Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 183
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durch ein, in seiner Gelenkwirkung viel besser
auf Untersicht berechnetes (Taf. 36 b, Nr. 1
u. 2). Auch die alte Scheidbogen-Schablone
formt er zu kräftigerer Einfachheit um (Taf.36b,
Nr. 5 u. 6).

Zeigt sich schon bei solchen Einzelheiten ein,
bei aller achtungsvollen Verpflichtung gegen-
über dem System des halbvollendeten Baues
doch selbständiges, lebendiges Formgefühl, so
tritt dieses ungleich deutlicher bei den Maß-
werken der Fenster, inbesondere an der zur
Schauwirkung ausgebildeten Südseite hervor
(Taf. 39 b). Wohl wegen des Südostportales
hatte Meister Heinrich das zweite Joch des
Ostbaues nicht unerheblich vertieft, solches
Maß dann auch für das dritte Joch beibehalten.
Ulrich übernahm dieses Maß b der Jochtiefe
genau, trug ihm aber auch durch entsprechende
Erhöhung des Fensters Rechnung1). Da er im
letzten, ihm noch verbleibenden reinen Lang-
hausjoch des eingebauten Turmes wegen zu der
geringeren Tiefe von Joch I des Ostteiles zu-
rückkehren mußte, so erhielt er damit für den
Innenraum wohl einen günstigen Jochtiefen-
Rhythmus a —b — b — b — a; für die tal- und
stadtwärts gekehrte Schauseite aber ergaben
sich daraus Schwierigkeiten. Die reiche Umklei-
dung des Südwestportales soll außen über die
unerwünschte Verengung ebenso hinwegtäu-
schen, wie die auch für das schmale Westturm-
joch beibehaltene größere Höhe des Fensters.
Dank der Sprengwirkung des durch einen Man-
dorla-Bogen aufgespaltenen, eingegitterten Korb-
bogens über dem Portal-Sturz und den fassaden-
haft behandelten Stirnen der rahmenden Strebe-
pfeiler tritt auch das Portal des Ulrich-Teiles
gerade mit dem gewünschten Nachdruck her-
vor (Taf. 39 b). Als Hauptfigur seines ersten
Langhausfensters wählte Ulrich ein Fischblasen-
rad. Sehr früh, in den Siebzigerjahren, brachte
auch Peter Parier dieses Motiv am Hochgaden
des Domchores in Prag. Im westlichsten Fenster
ist die Klarheit der Hauptfigur des Maßwerkes
schon durch Schmiegungsformen aufgelöst. Ähn-
lich, nur entsprechend einfacher, vollzieht sich
der Wandel an der Nordseite. Die Auflösung der
Hauptfigur des Maßwerkes durch Fischblasen-
paare begegnet auch an den notwendig nur drei-
teiligen Fenstern der Westfront.

*) Da er die Dicke der Tuffsteinkappen des Gewölbes
von 25 cm auf 20 cm herabsetzte, kam er trotz der grö-
ßeren Spannweite mit den gleichen Pfeiler- und Mauer-
stärken aus.

Es ist nicht ausgeschlossen, daß auch die gegen
Westen und Norden in ein Eck der bergwärts
ansteigenden Stadtmauer gepreßte Verlänge-
rung der Kirche in Ulrich den Plan zu völligem
Einbau des Westturmes, bzw. organischerem
Herausentwickeln desselben aus der Hauptbau-
masse wachrief. Der Hauptanblick von Südosten
her forderte eine staxke Verknüpfung von dieser
Art. Nur so konnte der Meister der ruhig ge-
lagerten Masse einer schon übernommenen Lang-
haushalle noch einen Auftrieb mitteilen, dem zu-
liebe Ulrich dann in Ulm den Hallenplan der
Parier aufgab. So erklärt es sich auch, daß die
Untergeschosse des EßlingerWestturmes in ihrem
Grundriß nicht quadratisch, sondern stumpf
rechteckig sind. Sie folgen damit dem Seiten-
verhältnis der Mittelschiffsjoche. Rein zentrisch
ist im Aufbau des Turmes erst das Achteck-
geschoß orientiert. Nur durch Ausecken der
Langseiten wurde der Übergang möglich.

Neu als Aufgabe war für den Außenbau auch
die Entwicklung einer Langhausfassade aus dem
Hallensystem, wie sie die Südseite der Frauen-
kirche bringt. Spuren einer reichen Vergoldung
und Bemalung, die noch Heideloff an ihren Por-
talen feststellen konnte, weisen auf die einst
noch größere Pracht, mit der diese Schauseite
gewirkt hat. Die um 1400 ausgeführte Verbreite-
rung des Hallenlanghauses von St. Thomas in
Straßburg vom drei- ins fünfschiffige System
kommt als Vorbild nicht in Betracht, das Er-
gebnis aber ist recht ähnlich.

Die Nordfassade von St. Thomas, hier Sehauseite, ist
durch Hinausschieben der Fensterwand des älteren Baues
entstanden. Die Strebepfeiler schrumpften dadurch am
Außenbau zu Lisenen und innen konnte der Raum-
gewinn, den das neue System gewährte, nur noch
augenfälliger gemacht werden. Im ganzen also eine
schon deutlich weiterweisende Lösung (Tafel 40 a, b).
Außenbau zu Lisenen und innen konnte der Raum-
gewinn, den das neue System gewährte, nur noch
augenfälliger gemacht werden. Im ganzen also eine
schon deutlich weiterweisende Lösung (Tafel 40 a, b).
Möglich, daß Ulrich hier in den achtziger Jahren ge-
arbeitet hat oder sich die Anregung holte zu seiner Eß-
linger Turmlösung. Erhielt doch das, im späteren
13. Jahrhundert errichtete Westwerk an der genannten
Kirche des Straßburger Schottenklosters durch den zwei-
maligen Umbau des Langhauses im Hallensystem einen
neuen Sinn. Schon ab 1366 versuchte man diesem durch
Aufbau eines kunstlosen Obergeschosses Rechnung zu
tragen; der sehr breit gewordene Bau hatte als Ganzes
wieder einigen Auftrieb nötig. Das Ergebnis kommt der
in Eßlingen originaler hervortretenden Lösung des Ge-
samtbaues ziemlich nahe.

Die Beziehungen zu St. Thomas in Straßburg
müssen schon in den Zwanziger jähren eingesetzt
haben; in einer Zeit, da in Eßlingen spätestens

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