Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 186
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kanntlich erst nach 1491 auf Grund von Plänen
Aberlin Jörgs in Angriff genommen worden. Für
den Vergleich mit Eßlingen kommt nur das um
1320 begonnene Langhaus in Betracht. Von sei-
nem Außenbau wurde schon gesagt, daß geglie-
dertere Strebepfeiler hier noch viel energischer
vortreten. Wie der Innenraum ursprünglich
auch geplant gewesen sein mag, die kapitell-
bewehrten Rundsäulen, wie sie von den Parlern
dann auch noch für den wichtigen Neubau des
Chores übernommen worden sind, können eine
auch nur ähnlich einheitliche Wirkung des Auf-
baues nicht zugelassen haben, wie sie für Schwa-
ben zuerst in Eßlingen erreicht worden ist. Die
Parier haben freilich bestimmte Gründe gehabt,
die schon überalterte Rundsäule der Profan- und
Bettelordenarchitektur noch einmal so heraus-
zustellen. Sie können hier aber nicht erörtert
werden.

Ulrich von Ensingen stand 1389 demnach zu-
nächst vor der Aufgabe, den zur Hälfte in einem
bemerkenswert sicheren Hallenstil begonnenen
Langhausbau zu vollenden. Inwieweit er dabei
im Rahmen dieses Systems bleibend, Änderun-
gen vorgenommen hat, wurde teilweise schon
dargelegt. Zukunftsträchtige Lösungen, wie den
Pfeilerquerschnitt Meister Heinrichs mit so
energisch betonter Nord-Südachse, hat er sogar
noch bei dem Umbau des Ulmer Langhauses zu
einer Basilika angewendet. Entsprach doch ein
so angeordneter Pfeiler, für dessen Weiterwirken
in der deutschen Sondergotik hier nur auf
St. Georg in Dinkelsbühl verwiesen sei, einer
allgemeinen Neigung zu langsamerer Tiefen-
bewegung, der sich auch die neukathedrale Basi-
lika der Zeit um 1400 einordnet.

Daß Ulrich sich in Eßlingen dem Systeme selbst,
dem vielleicht schon von dem Erbauer des
Chores entworfenen Gesamtplan der Kirche
weitestgehend einfügte, um der so erhaltenen
Einheit vor allem des Langhausraumes erst in
der selbständiger behandelten Rolle des Turmes
einen Bauteil originellerer Art einzufügen, geht
klar auch aus einer Betrachtung der Proportio-
nen dieses Baues hervor:

Mittel- und Seitenschiffe sind nicht etwa gleich breit,
wie man nach dem Querschnitt der Mittelschiffpfeiler
vermuten könnte. (Sie nehmen auch hier weitere Mög-
lichkeiten vorweg.) Das Verhältnis ihrer lichten Breiten
zueinander ist ein geometrisches, ist aus der Triangulie-
rung mit dem ~ ,'4-Dreieck gewonnen worden. Dieses
Dreieck mit einem Spitzenwinkel von 45 Grad ist ins-
besondere für den Entwurf von Grundrissen im späteren
13. und 14. Jahrhundert sehr oft angewendet worden;

die Parier z. B. können sich bei der meisterhaften An-
wendung dieses Systems für den Entwurf des Chores vom
Hl. Kreuz in Gmünd auch als Schüler zisterziensisch
geschulter Meister gezeigt haben. Jedenfalls sind die oft
recht komplizierten Bauten der späteren deutschen
Gotik nur auf Grund dieses, oder verwandter Hilfsmittel
möglich geworden1). Der sich durch sie ergebenden Ent-
wurfsarbeit nachzugehen, bedeutet auch die Gewinnung
von Grundformeln für ihre künstlerische Eigenart.
Zunächst der Grundriß: (Taf. 37 a). Ein Fundamental-
Dreieck von der Ostausladung der Strebpfeiler am Chor-
haupt gegen Westen gibt die Westgrenze zwischen dem
zweiten und dritten Joch, zugleich die Ausladung der
Langhaus-Strebepfeiler. Von der Ostgrenze zwischen
diesen Jochen gegen Westen gibt ein zweites Funda-
mental-Dreieck die Ausladung der westlichen Turm-
strebepfeiler. Der gleiche Punkt wird auch durch zwei
Quadrate mit dem lichten Breitenmaß aller drei Schiffe
als Seitenlänge erreicht. Ausgehend vom „Grundmaß",
als das auch hier die lichte Breite des Mittelschiffes ge-
wählt worden ist, gibt ein Dreieck über solcher Basis
gegen Osten den Mittelpunkt des Chorschlusses, gegen
Westen je anderthalb Jochtiefen, beim zweiten Mal die
Langhausmitte, beim vierten Mal die Achse der West-
wand. Wird das nach Osten geschlagene Grundmaß-Drei-
eck rückgeführt auf die schon erwähnte Westgrenze
zwischen dem zweiten und dritten Joch, so wird damit
die lichte Breite aller drei Schiffe erreicht. Dieses wich-
tige Maß wird durch die konstruktiv festgelegten Strebe-
pfeiler der Seitenschiffe, nicht durch die zwischen ihnen
nach Norden und Süden vorgeschobenen Wände be-
grenzt. Die so sich ergebende Breite der Seitenschiffe
ist etwas mehr als die Hälfte der Breite des Mittel-
schiffes. Dessen Breite, als Grundmaß auch verbindlich
für die lichte Breite des Chores, bildete den Ansatz für
die Konstruktion. Nur in Metern gibt es daher eine un-
gerade Zahl. Rechnet man es auf jenen Freiburger Werk-
schuh um, der im ganzen 14. Jahrhundert sicher am
Freiburger Münster2) und wahrscheinlich, höchstens mit
unwesentlichen Abweichungen, auch an den anderen
wichtigen Bauhütten Schwabens gebraucht worden ist,
so ergibt sich für das Grundmaß die Zahl 24, da der
Freiburger Werkschuh 32,4 cm hat. Auch die ganze
lichte Chortiefe gibt nur in Metern die Zahl 11,75, in
Werkschuh dagegen 36; die lichte Breite des Lang-
hauses 18,8 m, in Werkschuh aber 58. Die Gesamttiefe
gar des Langhauses von der Ostwand des Triumphbogens
bis zur Ostwand des Turmjochs gibt in Metern 32,4, in
Werkschuh gerade 100. Die Regelmäßigkeit der Anlage
des Langhauses wird auch illustriert durch das Weiter-
wirken des Grundmaßes G. Als G1, vergrößert auf
25 Werkschuh, kehrt es in der Breite der Seitenschiffe
plus Strebepfeilerausladung wieder.

Die nur durch Triangulieren, also geometrisch gewon-
nene lichte Breite der Seitenschiffe ist dagegen sowohl
in Metern, 4,3, als auch in Werkschuh, 13,2, notwendig
ein ungerades Maß. Das gleiche gilt von den geometrisch

1) S. 0 Kletzl, Peter Parier als Baumeister. I. Tl. Dissert.
d. dt. techn. Hochschule, Prag 1931, Ms. — Instruktives
Beispiel, in einzelnen Schlüssen zu weit gehend: J.Haase,
Die Frauenkirche in München in ihren Hauptmaßver-
hältnissen nach der Methode mittelalt. Bauhütten. Süddt.
Bauztg., 27. Jg. 1917, S. 28, 36, 43, 47. — U.a. auch:
K. Witzel, Untersuchungen über gotische Proportions-
gesetze. Dissert. T. H. München, Berlin 1914.

2) H. Flamm, Die Längen- und Hohlmaße in der Münster-
vorhalle. Freiburger Münsterblätter, 9. Jg. 1913, S. 45
bis 47.

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