Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 184
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der Plan, im Hallensystem zu bauen, sich durch-
gesetzt haben muß. St. Thomas ist für das Süd-
westdeutschland der Zeit der einzige, früheste
Bau in diesem System und noch war für Schwa-
ben die Bindung an Straßhurg und den Westen
stark genug, um solchen Einfluß zu ermög-
lichen. Auch die besondere Lösung des „West-
werks" an der Stiftskirche von Herrenberg weist
deutlich auf die Spätromantik im Elsaß. Es hat
daher schon Dehio für frühe Hallenkirchen
Schwabens, für das Langhaus in Schw.-Gmünd
und für Herrenberg, auf St. Thomas als Vor-
bild hingewiesen. Nach Straßburg kann die neue
Bauweise nur aus Hessen gelangt sein, wo eben
damals westfälische Überlieferungen zu schöner
Sonderform ausreiften: Friedberg, bereits Ende
des 13. Jahrb. im Bau, bringt schon jene Ver-
einheitlichung des Dienst-Rippenprofils, die auf
die Wiesenkirche von Soest weist; in Schwaben
ist solche Überlieferung abgelehnt worden. Die
Brücke aus hessischem Bereich nach dem Elsaß
hin bildet Mainz. Bedeutsam hier insbesondere
der 1803—07 abgebrochene Prachtbau der Lieb-
frauenkirche. (1311 Gesamt- und Hochaltar-
Weihe.) Hier sind ebenso wie in Eßlingen die
Strebepfeiler stark eingezogen, bzw. die Wände
vorgeschoben. Ebenso wie in Eßlingen wird
auch das Raumbedürfnis zu solchem Vorgehen
geführt haben. Für den Innenraum ergab sich
dadurch stärkere Breitwirkung, für die südliche
Schauseite wandhafte Geschlossenheit. In Eß-
lingen ist diese Schauseite nicht unerheblich ge-
ändert durch den Ausbau der Galeriezone, die
in den Jahren nach 1482 unter Markus Böblin-
ger erfolgte (Taf. 39b). Von den Schluß-
fialen der Strebepfeiler entstanden damals die
drei westlichen neu. Aus der Ulrich-Zeit stammt
allein die Fiale über der Langhaus-Mitte1).
Die Liebfrauenkirche in Mainz hat mit der ersten
Hallenvorlage von St. Thomas besonders die
Bündelpfeiler mit sehr kräftig gerundeten Dien-
sten gemeinsam2). In Mainz ist aber die Kämpf er-

1) Wie die Schlußfialen über den Strebepfeilern der
älteren Langhaushälfte ausgesehen haben, läßt sich nicht
mehr feststellen. Sie wurden bei der Restaurierung von
1834 so verdorben, daß Egle sie 1885 nach dem Muster
der Ulrich-Fiale ganz neu herstellen lassen mußte. Die
betont einfach gehaltene Brüstungszone der Nordseite
gestattet auch keinen Rückschluß auf den ursprünglichen
Bestand im Süden.

2) Abb. von Mainz: Aquarell J.J.Hochs von 1779 als
Taf. 2 bei J. Baum, Drei Mainzer Hallenkirchen in: Fest-
schrift Fr. Schneider, Freiburg i. Br. 1906, S. 353 ff.

zone schon vollkommener gelöst; Straßburg
zeigt sich gehemmt durch die Nähe groß-kathe-
draler Vorbilder. Eßlingen bringt gegenüber
St. Thomas erheblich Vollkommeneres, weil es
die Kämpfer überhaupt ausschaltet, wodurch die
aus noch ungleich breiten Schiffen sich not-
wendig ergebenden ungleichen Ansätze der
Gewölbe besser ausgeglichen werden konnten.
In Eßlingen wurde schon durch Meister Hein-
rich die Bündelung von vier Haupt- und vier
Nebendiensten ersetzt durch je ein Trio gleich-
starker Dienste an der Nord- und Südseite des
Pfeilers1). In dessen Arkadenleibung tritt allein
der einfache Kern des in einem unregelmäßigen
Sechseck gebildeten Pfeilers hervor (Taf. 36 b,
Nr. 7). Der in St. Thomas deutlich auch von
kathedral körperhaften Vorbildern abhängige
Pfeilerquerschnitt I, dessen Aufbau noch der
Vertikalsteigerung Rechnung trägt, ist in Eß-
lingen auf den Höhenausgleich des Hallen-
systems umgestellt. Mehr als das; der Breit-
wirkung des neuen Systems entspricht in diesem
Querschnitt auch ein radikales Entwerten der
Arkadenleibung, also der Ost-Westrichtung.
Denn auch am Pfeilerfuß ward lediglich das
Diensttrio der Nord- und Südseite eigens ab-
gesockelt. Ein solcher Querschnitt war dem
System des Langhauses so vollkommen ange-
paßt, daß Ulrich ihn auch für den, unter seiner
Leitung aufgeführten Westteil so gut wie un-
verändert übernehmen konnte. Meister Ulin oder
Heinrich hat aber so weitgehende Umformung
des Straßburger Vorbildes nicht allein erreicht.
Die Lockerung der hochgotischen Basilika zur
„Arkadenbasilika" des aufgehenden 14. Jahrh. in
Deutschland2) mußte notwendig auch die Ost-
Westachse des Pfeilerquerschnitts entwerten.
Wir beobachten sie z. B. schon bei den Lang-
hauspfeilern der Marienkirche von Reutlingen,
die um 1310 ausgeführt worden sind. Das am
Nordschiff des Langhauses von St. Theobald zu
Thann in ähnlicher Einfachheit wie in Eßlingen
begegnende Arkadenprofil stammt aus der Zeit
nach 1430; die hier zur Diskusion stehende Um-

*) An den Pfeilern werden in der fünften Schicht die
Quer- und Diagonalrippen de3 Mittelschiffes frei, in der
sechsten die Diagonalrippen der Seitenschiffe, in der
siebenten dann die Scheidbögen.

-) Die treffende Bezeichnung für eine auf die Halle
zielende Umformung der hochgotischen Basilika mit sehr
weitgespannten und erhöhten Arkaden wurde von W. Groß
vorgeschlagen: Die Hochgotik im deutschen Kirchenbau.
Marburger Jahrb. f. Kunstwiss. VII. Bd., 1933, S. 290 ff.

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