Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 179
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zu, so ist vorerst zu fragen, ob in Eßlingen in
diesen Jahren nicht außer der Frauenkirche
nennenswerte Bauten entstanden. Hat das städti-
sche Hauptunternehmen, der Bau der Frauen-
kapellkirclie wohl auch Kräfte ausgebildet wie
jenen Meister Göblinger, der von 1456—61 in
Walburg (U. Elsaß) nachweisbar ist, so kann
der Meister Hans von Memmingen aus Eßlingen,
der 1435 ein Gutachten über einen Ingenieurbau
abgibt1), im Rahmen des Frauenkirchenbaues
nicht als Meisler untergebracht werden.
Die bedeutenden Bettelordensbauten Eßlingens
wurden noch im 13. Jahrh. vollendet; ebenso das
imposante Ingenieurwerk der äußeren Pliensau-
Brücke. Die Kapellenordnung von 1321 bietet
nicht nur die Erklärung für so durchgreifenden
Ausbau der Marienkapelle. Vor die Zeit Ulrichs
fallen noch der 1349 durchgeführte Neubau der
Hl. Kreuzkapelle auf der äußeren Neckarbrücke
und die Liebfrauenkapelle vor dem Vogelsang-
tor (1351); sie bestehen heute beide nicht mehr.
Auch von jener Kapelle in der Vorstadt vor dem
Sülmer Tor, welche 1397 durch die Stadt erbaut
worden ist, können wir uns nicht einmal durch
alte Abbildungen eine Vorstellung machen2).
Dieser Bau könnte nach einem Entwurf Ulrichs
entstanden sein. Von Teilen der zahlreichen und
stattlichen Kloster-Pfleghöfen Eßlingens, die zur
Zeit des Meisters Ulrich entstanden sein könn-
ten, sind auch weder Nachrichten noch Baureste
auf uns gekommen. In welchem rechtlich-poli-
tischen Verhältnis der Umbau der Marienkapelle
zur Pfarrkirche St. Dionys des Domstifts von
Speyer stand, wurde schon im ersten Abschnitt
(oben S. 173) erläutert. Daß Ulrich auch oder zu-
gleich an diesem Bau gearbeitet habe, ist daher
von vornherein unwahrscheinlich. Es ist auch
zeitlich unmöglich: Der Verlängerung des Lang-
hauses dieser Kirche durch zwei westliche Joche
um 1330 folgte unmittelbar ein völliger Neubau
des Chores. Auch dessen Biblia-Pauperum-Fen-
ster beweist, daß dieser Bauteil um die Jahr-
hundertmitte schon vollendet gewesen sein muß.
Es ist ein typischer Stiftsbau der Zeit: Sehr ele-
gant und einheitlich, mit ausgeschliffenen, über-
schärften Einzelformen. „Kathedral" auch der
Glashaus-Charakter des Innern, die betonte Ver-
tikaltendenz. Diese vermeidet zwar schon jede

Erwähnt bei G. Mehring, Sechs Baumeister von 1435.
Württemberg, Jg. 1930, S. 175 ff.

2) E. Paulus, Die Kunst- u. Altertumsdenkmale i. Kgreich.
Württemb. Neckarkreis. Eßlingen 1906, S. 167 ff.

Betonung der Kämpferzone, ist aber insofern
noch nicht ganz folgerichtig, als sie das Birnstab-
profil der Rippen nicht auch für die Dienste
übernimmt. Von gleichem Geiste zeugt der 1355
begonnene Chor des Domes von Aachen; als Vor-
bild taucht hier zuletzt die Ste. Chapelle auf.
Der Erbauer des Eßlinger Stadtkirchen-Chores
ist höchstwahrscheinlich kein Schwabe gewesen.
Wie wenig selbst jener Meister Heinrich, Be-
gründer der Parler-Familie, welcher in Köln
Parlier gewesen war, an seinem Hauptbau in
Schw.-Gmünd rheinisches Schulgut verwendete,
ist bekannt. Das Eßlinger Stadtkirchen-Chor ist
dagegen ein ausgesprochenes Schulwerk aus dem
Kreise rheinisch-kölnischer Gotik. Die Vermitt-
lung ging in diesem Falle gewiß über das kirch-
lich unmittelbar vorgesetzte Domstift Speyer,
dessen Bauhütte erst um 1420 erlosch1). Über die
kennzeichnende Umbildung, welche diese, auf
solche Art nach Eßlingen importierte Kunst am
neuen Chore der Frauenkirche erfuhr, wird noch
zu reden sein. Im Inventar wurden die zwei west-
lichsten Joche des Langhauses der Stadtkirche
ganz zu Unrecht auf Grund einer Reparatur-
nachricht von 1437 datiert2). Portale und Maß-
werkformen haben sehr deutliche Parallelen
z. B. am Langhaus von Hl. Kreuz in Schwb.-
Gmünd. Das Fenster in Form eines sphärischen
Dreiecks im Westgiebel hat eine Restaurierung
des 19. Jahrh. allein zu verantworten.

Es kommt innerhalb Eßlingens also tatsächlich
nur die Frauenkirche für die nachweisbare Tätig-
keit Meister Ulrichs in Betracht. Bevor wir uns
dieser zuwenden, ist noch die engste Heimat des
Baumeisters, Ober- und Unterensingen, sowie
Nürtingen nach Baudenkmälern seiner Zeit zu
befragen: Eine Kirche Ensingens wird wohl 1391
erwähnt (Nr. 1698 im 2. Bd. des Eßl.Urk.-Buches).
Die kleine gotische Kirche Ober-Ensingens wurde
1729 sehr verändert. Das Mauerwerk der Kirche
Unter-Ensingens (Rechteckchor) ist frühgotisch.
Die stattliche Laurentiuskirche3) von Nürtin-
gen, für die keine Baudaten vorliegen, ist in
ihrer heutigen Gestalt als freiräumige Hallen-
kirche ein charakteristischer Bau des Kreises um

') S. Mone, Über die Domfabrik zu Speier. Anz. f. Kunde
d. teutschen Vorzeit. 5. Jg., 1836, S. 101. Eine spätmittel-
alterliche Fernstraße führte von Speyer über Eßlingen
nach Ulm.

2) E. Paulus, a. a. 0. S. 181.

3) E. Gradmann, H. Christ, H. Klaiber, a. a. 0. S. 216/17
u. briefl. Mitt. von Hrn. J. Kocher, Archivar in Nür-
tingen.

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