Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 172
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Ulrich konnte Haffner schon archivalisch ge-
wichtige Gründe beibringen: „Der Eintrag von
1390 mit seinem flüchtig hingeworfenen ,sein
Schwiegersohn als Maurer'' macht ganz den Ein-
druck, als handle es sich bei dem neuen Steuer-
pflichtigen um einen alten Bekannten, der unter
den bestehenden Umständen nicht näher be-
nannt zu werden braucht. Gegenüber andereu
Ensingen gleichen Vornamens ist er nun durch
Meistertitel, Beruf und Verwandtschaft mit dem
Zunftmeister Glaser genügend unterschieden.
Dazu kommt, daß in der ganzen Zeit, da Ulrich
als ,von Ensingen oder als .filiasler Glaser' be-
zeichnet wird, kein anderer Ulrich der Maurer
sich findet; ebensowenig in dem Jahrzehnt 1381
bis 89, in dem Ulrich überhaupt nicht auftritt."
Daß Maurer, murer, als Berufsbezeichnung
gleichbedeutend mit Steinmetz ist, läßt sich
mehrfach belegen. Diese Identität der Bezeich-
nungen erstreckt sich nicht etwa nur auf Gebiete
mit vorherrschendem Backsteinbau; ebenso-
wenig darf man da die hüttenmäßig organi-
sierten Bauleute ausnehmen. (Im Zunftbereich
ist der Zusammenschluß von Maurern und Stein-
metzen sogar die Regel, und dem Range nach
kam hier, etwa im Nürnberg des 15. Jahrhun-
derts, der Steinmetz erst nach dem Maurer und
Zimmermann). Die besondere Aufgabe des
„Maurers" bestand in der Bauhütte im Versetzen
der von den Steinmetzen gelieferten Quadern,
im Ausführen der Gewölbe und Fundamente.
Auch die verantwortungsvolle Aufgabe des Be-
gutachtens der Steinvorkommen in den Brüchen
fiel ihm bisweilen zu. Aus erhaltenen Rechnun-
gen für den Hüttenbetrieb an größeren Bauten,
z. B. bei St. Viktor in Xanten, ergibt sich, daß
die im Winter in der Hütte vorarbeitenden
Steinmetzen im Sommer als „Maurer", beim Ver-
setzen also des so gewonnenen Materials tätig
waren. So erklärt es sich, daß die Bezeichnungen
murer und stainmelz auch für die Bauhütten
gleichberechtigt nebeneinander bestehen. Im
Sommer 1422 leistet so Maister Hans der Kirchen-
murer, einen Eid vor dem Rate der Stadt Über-
lingen als deren Werkmeister, wird 1433 auch
einfach Hans murer der statt iverchmaister ge-
nannt. Der Magister Jacob von Prachatitz wird
in dieser südböhmischen Stadt im gleichen Jahre
1401 einmal als murator, einmal als lapicida be-
zeichnet; auch der Steinmetz Henslin, 1395—96
Bürgermeister der Neustadt Prag, erhält von
deren Schreiber 1397 den Titel murer. 1446

taucht denn auch in Prag, wo 1371 selbst der
Dombaumeister Peter Parier in einer Urkunde
als murator ecclesie Pragensis eingeführt wird,
ein Jacobus lapicida seu murator auf1).
Im Eßlingen dieser Zeit gibt es schon Bürger,
die nur murer heißen, das Gewerbe jedoch nicht
mehr ausüben. Schon 1343 tritt ein Kaplan Ul-
rich der Murer auf; 1362 erscheinen Testa-
mentsvollstrecker eines Ulrich gen. Murer von
Kirchheim und 1369 begegnet ein Priester Hein-
rich der Murer (Essl. Ulk. Buch I, Nr. 749 und
II Nr. 1175, 1323). Ohne Gegenprobe bzw.
Doppelbezeichnung dürfen Murer in Urkunden
dieser Zeit also nicht ohne weiteres als Bauleute
angenommen werden. Der für jenes 14. Jahr-
hundert so bezeichnende Vorgang, in dem sich
eine Fülle deutscher Familiennamen erst gebildet
hat, stellt auch den Bauforscher vor oft schwie-
rige Entscheidungen. Das bekannteste Beispiel
ist die Baumeisterfamilie der Parier, deren Mit-
glieder mit ihrem, aus der Berufsbezeichnung
Parlier gebildeten Namen von den zu gleicher
Zeit, ja notwendig auch am gleichen Bau tätigen
Parlier, Palier, Ballier eines Baues unterschie-
den werden müssen. In Prenzlau tritt z. B. 1336
ein Thydericus murmester als Ratsherr und Pro-
visor der Marienkirche auf. Daß dieser Bau-
pfleger selber gebaut hat, ist um so mehr zu
bezweifeln, als sich murmester in der Gegend
wenig später auch als Familienname schon sicher
nachweisen läßt2).

Für Eßlingen wird diese Unterscheidung wich-
tig, wenn wir uns mit jenem oben erwähnten
Meister Heinrich beschäftigen, der 1360—97
Bauleiter der Frauenkirche gewesen sein soll.
Um 1360, in der ältesten erhaltenen Steuerliste,
erscheint er als Magister und lapicida; ihn nach
dem oben Gesagten mit dem Heinrich murer der
nächsten Jahre zu identifizieren darf man sich
um so weniger scheuen, weil sich auch aus dieser
Eßlinger Quelle die Gleichberechtigung der
Titel mehrfach nachweisen läßt. 1377 ist Meister
Heinrich aber offenbar nachträglich aus der
Liste gestrichen worden. Daß er damals starb,
wird dadurch wahrscheinlich, daß der ab 1378
bis 1411 auftretende „Maisler Hainrich murer"

1) J. Neuwirth, Geschichte der bild. Kunst in Böhmen
vom Tode Wenzels III. ... I. Bd., Prag 1893, S. 326—39.

2) Die Kunstdenkmäler d. Mark Brandenburg, 3. Bd.,
I. Tl., Berlin 1921, S. 174—175. Im schwäbischen Rotten-
berg tritt 1432 ein Dietrich Maurer, Werkmeister von
Gmünd, auf.

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