Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 181
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Der Chorbau ist durch das neue Chor von
St. Dionys sichtlich beeinflußt. Die Verwendung
des Entlehnten geschah aber in einer Weise, daß
das Ergebnis schon als eigentümlich schwäbische
Gotik bezeichnet werden muß. Der 5/8-Schluß
wurde an der Stadtkirche mit breiten, vierteili-
gen Fenstern gebracht; durch starken Schräg-
schnitt ihrer Gewände und dessen reiche und
feine Profilierung wurden innen die Wandreste
mit den Diensten zu einem Strom von Vertikalen
vereinigt. Auch die elegante Zweischaligkeit des
Sockelgeschosses ist sehr betont. Im Chor der
Frauenkirche wurde diese zugunsten einer wand-
haften Breite aufgegeben, die auch für die Wahl
von nur dreiteiligen Fenstern im Schluß maß-
gebend war. Die Wandwirkung der Fensterzone
wird durch Steilschnitt der Leibungen noch be-
tont, der so vereinsamte Dienst entsprechend
kräftiger gebracht. Daß die schon für den Er-
bauer des Dionys-Chores naheliegende Folgerung
aus dem Kämpferwegfall, den Birnstab der Rip-
pen selbst für das Profil der Dienste verbindlich
zu erklären, auch von dem Erbauer des Chores
der Frauenkirche nicht durchgeführt worden ist,
erscheint schon nach dem bisher Gesagten ver-
ständlich. Die größere Einheit von Wand- und
Gewölbezone hätte den Eindruck einer fast ner-
vösen Zartgliedrigkeit ergeben, wie sie dem so
deutlich aus schwäbischem Geiste entwickelten
Bau gar nicht entsprach. Auch der ganz waage-
recht gewordene Scheitel seiner Gewölbekappen
erklärt sich aus diesem Wunsche (Taf. 35 c
u. 35 d). Die viel geringere Tiefe des Chores der
Frauenkirche ist auch nicht allein aus der an-
deren kultischen Aufgabe dieses Baues zu er-
klären. Daß die drei Schmalrechtecke des Vor-
chores bei St. Dionys zu einem stumpfen Recht-
eck zusammengezogen wurden, weist schon dar-
um auf den Wunsch nach saalhaft ruhigerer
Wirkung, weil mit einem langsamen Breit-
schritt der Tiefenwirkung auch entprechend
weniger Senkrechtteilungen sich ergeben. In den
Proportionen des Grundrisses drückt sich das
folgendermaßen aus: Zwei jt/4-Dreiecke, über
der lichten Breite errichtet, geben die Ostaus-
ladung der Strebepfeiler, eines die Mitte des
dritten Vorchorjoches. Bei der Frauenkirche
liefert ein gleiches Dreieck vom Westansatz des
Chores her schon den Mittelpunkt des Schlusses.
Außen wird die gliedhaftere Schlankheit des
Chores von St. Dionys durch dreieckige Sporn-
pfeiler betont. Die flachkantigen Strebepfeiler

am Chore der Frauenkirche bringen dagegen
über der idealen Kämpferzone noch einen durch
dreiseitige Giebel besonders betonten Rück-
sprung. Die nach 1495 unter der Leitung von
Mathäus Böblinger auf diese Rücksprünge ge-
setzten Paare von Aposteln unter reichen Spalt-
Baldachinen haben die schon ursprünglich vor-
handene Wirkung nur noch verstärkt. Schon um
1488 war unter Markus Böblinger mit einer Er-
neuerung (oder Vollendung?) des Ostgiebels
und der Brüstungszonen begonnen worden, die
sich bis ins erste Jahrzehnt des 16. Jahrh. hin-
zog. Die Brüstungszone des Chores mit ihren
Fialen stammt ganz aus dieser Zeit; vom Ost-
giebel gehört nur das untere Südfenster dem
späteren 14. Jahrh. an. In die Zeit vor 1350 ge-
hören jedoch schon die Konkavgiebelchen auf
den Hauptrücksprüngen der Clior-Strebepfeiler.
Ulrich von Ensingen hat dieses Motiv, welches
hier sehr früh auftritt, also in Eßlingen, schon
übernommen; er verwendete es später so häu-
fig, hat die in ihm liegenden Möglichkeiten
so ausgebaut, daß der Konkavgiebel zu einem
wesentlichen Kennzeichen seiner Bauten ge-
worden ist (vgl. Taf. 36 a u. 39 a). Die klein-
teilige Regelmäßigkeit des Maßwerkes der
Chorfenster weise noch einmal auf den Zu-
sammenhang zwischen den Chören der Stadt-
und der Frauenkirche. Daß solche Einzelheiten
aber auch auf anderen Wegen in die neue städti-
sche Bauhütte gelangen konnten, wird noch zu
zeigen sein. Nicht nur die Feingliedrigkeit der
Formen des Chores von St. Dionys, auch die
Klarheit seiner Proportionen im Aufbau sind
jedoch vom Baumeister des Frauenkirchenchores
achtungsvoll studiert worden.

Das Ebenmaß des Chores der Eßlinger Bar-
füßerkirche kann nur durch seine Strenge auf
ihn gewirkt haben. Denn diese, für einen Bettel-
orden auffallend „kathedrale" Architektur (Beil.
1237—75)*), von der der allein das Chor er-
halten blieb, ist ganz anders geartet. Außer-
ordentlich steile Gewölbekappen, hier notwen-
dige Folgerung aus ungemeiner Schlankheit,
sind ein Extrem zu der Lösung, die schon am
Chor der Frauenkirche gefunden wurde. Wie
selbständig und sicher dessen Erbauer (Meister
Ulin?) auf eine sehr schwäbische Hallenanlage
hingearbeitet hat, wird daher auch aus dem Ver-
hältnis zu älteren Bauten der Stadt klar.

') A. Renner, Die Barfüßerkirche („Hintere Kirche") in
Eßlingen. Ebda., 1925, S. 10.

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