Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 176
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Baues in Ulm wohl schon zu beschwerlich fielen,
die Bauleitung dieses Münsters übertragen wor-
den ist. In Eßlingen läßt sich nun für 1358 ein
Kunz, Kuns Sohn von Ensingen nachweisen1).
Es ist recht gut möglich, daß auch die Kuns zu
jenem Kreise von Steinmetzen gehörten, welche
die Ensinger Sandsteinbrüche abbauten. Daß
zwischen den Kuns und den Ensingen eine noch
weitgehendere Verbindung bestand, als die Hei-
rat Annas mit Hans anzeigt, wird auch durch die
NachfolgeCasparKuns in derBauleitung von Ulm
wahrscheinlich gemacht. Der Stubensandstein
von Ensingen ist an der Frauenkirche Eßlingens
erst um 1475 durch einen grauen Schilfsandstein
verdrängt worden; die Ensinger Brüche waren
um diese Zeit wahrscheinlich schon erschöpft").
Die hier vorgeführten Nachrichten zur Frühzeit
Ulrichs von Ensingen weisen eine Lücke für die
Zeit von 1382—89 auf, die sich nicht etwa durch
eine Lücke in der Reihe der erhaltenen Steuer-
listen erklärt. Wir müssen annehmen, (auch die
unten folgende Baugeschichte wird solche An-
nahme nahelegen), daß Ulrich in diesem knap-
pen Jahrzehnt außerhalb Eßlingens gearbeitet
hat. Keine Nachricht gibt uns aber auch nur
einen Anhaltspunkt dafür, wo das geschah, an
welchen Bauten er in dieser Zeit mitgearbeitet
hat. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der Alt-
geselle oder Polier Ulrich diese Wander jähre hat
absolvieren müssen, bevor er an der Bauhütte
von Eßlingen hat Meister werden können. Sol-
cher Brauch war allgemein und als solcher gut
begründet. Da Ulrich 1365, dem Jahre seines
ersten Auftretens in den Eßlinger Steuerlisten,
noch recht jung gewesen sein muß, so konnten
dem Gereiften diese Wanderjahre nur um so er-
wünschter sein. Daß er in dieser Zeit auch schon
in Straßburg gearbeitet hat, wird wahrscheinlich
gemacht werden können. Außerdem muß mit
der Möglichkeit gerechnet werden, daß Ulrich
schon 1382—89 an uns unbekanntem Ort so
rühmlich hervortrat, daß die Rufe nach Mailand
und Ulm nicht nur durch seine Eßlinger Tätig-
keit erklärt werden dürfen.

Daß Ulrich zwischen 1382 und 89 von Eßlingen
abwesend war, hat aber noch einen anderen
Grund. Die Kriege von 1377 und 1388 des Bun-
des der schwäbischen Städte hatten gerade der
Bürgerschaft Eßlingens große Unheil gebracht;
1389 erreichte daher auch der Steuerertrag einen

J) A. Diehl, K. Pfaff, a. a. 0.: zu 1358.

2) E. Reyer, a. a. 0. S. 55.

besonderen Tiefstand1). Haffner stellte fest, daß
infolge dieser Notjahre auch das versteuerbare
Vermögen des Meisters Heinrich von 300 Pfund
des Jahres 1372 auf 60 Pfund des Jahres 1382
zurückgegangen ist; daß daher vielleicht schon
dieser Meister nach 1382 infolge der Stockung
des Baubetriebes auch an der Frauenkirche ge-
nötigt war, sich außerhalb der Stadt nach neuer
Beschäftigung umzusehen. Zwischen 1362 und
97 sank auch die Zahl der Einwohner Eßlingens
von 2200 auf 1800 steuerfähige Familien. Aus
den Steuerlisten lassen sich daher denn auch
für diese achtziger und neunziger Jahre nur 5
bis 8 „Maurer" und Steinmetzen sicher nach-
weisen; gegenüber 12, 15 und noch mehr in den
sechziger und siebziger Jahren. An den Formen,
den Steinmetzzeichen und Konstruktionen, auch
durch Baufugen konnte Egle für das Langhaus
der Frauenkirche zwei Entstehungsperioden
nachweisen, die, wenn auch nicht durch eine
Zeit des Stillstands von vierzig, so doch sicher
von zwanzig bis dreißig Jahren voneinander ge-
trennt sind (von beil. 1370—90)2). Auffällig
bleibt ja auch, daß 1382 nicht nur Meister Hein-
rich, sondern auch sein Altgeselle Ulrich Eßlin-
gen verlassen haben; daß Meister Heinrich da-
mals starb, ist ja nur eine Vermutung.

Die neuen Nachrichten lassen sich auch mit der
Berufung Ulrichs nach Ulm zwanglos in Ein-
klang bringen. Am 17. Juni 1392 wurde der Mei-
ster in Ulm auf fünf Jahre fest angestellt. Um
den 16. Juli 1391 herum, an welchem Tage man
in Mailand seine Bedingungen annahm, müssen
die Verhandlungen mit Ulm schon im Gange
gewesen sein, sonst hätte Ulrich das Mailänder
Angebot wohl kaum ausgeschlagen. Wie sich
solch ein Meisterwechsel vollzog, konnte Beiße!
für Xanten auf Grund der reichlich erhaltenen
Baurechnungen deutlich zeigen. Meister Conrad
von Cleve, der neu bestellte Baumeister, war
1375 nach Xanten gekommen und bestieg da
mit dem Fabrikmeister (Baupfleger) Heinrich
v. Tiegel und dem Schreinermeister Wilhelm
den begonnenen Westturm; hier wurde dessen
Ausbau und der neue Hehn besprochen. Konrad
nahm die nötigen Maße für seinen Riß und

J) A. Diehl, Wirtschaftliche Vorgänge ... S. 254 lind
O. Mayer, Geistiges Leben i. d. Reichsstadt Eßlingen vor
d. Reformation. Erweit. Sonderabdr. aus den Wiirttemb.
Vierteljahrsheften .. . N. F. IX, 1900, S. IX.

J) J. v. Egle, Die Frauenkirche in Eßlingen, ein Meister-
werk der Gotik des 15. Jahrh. Stuttgart 1898, Text
S. ,10—12.

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