Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 171
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dige Tätigkeit und dauernde Anstellung geboten
ward, ist Ulrich dieser ersten Einladung nach
Mailand doch nicht gefolgt.

Auf Grund welcher Tätigkeit sich Ulrich von
Ensingen schon vor dem Sommer 1391 einen sol-
chen Ruf erwarb, daß Haupthütten wie Ulm
und Mailand ihn als leitende Kraft zu gewinnen
trachteten, war bisher nicht bekannt. Auch hin-
sichtlich des Schauplatzes für so früh erfolg-
reiches Schaffen ergab sich als einziger, urkund-
lich belegter Anhaltspunkt bisher die Tatsache,
daß Ulrich Meister war und in Ensingen lebte,
als ihn im Sommer 1391 der Ruf Mailands er-
reichte. Die Mailänder Dombau-Protokolle unter-
scheiden da genau: Als Ulrich 1393 als neu be-
stellter Münsterbaumeister von Ulm nochmals
nach Mailand als Gutachter berufen ward, dies-
mal der Einladung auch Folge leistete, wird er
stets Ensingen oder Ulrich de Ulma genannt. Da
er einer, aus dem genannten Ensingen stammen-
den Familie angehörte (Magistro Ulricho de En-
singen Inzignerio in Ensingen . . kann dieser
Aufenthalt kein zufälliger oder kurzer gewesen
sein. Doch auch aus diesem Anhaltspunkt konn-
ten bisher keine sicheren Schlüsse gezogen wer-
den, weil für diesen Ort ein Ensingen bei Ulm,
die Ober-Unter-Ensingen bei Nürtingen und ein
Ensingen im O.-A.-Vaihingen in Betracht kamen.
Für Ensingen sprach die Nähe Ulms, dagegen
der völlige Mangel an nennenswerten Bauten der
fraglichen Zeit. Auch die Veitskapelle von En-
singen bei Vaihingen hat wohl ein romanisches
Turmchor, wurde aber 1468 neu erbaut. Für die
Ensingen bei Nürtingen endlich spricht das Vor-
kommen jener vorzüglichen Art des Stuben-
bzw. Keupersandsteines, der auch für entfern-
tere Großbauten der schwäbischen Gotik wie
Reutlingen, Tübingen und Ulm bevorzugt wor-
den ist. Die Ensinger Steinbrüche waren denn
auch schon am Ausgang des Mittelalters ganz
ausgebeutet1). Jedoch nur die größere Wahr-
scheinlichkeit konnte für diese zweite Version
in Anspruch genommen werden; bot doch auch
der in Betracht kommende Bau Nürtingens
keine Erklärung für die ehrenden Rufe nach
Ulm und Mailand.

Bisher unausgewertete Urkunden gestatten es
jetzt, über das Frühwerk Ulrichs, dieses führen-

') E. Reycr, Die Bausteine Württembergs ... in bezug
auf ihre bauteebn. Verwendung und wirtsch. Bedeutung.
Dissert. Stuttgart, Halle/S. 1927, S. 43.

den Meisters süddeutscher Spätgotik, Sicheres
auszusagen.

Bei Nachforschungen über jenen Meister Hein-
rich, der durch Pfaff für die Zeit von ungefähr
1360 bis 1397 als Bauleiter der Frauenkirche in
Eßlingen vorgestellt worden war — nicht nur
Egle ist ihm in dieser Annahme gefolgt — ergab
sich, daß Pfaff seine Angaben aus den vielfach
erhaltenen Steuerlisten der Stadt geschöpft hat,
die er aber nur stichprobenweise benutzte. Auch
für das von ihm mit A. Diehl herausgegebene
„Urkundenbuch der Stadt Eßlingen" sind diese
Steuerlisten unberücksichtigt geblieben1). So er-
klärt es sich, daß schon eine erste Stichprobe aus
den in Frage kommenden Listen Unbekanntes
zutage förderte. Vor allem ergab sich, daß in
Eßlingen des späteren 14. Jahrhunderts eine
ganze Reihe von Mitgliedern einer oder meh-
rerer Familien Ensingen ansässig gewesen sind;
Unter diesen letzteren fand sich auch ein Ulrich.
Die nun auf meine Bitte von dem Stadtarchivar
Dr. E. Ilaffner durchgeführte genaue Überprü-
fung aller erhaltenen Steuerlisten, von denen
ein Ertrag zu hoffen war, erfüllte durchaus die
Erwartungen, welche durch die erste Probe ge-
weckt worden waren2).

Um die Hauptergebnisse vorweg zu nehmen: Die
Listen von 1365—68 führen einen Ulrich von
Ensingen unbekannten Berufs an. Von 1370—80
erscheint ein Ulrich von Ensingen als murer.
Von 1390—93 ein Meister Ulrich innrer bzw.
staimnetz, jüiaster (Hans Glasers). Als solcher
tritt er auch von 1396—98 auf.

Haffner hält es ebenso wie ich für sehr wahr-
scheinlich, daß der 1365—68 genannte Ulrich
identisch ist mit der von 1370—80 als murer auf-
tretenden Person. Ebenso ist nach dem Bestand
in den Quellen der von 1390—93 und von 1396
bis 98 auftretende Meister Ulrich ein und die-
selbe Person. Für die Identität endlich des von
1365—80 und des von 1390—98 nachweisbaren

s) K. Pfaff, Geschichte der Frauenkirche in Eßlingen
u. ihrer Restauration. Eßlingen 1863, S. 2. — A. Diehl,
IC. Pfaff, Urkundenbuch der Stadt Eßlingen, 2. Bd., der
württemb. Gesch.quellen, 4. u. 7. Bd., Stuttgart 1899
u. 1905.

2) Für die Überlassung des Materials schuldet der Verf.
Herrn Dr. Haffner besonderen Dank. St. Beissel, Die
Bauführung des Mittelalters. Studie über die Kirche des
hl. Victor zu Xanten. 2. Aufl. Freiburg i. Br. 1189. —
J. Knauth, Mittelalterliche Technik und moderne Re-
stauration. Straßburger Müusterblatt, 3. Jg., 1906, S. 37.
Auch beim Bau der Mainzerhof-Kapelle in Erfurt ver-
rechnet ein Diezel Alvcge: 12 dag krakstein . . . helfen
hauen, . . . und helfen inmauren."

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