Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 185
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formung vollzog sich erst in Schwaben. Für Eß-
lingen ergibt sich da ein unmittelbarer Zusam-
menhang mit der Heiligkreuzkirche von Rott-
weil. Beide Fassungen der Langhauspfeiler
bringen hier bei deutlich entwerteter Arkaden-
leibung das Trio vollrunder Dienste an der
Nord-Südachse. Selbst gegenüber der späteren
Fassung II in Rottweil stellt aber Eßlingen noch
einen sehr merkbaren Fortschritt dar: Der Rott-
weiler Querschnitt hat noch einen, durch Hals-
glied und größeren Umfang betonten Haupt-
dienst in der Nord-Südachse und sockelt das
ganze Pfeilerprofil in einem Block ab. Das ent-
sprach, nebst der aus ungleichen Schiffsbreiten
notwendig sich ergebenden ungleichen Betonung
der zwei Diensttriolen durchaus jener Über-
gangsform einer Pseudobasilika, wie sie in die-
ser Rottweiler Kirche verwirklicht worden ist1).
Eßlingen formte diesen Querschnitt im Sinne
seines konsequent gewordenen Hallensystems
um. Das Langhaus der Stadtkirche von Rottweil
kann um 1300 angesetzt werden. Ihr feingliedriger
Chor, der sich vor allem in der Arkadenzone
von St. Dionys in Eßlingen beeinflußt zeigt, ent-
stand demnach bald vor der Jahrhundertmitte.
Mehrfach sind also die Beziehungen Rottweil-
Eßlingen. Die Wirkung der Rottweiler Bild-
hauerwerkstatt auf den Ostbau des Langhauses
in Eßlingen wird ergänzt durch eine solche auf
dessen Architektur. Schon Meister Ulin hat
wahrscheinlich die durch Straßburg angeregte
Hallenanlage mit Hilfe von schwäbischem
Formengut erheblich verwandelt und verbessert.
Wobei man nicht vergessen darf, daß zur Ent-
stehung einer eigentümlich schwäbischen „Son-
der-Gotik" auch Zisterzienser und Bettelorden
Wesentliches beigetragen haben. Hier sei nur an
die flachgedeckte Arkadenbasilika der Franzis-
kaner erinnert, die von Südwesten her im späten
13. Jahrhundert nach Deutschland kam. Schon
Dehio vermutete hier mit Recht einen Zu-
sammenhang mit der Ordensarchitektur in Tos-
kana. Auch die Entwertung der Arkadenleibung
von Mittelschiffspfeilern wird durch die deut-
schen Kirchen dieser Orden angeregt worden
sein.

Im schwäbischen Bereich stellt die Frauenkirche

Eßlingens ohne Zweifel die älteste, vollkommene

]) Die Verzierung der Säulenbasen an den Mittelsehiffs-
pfeilern der Rottweiler Stadtkirche geschah erst im
Rahmen des in der Spätzeit des 15. Jahrh. begonnenen
Verbreiterung des Langhauses. S. die Aufnahmen auf
S. 304 des Württemb. Inventars, Schwarzwaldkreis.

Hallenanlage dar. Im Gegensatz zu Klaiber kann
das 1328 geweihte Langhaus der Stiftskirche
Herrenberg nicht als sicheres Zeugnis für einen
früheren Hallenbau vorgestellt werden. Nicht
nur die heutige Wölbung, sondern auch die Ar-
kaden des Langhauses sind erst nach 1453 ent-
standen und es konnten stichhaltige Gründe da-
für angeführt werden, daß der 1328 geweihte
Bau wenigstens zeitweise als basilikale Anlage
geplant war1). Vielleicht hat der deutlich nach-
weisbare, enge Zusammenhang mit der, ihrer
Vollendung entgegengehenden Marienkirche
Reutlingens hier zur Anlage einer pseudobasi-
likal abgestumpften Arkadenbasilika geführt?
Die Querschnitte der aus der Zeit vor 1328 stam-
menden Langhauspfeiler lassen das auch ver-
muten. Daß der Erbauer des Chores der Eß-
linger Frauenkirche diesen Herrenberger Bau
kannte, darf man auf Grund der recht weit-
gehenden Ähnlichkeit des Maßwerkstympanons
über dem Langhaus-Nordportal in Herrenberg
mit dem Maßwerk im Schlußfenster des Eß-
linger Chores annehmen2). Herrenberg hat da
wahrscheinlich um 1310 das Neueste vom Straß-
burger Münster übernommen: Das Maßwerk im
erhöhten ersten Geschoß der Westtürme. Daß der
Erbauer des Chores der Eßlinger Frauenkirche
bei der Verarbeitung von Anregungen, die er von
St. Dionys empfangen hatte, auch auf Grund einer
sich schon bildenden eigentümlich schwäbischen
Gotik selbständiger zu handeln vermochte, wird
durch solche Zusammenhänge bestätigt.
Im Hinblick auf die ungewisse Form des ur-
sprünglichen Langhauses in Herrenberg muß
noch die Marien-, jetzt Stadtkirche von Owen
genannt werden. Das wahrscheinlich nach einem
Brand von 1385 einheitlich errichtete Langhaus
ist ein merkwürdiger Vermittlungsversuch zwi-
schen Halle und Basilika3). Nicht nur die mit
Basen und Kapitell versehenen Rundpfeiler
weisen auf Einfluß vom III. Kreuz in Gmünd.
An diesem Hauptbau der Parier sind die Ge-
wölbe sowohl im Langhaus als auch im Chor be-

l) H. Klaiber, Über die Anfänge der Hallenkirche in
Schwaben. Zeitschr. f. Gesch. d. Architektur, 4. Jg., 1911,
S. 255 ff. — Vgl. dagegen die Darstellung bei E. Grad-
mann, H. Christ, H. Klaiber, a. a. 0. S. 298.

") Vgl. Abb. S. 108 im Württemb. Inventar, Schwarzwald-
kreis mit Taf. 27, Fig. Ia bei v. Egle, a. a. O. — Für
Straßburg den sogen. Riß D im Straßburger Münster-
blatt, 6. Bd., 1912.

3) Vgl. den Querschnitt auf S. 160 des württemb. Inven-
tars, Donaukreis, 2. Bd. Gewisse Bettelordensbauten
(Konstanz) dürften da eine Rolle gespielt haben.

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