3, S. 517 f.

2) Bibl. b. Beenken, der florentin. Inkrustationsstil.
Ztschr. f. b. K. 192, 1926, S. 222 f. Die Kirche in ihren
Maßen wahrscheinlich bestimmt durch eine Vorgängerin,
von der die Gründung 1014 überliefert ist, und die etwa
1062 vollendet war. Die heutige Kirche läßt sich aber
sonst keinesfalls mit der des 11. Jahrh. identifizieren. Da-
gegen sprechen die Gewölbe der Krypta, die Kapitelle,
sofern nicht antike Kompositkap. verwendet wurden,
und die Inkrustation (Frankl, a.a.O. S. 223).
n) Kingsley P. Bd. 3, S. 2 f. Rekonstruktion d. Zustandes
v. 1184 b. Frankl i. Jrb. f. Kw. 1927, S. 39 f., S. 47. Dem-
nach war dieKirehe urspr. querschifflos, hatte lODoppel-
joche, Wechsel zw. kleeblattförm. Pfeilern u. Säulen.
Drei parallele Apsiden. Krypta urspr. niedriger. Die
Querbögen d. Sschff. setzen in Höhe d. Mschffsarkaden
an und tragen eine von 2 Arkaden durchbrochene
Schwibbmauer. Gewölbe 15. Jahrh.

4) Choisy schreibt den Schwibbogen die Bedeutung v.
Brandmauern zu, die im Falle eines Brandes im Dach-
stuhl das Feuer auf einzelne Abschnitte beschränken
würden. (Hist. de l'Arch. 2, S. 193.)

Bautyp; sie empfingen erst in späterer Zeit ihre
Gewölbe1).

Im frühen 12. Jahrh. werden hier aber auch
schon die ersten Versuche gemacht, eine Kirche
vollständig einzuwölben. Es zeigt sich da ein
merkwürdiges und unruhiges Entwicklungsbild,
wie es nur sein kann, wenn nicht ein boden-
ständiger Plan folgerichtig weiterentwickelt und
zur beherrschenden Form wird, sondern wenn
fremde Anregungen sich mit einheimischen An-
sätzen überschneiden. Typisch für die Unsicher-
heit der lombardischen Baumeister in Gewölbe-
fragen ist die Kirche S. Pietro in Ciel d'Oro in
Pavia2), wo Krautheimer nicht weniger als vier
Planänderungen hat feststellen können. Auch
in S. Ambrogio in Mailand hat man sich wohl
erst in einer zweiten Bauphase für Kreuzgewölbe
über schweren rechteckigen Rippen entschlos-
sen3). So ist auch das konservative Verharren
beim Querbogensystem zu verstehen, das dem
Gewölbeproblem aus dem Wege geht. Für die
Weiterentwicklung der lombardischen Architek-
tur hatte das System aber keine Bedeutung
mehr; in kleineren Landkirchen mögen Schwib-
bogen noch in späterer Zeit beibehalten worden
sein.

In der normännischen Baukunst jedoch sprechen
gewisse Anzeichen dafür, daß das Querbogen-
system für die Ausbildung des gotischen Strebe-
bogens entscheidende Anregung gegeben hat. In
den Emporen des Chores von Durham'), dessen
Mittelschiffsgewölbe 1104 vollendet waren, tre-
ten Querbögen auf, die bis zur Dachschräge

1) U. A. Cremona (Frankl, a. a. O. S. 210 f. Kingsley P.
Bd. 2, S. 371 f.). Hier aber schon wirkl. Emporen über
kreuzgratgew. Sschff. Parma (Kingsley P. Bd. 3, S. 148.
Franlcl, a.a.O. S. 211). Nonantola, S. Silvestro (Kings-
ley P. Bd. 3 S. 85). Auch in Como, S. Fedele, sind
Schwibbogen über den heutigen Gewölben des Mschffs.
erhalten. (Zur Datierung Gall, Niederrhein, u. normänn.
Arch. i. Zeitalter d. Frühgotik, S. 74 f. Um 1170. Kings-
ley P. Bd. 2, S. 322 f.)

-) R. Krautheimer, Lombardische Hallenkirchen. Jrb. f.
Kunstwiss. 1928, S. 176 f.

3) Vgl. Frankl, a.a.O. S. 208 f.

4) K. Escher, englische Kathedralen, München 1927, S. 74.
Clasen, gotische Baukunst. Hdb, d. Kw. 1931, S. 79. Zehn,
v. R. W. Billings i. Architectural illustr. and descr. of the
Catli. church at London, 1843, abgeb. b. Escher, Taf. 31.
Vgl. a. Bilson i. Revue de l'art ehret. 1901, S. 365 f.,
Abb. 8 Ui S. 466. — Halbrunde Querbögen auch i. d. Em-
poren v. Chisester (1108 holzgedeckt, geweiht, 1186 ein-
gewölbt). Ferner in den Emporen v. Southwell (Escher,
a. a. 0. S. 102. Mschff. holzgedeckt),. — In den englisch-
normännischen Kirchen scheint das Querbogensystem
sonst kaum verbreitet gewesen zu sein. Eine eingehende
Untersuchung der Kirchen daraufhin ist allerdings noch
nicht gemacht worden (Escher, a.a.O. S.24).

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