Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 173
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sein Solin sein kann; dieser (zweite) Heinrich
erhält nämlich 1382 den Zusatz „filiaster Smer-
10erAuch Haffner hält es für unwahrschein-
lich, daß der schon 1360 als Meister Auftretende
um 1381 geheiratet und noch 1411 gelebt hätte.
Von 1382—90 war dieser Meister nicht in Eß-
lingen, hlieb aber hier steuerfähig und wird 1401
genauer als ,,Meister Heinrich von Frankfurt"
bezeichnet. Schon auf Grund dieser Bezeichnung
schaltet die einige Male vorgeschlagene Möglich-
keit aus, ihn mit dem jüngeren Heinrich-Meister
aus Ulm, dem Heinrich III der Parler-Familie
gleichzusetzen. Dieser 1387 in Ulm am Bau des
neuen Münsters angestellte, 1388 als Ulmer
Kirchenmeister genannte Heinrich III war
in jenen Jahren 1391—92 in Mailand, in denen
der obengenannte (zweite) Heinrich1) schon
wieder in Eßlingen auftritt. Dagegen ist mög-
lich, daß dieser zweite Meister Heinrich murer
Sohn einer ersten Ehe ist und erst 1396
nach Eßlingen zurückkehrte. Da er aber von
diesem Jahre an, das gleiche Haus wie sein Vater
bewohnend, auch den in der Stadt üblichen
Kaufhauszins von 10 Schilling jährlich erlegte,
so kann nicht bezweifelt werden, daß er nicht
mehr Baumeister war wie sein Vater, sondern
ein Kaufmann, der seines Vaters Berufsbezeich-
nung als Familiennamen beibehalten hat. Das
ist, wie gesagt, in dieser Zeit durchaus nicht un-
gewöhnlich. So erklärt sich auch weiter, daß der
Heinrich von 1396 ein Vermögen von 1600 Pfund
versteuert, gegenüber den 60 Pfund, die der
Steinmetz von 1382 angibt. Also auch bei dieser
Auslegung schaltet die Identität mit dem Hein-
rich III Parier von Ulm aus. Der im Schwaben
der Zeit ungemein häufige Name Heinrich
zwingt auch bei dem ersten Meister Heinrich
murer von Eßlingen zur Vorsicht. Dürfen wir
schon nicht daran zweifeln, daß der von un-
gefähr 1360 bis wahrscheinlich 82 als solcher
Nachweisbare wirklich Baumeister war, so liegt
stilistisch kein ernster Grund vor, ihn z. B. mit
jenem maisler Heinrich (Arnolt) zusammenzu-
bringen, der 1378 vom großen Rate der Stadt
Konstanz als Werkmeister angenommen wurde.
Der Meister Heinrich, welcher 1439 den West-

Vgl. 0. Kletzl, Parier; Baumeister- und Bildhauer-
familie, 26. Bd. des Thieme-BeckerschenKiinstlerlexikous.
— S. dagegen E. Gradmann, Ii. Christ, H. Klaiber,
Kunstwanderungen in Württemb. u. Hohenzollern, Stutt-
gart 1926, 2. Aufl., wo S. 54 die Mitwirkung Heinrich
Parlers d. J. am Frauenkirchenbau von Eßlingen als ganz
sicher Inngestellt wird.

türm mit dem seit 1881 fast ganz erneuerten
Hehn der Pfarrkirche von Echterdingen bei
Stuttgart errichtete, kommt schon der Zeit we-
gen nicht in Betracht; 1382 muß der Eßlinger
Meister wenigstens fünfzig Jahre alt gewesen
sein. Auch jener Heinrich der Bekam dürfte
ausschalten, der sich im August 1377 den Städten
des Schwäbischen Bundes auf ein Jahr als Werk-
meister verdingte; hier spricht wieder manches
für eine Identifizierung mit Heinrich II Parier,
dem älteren Heinrich von Ulm1), obgleich Mit-
glieder einer oder mehrerer Familien Beheim
durch das ganze 14. Jahrhundert auch in Eß-
lingen nachweisbar sind.

Die Revision der Angaben von Pfaff über die
ersten Baumeister der Frauenkirche Eßlingens
kann daher folgendermaßen zusammengefaßt
werden: 1. Der erste Meister, Magister TJlin lapi-
cida wird in der Tat noch in der ältesten, aus
der Zeit um 1360 stammenden Steuerliste der
Stadt angeführt; da in der gleichen Liste aber
auch schon die Relicta Magistri JJlin lapicidae
auftritt, muß dieser Meister 1359 oder 60 ge-
storben sein. 2. Der zweite Meister, Magister
Heinrich murer, bzw. lapicida dagegen, ist nur
von 1360—83 nachweisbar. Der von da an nicht
nur bis 1397 — wie Pfaff angibt — sondern bis
1411 auftretende Meister gleichen Namens ist
ein Sohn, wahrscheinlich aus erster Ehe, seinem
Gewerbe nach Kaufmann. 3. Der wohl schon seit
1365 am Bau tätige Ulrich von Ensingen ist spä-
testens ab 1390, ein Jahr also vor der Berufung
nach Mailand und zwei Jahre vor der Berufung
nach Ulm, der Leiter dieses Baues.

Da der Bau der Frauenkirche von Eßlingen ein
rein städtisches Unternehmen war, müssen wir
seine Architekten unter den steuerpflichtigen
Bürgern der Stadt suchen. Schon deshalb, weil
die Frauenkirche als ein repräsentativer Trutz-
bau der Stadt vor allem gegenüber der, dem
Domstift von Speyer inkorporierten Pfarrkirche
St. Dionys verstanden werden muß, für deren
Verwaltung stets von Speyer aus die Pfleger be-
stellt wurden. Auch in Eßlingen ging das Stre-
ben des erstarkenden städtischen Gemeinwesens
seit dem frühen 14. Jahrhundert nach einer eige-
nen Pfarrkirche. Heftige Kämpfe zwischen der,
den Pfarrdienst versehenden Stiftsgeistlichkeit
und den in Eßlingen früh und imposant auf-
tretenden Bettelorden waren schon nach 1268

x) Hier sei auf eine, im Entstehen begriffene Arbeit über
„Die Parier von Ulm" hingewiesen.

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